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Wie lese ich mehr als 50 Bücher im Jahr?

Bücherregal, Bücher [Quelle: pexels.com, Autor: Pixabay]

Quelle: pexels.com, Pixabay

Dass Lesen bildet ist eine alte Weisheit – und mit Blick auf die Karriere wohl auch nicht verkehrt. Wie bringt man möglichst schnell möglichst viel erhellende Lektüre in den Kopf?

In Zeiten der Digitalisierung wird oft das Ethos des lebenslangen Lernens bemüht. Es reicht nicht mehr, im Laufe der Schullaufbahn und des Studiums erworbene Fähigkeiten einzusetzen. Für eine erfolgreiche Karriere ist konstante Weiterbildung nötig. So schreibt etwa Martin Wollmann, jahrelang in der Führungsetage von Lidl Österreich aktiv, in einem viel gelesenen Artikel auf Linkedin über das Lesen: "Viele erfolgreiche CEO's lesen 50 Bücher im Jahr. Und du?"

Wollmann schlägt dabei in eine Kerbe, die im angelsächsischen Raum schon seit der Popularisierung des Internets bespielt wird. Lebenslanges Lernen wird hier mit dem Lesen von Büchern gleichgesetzt. Oft gründet sich der Gedanke auf eine Aussage des erfolgreichen Investors Warren Buffett: "Lesen Sie jeden Tag 500 Seiten. So funktioniert Wissen. Es baut sich auf, wie Zinseszinsen. Sie alle können es machen, aber ich garantiere Ihnen, dass es nicht viele tun werden." Buffett ist mit dieser Haltung nicht allein: Auch Mark Zuckerberg sagt von sich selbst, dass er mindestens alle zwei Wochen ein Buch liest. Aus dieser anekdotischen Evidenz leiteten viele auf Produktivität und Karriere fokussierte Blogs ab, dass regelmäßiges Lesen Teil einer erfolgreichen Karriere sein müsse. Wenn Elon Musk sagt, er habe das Raketen bauen aus Büchern gelernt, dann muss Lesen (zumindest zum Teil) hinter seinem Erfolg stecken.

Da Lesen aus dieser Sicht kein Selbstzweck ist, kommt schnell die Frage auf, welche Bücher man denn lesen sollte. Das Netz ist voller Listen, welche Bücher dieser oder jener CEO oder Unternehmer irgendwann einmal empfohlen hat. Nicht überraschend geht ein Großteil dieser in Richtung Management oder Selbstoptimierung. Eine Liste wie die von Steve Jobs, die neben spirituell angehauchten Büchern auch Romane enthält, ist eher Ausnahme als Regel. Und einige Bücher finden sich immer wieder: Etwa Stephen R. Conveys "7 Wege zur Effektivität" oder Daniel Kahnemans "Schnelles und langsames Denken". Letzteres fand sich etwa auf der Leseliste von Bill Gates und Barack Obama.

"Stimme im Kopf" beim Lesen ausschalten

Doch jede noch so gute Leseliste ist nichts wert, wenn die Bücher darauf nicht gelesen werden. Hier trifft der Impuls, mehr zu lesen, auf die Realität: Lesen erfordert Zeit. Zeit, die die meisten Menschen im beruflichen Alltag vermeintlich nicht oder zu wenig haben. Und so dreht sich der Artikel von Martin Wollmann auch vor allem darum, wie sich Zeitfenster fürs Lesen schaffen lassen. Manche sind recht allgemein, etwa "Setz dir Ziele", "Reserviere dir Zeitblöcke zum Lesen" und "Schaffe Routinen". Doch manche Tipps zielen spezifisch aufs Lesen ab. Vor allem: "Lies effektiver - Trainiere die Fähigkeit 'Speed Reading'" und "Abonniere Dienste wie Getabstract oder Blinkist".

