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Think big – Stanford, Harvard und das Weiße Haus

Mit seiner Geschichte hat Moritz Baier während seines MBAs in Stanford auch schon Tagesschau-Sprecherin Judith Rakers beeindruckt. (Quelle: Doclights, Oliver Kratz)

Wie eine Traumkarriere unter 30 aussieht? 2006 wusste der Abiturient Moritz Baier noch nicht, was die Studienstiftung ist. 2016 hat er an den anspruchsvollsten Eliteschmieden der USA studiert, für IBM ein Milliarden-Programm geschrieben, bei Goldman Sachs die größte Technologie-Transaktion der Geschichte betreut und im Weißen Haus die Besten aus dem Silicon Valley abgeworben. Der e-fellows.net-Alumnus im Interview.

Wenn ich mir deinen Lebenslauf anschaue, frage ich mich zuerst: Wolltest du schon als kleiner Junge hoch hinaus?

Im Gegenteil, ich wusste eher, was ich nicht wollte: studieren! Ich hatte nämlich Angst vor der Uni, weil meine Eltern keine Akademiker sind.

Nach dem Abi hat mich mein Gymnasium für die Studienstiftung vorgeschlagen. Meine Eltern und ich konnten damit aber leider damals nichts anfangen und ich habe den Vorschlag verfallen lassen. Stattdessen ließ ich mich absichtlich nicht ausmustern, um das Jahr Zivildienst als Orientierungsphase zu nutzen. Danach fing ich dann ein duales Studium an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin an, ein Mittelweg zwischen Studium und Ausbildung.

Klick gemacht hat es erst 2009, als ich es im Bachelor doch noch in die Studienstiftung schaffte: Die hatten lustigerweise auch noch den ersten Vorschlag und meinten, sie würden sich freuen, dass ich endlich mal vorbeikomme (lacht). Außerdem habe ich mich 2009 bei e-fellows.net beworben. Diese beiden ersten Schritte Richtung akademische und professionelle Exzellenz haben meinen Blick verändert: Als Schüler fand ich es noch abstrus, dass ein Freund sich für Oxford bewirbt; jetzt, mit 23, wollte ich plötzlich selbst meine Grenzen voll austesten.

Wie hast du es dann nach Stanford und Harvard geschafft?

Auch da war mein Weg nicht schnurgerade, denn nach dem Bachelor stieg ich erst einmal in Vollzeit bei IBM ein. Meine Abteilung, die Konzernstrategie, war ein Glücksgriff, den ich meinem Einsatz als Praktikant und den daraus entstandenen Kontakten zu verdanken habe. Denn eigentlich stellen die nur Top-MBAs und Top-PhDs ein. Gerade deswegen habe ich mich aber immer bemüht, ganz vorne mit dabei zu sein. Ich hatte damals übrigens auch eine Intervieweinladung von McKinsey, bin aber mal wieder aus Angst vor dem Unbekannten nicht hingegangen.

Nachdem ich mich bei IBM eingearbeitet hatte, merkte ich, dass meine Kollegen – auch die in den USA, die ich öfter besuchte – zwar gut sind, aber auch nicht über Wasser laufen. Nur mit ihren akademischen Top-Abschlüssen konnte ich nicht mithalten.

Mein großer Durchbruch kam 2010: Für meine Abteilung hatte ich eine Software geschrieben, die IBM geschätzt bis heute über eine Milliarde Dollar an zusätzlichen Vertriebseinnamen einbrachte. Die Belohnung: Ich durfte mein Projekt mit 25 vor dem CEO in Amerika präsentieren und für ein halbes Jahr als "besondere Trainingsmaßnahme" nach Harvard gehen.

In Harvard habe ich das erste Mal eine hervorragende akademische Ausbildung erfahren und schnell gemerkt, dass in den USA in Sachen Exzellenz ein anderer Wind weht. Deshalb bin ich dann für IBM permanent in die USA gewechselt.

Meinen MBA – und parallel einen Master in Bildungswissenschaften – habe ich anschließend in Stanford gemacht. Er kostet inklusive Unterkunft circa 200.000 Dollar, aber die Uni bot mir ein 60.000-Dollar-Stipendium an. Zusätzlich wurde ich von der Studienstiftung in eines der amerikanischen Sonderprogramme (ERP) sowie vom DAAD aufgenommen. Die Finanzierung war damit vollständig abgedeckt. Der Studienstiftung habe ich bis heute wirklich unglaublich viel zu verdanken.

Bevor sich die Frage der Finanzierung überhaupt stellt, muss man ja zunächst das sehr anspruchsvolle Auswahlverfahren überstehen. Wie ist es dir damit ergangen?

