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"Die Sicht des Menschen kommt zu kurz"

Frage Fragezeichen Hand Unwissen [Quelle: Fotolia, Sergey Nivens]

© Sergey Nivens - Fotolia.com

Der Accenture-Deutschlandchef über die Zukunft des Beratungsgeschäfts und die digitalen Umbrüche in der Industrie.

Herr Riemensperger, die deutsche Konjunktur wird sich in diesem Jahr voraussichtlich abkühlen. Endet dann auch die seit einigen Jahren andauernde goldene Zeit für die Unternehmensberater?

Wir erleben eine Zeit, in der Technologie die Produkte von Grund auf verändert und damit auch die Geschäftsmodelle und Arbeitsweise der Unternehmen. Wir stehen erst ganz am Anfang einer datengetriebenen Welt. Der Umbau der Wirtschaft wird mindestens eine Dekade dauern. Ich nenne das die unausweichliche Zukunft, der sich die Unternehmen stellen müssen und bei der wir ihnen als Dienstleister helfen. Das geschieht unabhängig von der Konjunktur.

Dann können die Berater also beruhigt auf 2019 blicken?

Nicht alle Anbieter. 2018 war ein starkes Jahr, wir sind deutlich zweistellig gewachsen, es gibt einen Mangel an Talenten und nicht an Aufträgen. Für dieses Jahr bin ich, was die Beraterbranche insgesamt betrifft, vorsichtiger. Die Unternehmen wachsen nicht mehr so stark und werden die Aufträge auf die entscheidenden Themen fokussieren. Wer als Berater im Kernthema Technologie und digitale Transformation nicht ganz vorn dabei ist, wird es schwer haben. 2019 wird sich die Spreu vom Weizen trennen.

Welche Namen werden zum Weizen gehören?

Ich kann nur für Accenture sprechen. Wir haben uns überlegt, wie sich die Industrie in den nächsten Jahren entwickeln muss und stellen uns dementsprechend komplett neu auf.

Wie lautet Ihr Szenario?

Drei Punkte dazu: Erstens werden alle Produkte mit Software ausgestattet und vernetzt, was ganz neue Services ermöglicht. Beispiel Auto: Beim autonomen Fahren verkaufen die Hersteller nicht mehr das Fahrzeug, sondern das Versprechen, uns sicher und pünktlich ans Ziel zu bringen. Zweitens wird die mit Abstand wichtigste Währung in einer digitalen Welt das Kundenerlebnis und die Kundenbindung sein. Drittens wird die Produktentwicklung in immer kürzeren Zyklen erfolgen.

Sind die Unternehmen dafür gerüstet?

Nein, sind sie noch nicht. Die Strukturen und Prozesse passen nicht mehr zu den neuen Möglichkeiten, die digitale Technologien bieten. In den vergangenen Jahren hat die deutsche Wirtschaft viel über Digitalisierung nachgedacht und einiges ausprobiert. Das war ein Warmlaufen. Der konkrete Umbau beginnt jetzt. Es ist die klassische Rolle des Consultings, Konzepte zu entwickeln und den Unternehmen zu verkaufen.

Werden die Berater nun mehr und mehr zu Produktentwicklern?

Das passiert bereits. Der Inhalt von Beratung ändert sich radikal. Es geht nicht um Kostenersparnis hier und da. Die Kunden wollen schnelle und konkrete Produktlösungen. Wir arbeiten beispielsweise eng mit der Automobilindustrie an der Entwicklung komplett digitaler, sprachgesteuerter Cockpits.

Accenture stach zuletzt durch eine Reihe ungewöhnlicher Zukäufe hervor. Sie übernahmen die Digitalagentur Sinner-Schrader und die Werbeagentur Kolle Rebbe. Welche Idee steckt dahinter?

Das wichtigste für ein Unternehmen ist doch, dass es den Kunden ein tolles Erlebnis bietet. Klassische Berater sind stark darin, Prozesse in Firmen betriebswirtschaftlich zu verbessern. Da kommt aber oft die Sicht des Menschen zu kurz. Wir brauchen Leute, die diese Kundensicht von der Pike auf gelernt haben und anders denken. Nur so können wir auch den Unternehmen helfen.

Wird das allen Beratungsunternehmen gelingen?

Meine Prognose lautet: Es wird eine führende Gruppe von technologiegetriebenen Beratungsunternehmen geben, die die Kunden global bei der digitalen Transformation unterstützen können. Technologie verändert die Welt. Es wird auch immer Platz für ausgewiesen starke Spezialisten geben. Für Prozessberater ohne erkennbares Profil sehe ich allerdings wenig Chancen auf dem Markt.

Die Fragen stellte Bert Fröndhoff.

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