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Allein arbeiten macht seltsam

Home-Office, Bett, Arbeit, Laptop [Quelle: Unsplash.com, Jiří Wagner]

Quelle: Unsplash.com, Jiří Wagner

Homeoffice kann glücklich machen – aber auch ziemlich kauzig. Fünf Menschen erzählen von ihren Spleens: von Frustessen bis vernachlässigter Hygiene.

Niemand fragt "Hast du mal eine Minute?" – und bleibt dann für eine Stunde am Schreibtisch stehen. Niemand isst geräuschvoll Karotten. Niemand hustet, schwitzt und tippt zu laut – außer einem selbst. Jede dritte Deutsche wünscht sich, zumindest gelegentlich in den eigenen vier Wänden zu arbeiten. Das ergab eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft

Zu Hause und allein: Wie viel produktiver man doch wäre, ohne den gezwungenen Smalltalk und die ganzen sozialen Rituale, die man aufführen muss, um als umgänglicher Kollege zu gelten. Man müsste sich nicht mehr verstellen. Wäre viel mehr man selbst. Leider ist dieses Selbst oft auch ein bisschen seltsam, popelt in der Nase und führt Dialoge mit der Katze. Und dass man zu Hause entspannter ist, stimmt auch nicht ganz: Heimarbeiter arbeiten häufig sogar länger als die Kollegen in Büro: 2,5 Stunden mehr pro Woche, haben die Forscher von der Universität Basel herausgefunden.

Aber was machen die Menschen im Homeoffice denn den ganzen Tag? Wir haben Kollegen nach ihren Spleens gefragt. Es stellt sich heraus: Sie essen Käse mit Himbeermarmelade, streiten mit dem Nachbarshund und verwahrlosen.

Spa am Schreibtisch

Wenn ich zu Hause arbeite, trage ich eine pflegende Gesichtsmaske auf, bevor ich mich an den Schreibtisch setze. Dann eine weitere im Laufe des Tages und danach noch eine. Manchmal kommen auch Haarkuren oder Körperpeelings dazu – es kommt ganz darauf an, was ich im Badezimmerschrank finde. Vor der Arbeit und abends fehlt mir die Geduld für ausgedehnte Beautyprogramme. Also ist das Homeoffice die perfekte Gelegenheit, um meine Wohnung in ein Spa zu verwandeln. Es kommt auch öfters vor, dass ich den ganzen Tag im Bademantel verbringe – wenn schon, denn schon. 

Manchmal bin ich dabei so sehr in die Arbeit vertieft, dass ich mich erst wieder an meine Gesichtsmaske erinnere, wenn sie beginnt, in die Tastatur zu krümeln. Oder ich bei dem Versuch, den Kopf abzustützen, an meinen Haaren abrutsche. Das Beste ist: Egal, ob mein Tag am Ende produktiv war oder nicht, zumindest ist mein Körper abends von Kopf bis Fuß gepflegt. Vielleicht habe ich irgendwann die Gelassenheit von Cher, die regelmäßig dabei gesichtet wird, wie sie in Malibu ihre Besorgungen mit Gesichtsmasken erledigt. Aber ich glaube, noch ist mein Kiez nicht bereit dafür.
Kemi Fatoba, freie Journalistin und Texterin

Freiwillige Verwahrlosung

Wer mir auf der Straße begegnet, sieht eine geduschte und einigermaßen gekämmte Frau, die Fingernägel sauber, die Kleidung frei von Ketchupflecken. Soziale Kontrolle hält meinen inneren Schmutzfink in Schach. Doch sobald ich eine längere Zeit allein arbeite, fängt der Schmutzfink in mir an, ganz logische Argumente vorzutragen: Warum die ausgeleierte Jogginghose verlassen, wenn man abends sowieso zu ihr zurückkehrt? Warum kämmen, wenn einen niemand sieht? Und wenn man diese Argumentationskette weiterdenkt: Warum duschen, wenn es ohnehin niemand riecht?

Das alles ist kein Problem, solange es sich um einen Katersonntag handelt. Freiwillige Verwahrlosung kann sich für ein paar Tage tatsächlich wie Luxus anfühlen – ein kleiner Schluck Freiheit, ein Miniurlaub von den Anforderungen der Gesellschaft. Problematisch wird es, wenn ich mehrere Tage am Stück zu Hause arbeite – und die gesamte Woche zu einem Katersonntag wird. Ich habe eine Teilzeitstelle: Jede zweite Woche bin ich im Newsroom, in der restlichen Zeit schreibe ich frei. Einmal – mein Mann war bei seiner Familie, die Deadline war knapp – habe ich mit Erschrecken festgestellt, dass ich mich nicht erinnern konnte, wann ich das letzte Mal geduscht hatte. Gestern sicher nicht, vorgestern auch nicht … Das war der Moment, in dem ich mir die Regel gesetzt habe, mich jeden Tag mit einer Person zu verabreden, wenn ich zu Hause arbeite. So kommt mein innerer Schmutzfink erst gar nicht in die Versuchung, sein T-Shirt zwei Tage lang nicht zu wechseln – und haut frisch geduscht tatsächlich fröhlicher in die Tastatur.
Wlada Kolosowa, Redakteurin bei ZEIT ONLINE Arbeit

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