Stanford hat von allen Top-MBA-Programmen weltweit die geringste Aufnahmequote von etwa 5 bis 7 Prozent. Für den Jahrgang 2018 gab es eine neue Rekordbewerberzahl von über 8.000. Für meine MBA-Bewerbung habe ich mir dementsprechend viel Zeit genommen, circa ein Jahr. Ganz am Anfang des Bewerbungsprozesses gab es gleich die erste kleine Hürde: Meine Hochschule war damals noch nicht einmal im System der amerikanischen Hochschulen registriert. Das heißt: Es hatte sich noch nie jemand von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin an irgendeiner amerikanischen Hochschule beworben, geschweige denn Stanford. Das war ein bisschen frustrierend, aber die Registrierung war natürlich die geringste Herausforderung.

Was bei der MBA-Bewerbung oft ein bisschen zu kurz kommt, sind die Essays. Alle denken immer nur an den guten GMAT. Klar, der ist auch wichtig – in Stanford liegt der Durchschnitt bei 740, der höchste weltweit. Dafür sollte man sich mindestens drei Monate vorbereiten, besser noch länger. Aber die Essays brauchen mindestens genauso viel Zeit. Das haben deutsche Bewerber meinem Eindruck nach zu wenig auf dem Schirm. Man muss einfach die Zeit investieren, das beste Profil nach vorne zu bringen und darf sich nicht zu sehr beeindrucken lassen.

Während deiner Zeit in Stanford durftest du auch für das Weiße Haus arbeiten. Wie kam das zustande?

Im Sommer zwischen meinen beiden MBA-Jahren habe ich bei Goldman Sachs und McKinsey Praktika gemacht. Nach dem ersten, sehr anspruchsvollen Jahr hatte ich dann im zweiten Stanford-Jahr vergleichsweise viel Freizeit und wollte etwas ausprobieren, das außerhalb dieses Ökosystems Stanford und als Vollzeitangestellter schwierig wird. Mir schwebte der öffentliche Sektor vor, ich habe überlegt: "Was wäre das Verrückteste, das ich machen könnte?" Mein Ergebnis: CIA, FBI oder Weißes Haus.

Bei CIA und FBI war schnell klar, dass es keine Möglichkeit gibt. Aber zum Weißen Haus fand ich einen Zugang, weil ich in Stanford auch schon als Teaching Assistant für Dr. Condoleezza Rice in ihrer Rolle als Professorin im MBA-Programm gearbeitet hatte. Außerdem gab es in meinem Umfeld Leute, die Reden für die Obamas geschrieben haben und solche, deren Empfehlungsschreiben für Stanford sogar direkt von Barack Obama kam. Das waren natürlich schon mal gute Einstiegspunkte für mein Vorhaben. Ich habe dann einfach viel Kaltakquise gemacht. 80 bis 90 Prozent der Leute, die ich kontaktierte, hatten zwar eine Stanford-Affiliation, kannten mich aber nicht persönlich. Denen habe ich gesagt: "Hey, ihr arbeitet in der Abteilung X, ich könnte mir vorstellen, ihr arbeitet an den Themen A, B, C. Ich habe auch einen Hintergrund und Expertise in diesen Bereichen. Mich betreuen diese Stanford-Professoren, ehemalige White House Economic Advisors. Ich koste euch nichts und unterstütze euch sehr gerne – wenn ich helfen kann, sagt bitte Bescheid."

So bin ich letztendlich beim U.S. Digital Service gelandet, einer Schnittstelle zwischen Regierung und Technologie. Ich habe dort eine Strategie erarbeitet, um Top-Leute aus dem Silicon Valley abzuziehen und für wesentlich weniger Geld im Weißen Haus anzustellen. Das war wirklich ein spannendes Projekt.

Goldman Sachs – die größte Technologie-Transaktion der Geschichte

Nach Stanford ging es zu Goldman Sachs. Warum? Seit der Finanzkrise genießt das Investment Banking ja nicht den besten Ruf.

Ich hatte vor Stanford mit Finance nicht viel am Hut. Im MBA aber war ich immer noch auf meinem "Kompensations-Trip" für die vergleichsweise spät anvisierten Top-Karrierestationen – für meine Praktika wollte ich deshalb ganz klassisch Goldman Sachs und McKinsey in den Lebenslauf bekommen.

McKinsey hat mir großen Spaß gemacht, aber die Arbeit war zu nah an dem, was ich schon in meinen Jahren bei IBM gemacht hatte. Ich wollte bei meinem künftigen Arbeitgeber noch mehr lernen.

Das Praktikum bei Goldman Sachs war ohne Finance-Hintergrund zwar eine Herausforderung, aber es hat mich trotzdem begeistert! Heute arbeite ich mit so vielen Top-Unternehmen und ihren CEOs – inklusive Elon Musk – und CFOs an deren persönlichen Top-Themen wie Firmenzusammenschlüssen, Börsengängen und an einer großen Bandbreite von anderen strategischen und finanziellen Themen – in welchem Job hat man das denn sonst?  Natürlich macht auch nicht immer alles Spaß. Aber an fast allen Tagen macht es eine Menge Spaß. Man kann die Zukunft gestalten, man macht etwas Relevantes. Und ab und zu landen meine Projekte tatsächlich auf der Titelseite des Wall Street Journals.