"Speed Reading" ist ein Sammelbegriff für Techniken, die eine deutlich erhöhte Lesegeschwindigkeit bei gleichbleibendem oder sogar verbessertem Verständnis bieten sollen. Die Idee wurde zunächst durch die Pädagogin Evelyn Wood in den späten Fünfzigerjahren popularisiert. Neuen Schwung erhielt die Idee mit dem Aufkommen von Blogs in den frühen Zweitausenderjahren. Viele auf Bildung und Karriere spezialisierte Blogs reaktivierten die Idee. So etwa auch der Blogger Scott Young, der im März 2007 einen Artikel mit dem Titel "Verdopple deine Lesegeschwindigkeit" veröffentlichte und so deutlich zur Popularisierung von Speed Reading beitrug.

Dabei war die Verdopplung der Lesegeschwindigkeit noch ein vergleichsweise unambitioniertes Versprechen. Andere Blogger philosophierten über eine Verzehnfachung der Lesegeschwindigkeit oder sogar noch höhere Geschwindigkeitsgewinne. Und das alles durch wenige, leicht erlernbare Übungen, die darauf abzielen, verlangsamende Elemente beim Lesen zu eliminieren. Das heißt vor allem eine Reduktion der Augenbewegungen und das Ausschalten der Subvokalisation, also der "Stimme im Kopf" beim Lesen.

Langsames Lesen ermöglicht besseres Verständnis

All das klingt vielleicht zu gut, um wahr zu sein. Selbst eine "einfache" Verdopplung der Lesegeschwindigkeit von circa 250 Wörtern je Minute, dem Durchschnitt, auf 500 würde heißen, dass ein 300 Seiten langes Buch innerhalb von weniger als 3 Stunden durchgelesen werden könnte. Doch die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema, die nicht von Autoren stammen, die selbst Kurse im Speed Reading anbieten, lassen dieses Versprechen fragwürdig wirken. Im Jahr 2016 kam eine Metastudie von Keith Rayner und weiteren Autoren zu dem Ergebnis, dass es zwar zunächst mehr Forschung bedürfe. Allerdings lasse sich aus den bisherigen Forschungsergebnissen ableiten, dass eine drastische Steigerung der Lesegeschwindigkeit bei gleichbleibendem Verständnis wahrscheinlich nicht möglich sei.

Das hängt vor allem damit zusammen, dass viele der vermeintlich verlangsamenden Faktoren wie die Bewegung der Augen oder Subvokalisation gleichzeitig das Verständnis fördern. Das Ausschalten dieser Aspekte würden dem Gehirn kurze Momente der Verarbeitung rauben. Damit verbunden, kamen die meisten Studien zu dem Ergebnis, dass Schnellleser im Regelfall ein deutlich schlechteres Textverständnis aufwiesen als Personen, die den Text langsam gelesen hatten. 

Zu einem ähnlichen Schluss kam auch Scott Young. In seinem Artikel "Ich lag falsch beim Speed Reading: Hier sind die Fakten" von 2015 erläutert er: "Verständnis ist schwer zu messen. Hier gehen viele neue Schnellleser in die Falle." Er auch. Nach eigener Aussage vor allem, weil er zu dieser Zeit vor allem Selbsthilfebücher las, die sich thematisch ähnelten. Dadurch fiel ihm nicht auf, dass sein Verständnis schlechter war, als wenn er die Bücher langsam gelesen hätte.

Der andere Tipp, den Hollmann gibt, ist die Nutzung von Getabstract und Blinkist. Dabei handelt es sich um Dienste, die Zusammenfassungen von Büchern anbieten. In der Regel populäre Sachbücher, deren Inhalte auf circa 15 Minuten zusammengeschrumpft wird. Die Dienste sind nicht die ersten kommerziell angebotenen Buchzusammenfassungen. Der englischsprachige Verlag Macmillan bot schon in den Achtzigerjahren Zusammenfassungen der wichtigsten Wirtschaftsbücher an - auf Audiokassette. Durch das Aufkommen des Internets verbreiterte sich das Angebot. Nicht nur durch Getabstract Ende der Neunzigerjahre, sondern auch durch nicht kommerzielle Angebote auf Blogs oder später Youtube. In den letzten Jahren hat vor allem Blinkist an Bedeutung gewonnen und steht im Fokus der Diskussion. Dabei ist das Berliner Start-up gerade in universitären Kreisen umstritten.