Du hast auch die größte Technologietransaktion der Geschichte für Dell mitbetreut. Es ging um 67 Milliarden Dollar bei der Übernahme von EMC.

Die Dell-Transaktion war das bislang größte Finanzierungsprojekt in der Geschichte. Aber sie war in meinem Leben bisher auch der beste Grund, "gestresst" zu sein. Schon bei IBM habe ich mich mit ein paar Projekten manchmal ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt. Das war ein gutes Training darin, sich nicht in seiner Komfortzone einzurichten. Man könnte sagen: Ich habe mich außerhalb meiner Komfortzone ganz gut eingerichtet und habe Spaß daran, ständig sehr gefordert zu sein.

Bei so viel Stress im Job – hast du einen Ausgleich im Privatleben?

Es sieht für Außenstehende oft so aus, als würde man nur noch arbeiten. Das stimmt nicht. All-Nighter beispielsweise sind bei mir sehr selten, und auch am Wochenende habe ich bei Goldman Sachs weitgehend frei. Am Freitag komme ich normalerweise schon frühzeitig aus dem Büro und kann auf jeden Fall abends etwas mit meiner Freundin oder Freunden planen. Samstags haben wir seit einigen Jahren komplett frei – Ausnahmen müssen schriftlich bei der Abteilungsleitung beantragt werden. Sonntags arbeite ich manchmal ein paar Stunden im Büro, und auch nur selten den ganzen Tag.

Das kann sich mit den entsprechenden Projekten aber alles schnell wieder ändern. Momentan und in der Regel bleibt aber genug Zeit für meine Freundin, Familie und Freunde. Wir laufen zum Beispiel viel zusammen und trainieren für den nächsten Marathon.

Das ist dann der nächste Superlativ in der Freizeit.

Ja, wenn schon, denn schon! Ehrlich gesagt laufe ich eigentlich gar nicht so gerne.

Das Motto "durchbeißen" gilt bei dir also in allen Bereichen?

Hm, ich weiß auch nicht. Ganz normal bin ich vielleicht wirklich nicht (lacht)...

Dein Lebenslauf ist ein gutes Beispiel für den Amerikanischen Traum. Stehst du hinter der Idee, dass es jeder schaffen kann?

Auf jeden Fall. Aber es gehört auch immer eine große Portion Glück dazu, wie bei mir damals mit meinem Einstieg in der richtigen Abteilung bei IBM. Und es stimmt natürlich nach wie vor, dass der sozioökonomische Hintergrund eine gewisse Rolle spielt – gerade hier in Amerika, wo exzellente Ausbildung schon sehr früh sehr teuer wird.

Ein Grund, warum es viele nicht ganz nach oben schaffen?

Ja, aber was noch mehr wehtut, ist das Fehlen von Vorbildern im direkten Umfeld. Nur die bringen einen letzten Endes auf den Gedanken, bestimmte Karrierepfade oder Studiengänge überhaupt zu probieren – von Finanzierungsfragen ganz abgesehen. Als ich zum Beispiel meinen Eltern sagte: "Ich weiß nicht, ob ich studieren soll. Vielleicht mache ich nur eine Ausbildung", war das damals auch keine Diskussion Wert. Meine Eltern sind die besten der Welt und sie lieben mich von ganzem Herzen – aber aufgrund ihres eigenen Werdegangs waren sie schon ab dem Gymnasium manchmal ein bisschen mit meiner "Karriereberatung" überfordert. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir mal gemeinsam Hausaufgaben gemacht hätten. Aber nichtsdestotrotz haben sie mich an jedem Tag auf andere und viel wichtigere Weise voll in meinen Vorhaben unterstützt und sind auch heute – auf der anderen Seite des großen Teichs – immer für mich da.

Meine Mutter findet außerdem, das Größte, was ich in meinem Leben gemacht habe, sei mein Zieleinlauf beim Boston Marathon in 2012. Da bin ich natürlich auch stolz darauf, aber ich wüsste nicht, ob ich das zu meinen persönlichen Top 10 zählen würde. Im Zimmer meiner Mutter aber hängt ein großes Foto davon und sie ist felsenfest überzeugt, dass es das Großartigste ist, was ich jemals geleistet habe. Meistens hat sie schon Recht, aber nicht immer! (lacht)

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Kommentare (3)

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  1. Anonym

    Wahnsinn! Glückwunsch! Machine! Vor allem der MBA in Stanford. Dein Werdegang ist eine verrückte Geschichte, sehr inspirierend.

  2. Anonym

    Krasser Typ! Alles richtig gemacht!

  3. Maurice Palmen

    Hammer Story! Viel Erfolg weiterhin Moritz!

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