Viel Kritik an Blinkist habe den Charakter einer moralischen Panik, kommentiert der Literaturwissenschaftler Johannes Franzen, der sich häufig mit Blinkist beschäftigt hat: "Vor allem wenn es darum geht, dass das tiefe, gehaltvolle Lesen in Gefahr ist - eine Angst, die gerade im Bildungsbürgertum heutzutage weit verbreitet ist. Aus dieser Perspektive wirkt eine App, die einem das Lesen quasi 'ersparen' kann, natürlich besonders bedrohlich." Zu Teilen hat Blinkist diese Panik selbst befeuert. Anfangs warb der Dienst noch damit, dass er ein Buch in 15 Minuten lesbar mache. Franzen sieht hier den Ausdruck einer "Lies dich reich"-Ideologie: "Da wird die Lektüre von ausschließlich Sachbüchern nicht als Instrument der Bildung starkgemacht, sondern als eine Möglichkeit der neoliberalen Selbstoptimierung, die einen schnell zum neuen Bill Gates machen kann.

Speed Reading hilft für einen groben Überblick

Lesen erscheint hier nicht als komplexes Vergnügen, sondern als eiliges Training in der "intellektuellen Muckibude." Mittlerweile hat sich der Fokus in der Darstellung von Blinkist verschoben. Statt ein Buch in 15 Minuten lesbar zu machen, werden jetzt in der Außendarstellung die wichtigsten Inhalte in 15 Minuten angeboten. Das ist ein realistischeres Anliegen. Allerdings gibt es auch hier Kritik, die sich nicht auf eine moralische Panik schieben lässt: "Die Qualität der Zusammenfassungen ist sehr unterschiedlich. Bei manchen Büchern handelt es sich um konzise Paraphrasen, andere sind eher sinnentstellend und verzerrend.

Vor allem dort, wo der Nutzen eines Buches auf den Punkt gebracht werden soll, wirken die Zusammenfassungen teilweise etwas hilflos oder unfreiwillig komisch", sagt Franzen. Kritik an der Qualität der Zusammenfassungen kommt nicht selten auch von den Autoren der Bücher. So schrieb Margarete Stokowski im November 2021 auf Twitter: "Grad den ersten Teil der Zusammenfassung von Untenrum frei gehört und fands richtig schlecht, würde es nicht lesen wollen."

Das alles bedeutet allerdings nicht, dass ein Dienst wie Blinkist keinen Platz haben kann. Franzen sagt dazu: "Die Idee von Blinkist ist nicht schlecht und auch nicht neu. Menschen haben schon immer auf Zusammenfassungen wie etwa in Literaturlexika zurückgegriffen, um sich zu informieren und sich Orientierung im Meer der Bücher zu schaffen."

Der Zeitaspekt betrifft nicht nur die Tätigkeit des Lesens selbst, sondern kommt auch bei der Auswahl der Bücher zum Tragen. Jedes Jahr erscheinen in Deutschland mehr Bücher, als ein Mensch realistischerweise innerhalb seiner Lebenszeit lesen kann, selbst bei einer Beschränkung auf einzelne Bereiche. Somit steht eine begrenzte Zeit fürs Lesen einer faktisch unendlichen Anzahl an möglichen Texten gegenüber. Hier können Dienste wie Blinkist helfen: "Eine App, die dabei hilft, indem sie Bücher zusammenfasst, wäre eine echte Bereicherung, wenn sie gut umgesetzt wäre", erläutert Franzen.

Aber auch Speed Reading kann hier von Nutzen sein. Die Metastudie von Rayner und seinen Mitautoren kam zu dem Ergebnis, dass Personen, die regelmäßig Schnelllesetechniken anwandten, besser im Überfliegen von Texten sind. Sie können sich also schneller einen groben Überblick verschaffen und eine Entscheidung darüber treffen, was genau sie lesen wollen. Auch wenn Speed Reading und Zusammenfassungen manche Versprechen nicht einhalten können, können sie also unterm Strich doch Zeit sparen - nur anders und in den meisten Fällen weniger als gedacht.

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