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Live aus der Beratung: "Neugierig wie ein Höllenhund"

Accenture: Live aus der Beratung (Autor: scusi, Quelle: Fotolia.com)

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Ute Lindheimer ist nicht nur Unternehmensberaterin, sondern auch Architektin. Sie plant zwar keine formschönen Einkaufszentren oder Bürogebäude, doch als Consultant für Financial Services bei Accenture entwirft sie für Unternehmen Software, die mindestens so komplex zu konstruieren ist wie ein großes Gebäude und ebenfalls angenehm zu benutzen sein sollte. Das oberste Ziel der Beraterin von Accenture ist dabei allerdings, die Unternehmen, für die sie die Software entwirft, effizienter zu machen.

Um halb neun morgens wartet der erste SIR auf Ute Lindheimer. Dabei handelt es sich nicht um einen englischen Edelmann, sondern um ein System Investigation Request, also einen kleinen Fehler in dem riesigen Softwaresystem, an dem Ute Lindheimer und ihre Kollegen von Accenture gerade für eine große deutsche Bank arbeiten. Mit fünf Mitarbeitern der Bank geht Ute Lindheimer die verschiedenen SIRs durch. "Haben Sie ein Beispiel dafür?", fragt sie einen Mitarbeiter, der einen Fehler beim Berechnen des Devisenkurses entdeckt hat.

Ein System für 100.000 Aufträge pro Tag entwerfen

Mit rund fünfzig Kollegen von Accenture und einigen Dutzend Mitarbeitern der Bank arbeitet Ute Lindheimer an einem neuen Softwaresystem, welches das Handelsvolumen der Bank, 100.000 Aufträge pro Tag, im institutionellen Handel verarbeiten soll. Die Kunden der Bank sind institutionelle Anleger, also zum Beispiel Großunternehmen, die Aufträge zum Aktienkauf im großen Stil geben. Für diese versucht die Bank dann, die Aktien möglichst günstig zu erwerben. Die Software muss daher erfassen, wer der Käufer oder Verkäufer ist, welche Aktien gekauft wurden, zu welchem Preis, welche Gebühren hinzukommen und vieles mehr. Sie verarbeitet demnach alles, was zwischen dem Kauf einer Anlage und dem "Transport" der Anlage zum Kunden passiert.

Wenn es sich um ein Rentenpapier handelt, dann...

Nach den SIRs sind für Ute Lindheimer an diesem Tag die so genannten "Issues" an der Reihe. Damit sind ungeklärte Abläufe und Anforderungen gemeint, die noch nicht absehbar waren, als das Konzept für die Software erstellt wurde. Einen Punkt bespricht Ute Lindheimer mit den Mitarbeitern der Bank etwas ausführlicher: Bei der manuellen Eingabe von Handelsaufträgen tritt die Frage auf, wie die Software Währungen zuweisen soll. Bisher sollten Handelsaufträge automatisch die Währung der Börse bekommen, zum Beispiel US-Dollar bei einem Kauf in New York. "Für Aktien ist das auch hervorragend, für Rentenpapiere funktioniert das jedoch nicht. Denn deutsche Rentenpapiere werden selbst in New York in Euro gehandelt, da sich die Währung hier nach der Gattung richtet", fasst ein Renten-Händler der Bank das Problem zusammen.
 
"Da müssten wir also einen Filter vorschalten - Aktie oder Rente? - dann klappt es", schlägt Ute Lindheimer vor. In ihrem Kopf formen sich daraus bereits Bedingungssätze: "Wenn es sich um eine Aktie handelt, dann weise die Währung des Handelsplatzes zu; wenn es sich um ein Rentenpapier handelt, dann weise die Währung des Papiers zu." Eine Entscheidungslogik, wie sie später auch programmiert wird.

Programmieren muss die Beraterin nicht

Obwohl die Beraterin denken kann wie ein Programmierer, schreibt sie die Software, die sie entwirft, nicht selbst. "Das will ich gar nicht", sagt sie schmunzelnd. Zwar hatte sie in ihrem BWL-Studium in Bayreuth Wirtschaftsinformatik als einen ihrer Schwerpunkte gewählt. Doch fürs Programmieren hat Accenture unter anderem Spezialisten von Accenture Technology Solutions, die in Kronberg bei Frankfurt, dem deutschen Hauptsitz des Unternehmens, sowie auch beim Kunden vor Ort arbeiten. Wichtiger ist es eher, ein Grundverständnis vom Programmieren zu haben. Schließlich ist Ute Lindheimers offizielle Bezeichnung im Projekt "funktionale Architektin" - und Architekten müssen bekanntlich nicht selbst Mauern hochziehen - aber wissen, was dabei möglich ist.

Das Spannendste: die Diskussion ums Konzept

Einen Kaffee später steht die nächste Besprechung an: Nun holt Ute Lindheimer mit ihrer Kollegin die Meinungen der Abteilungen der Bank ein, welche Anforderungen bestimmte Teile des Softwaresystems für die tägliche Arbeit erfüllen müssen. Dazu haben sie eine Folie vorbereitet, die zeigt, wie die Software später auf dem Bildschirm aussehen könnte. In einer Übersicht sind die Informationen zum Auftrag angegeben: die Nummer des Datensatzes, ein Kennzeichen, ob es sich um einen Kauf oder einen Verkauf handelt, der Kundenname, die Nummer seines Depots und die Kontonummer.
 
"Ist das so in Ihrem Sinne?", fragt Ute Lindheimer den Mitarbeiter des Mid Office, dem Teil der Bankabteilung, die keinen Kontakt mit den Kunden hat, aber deren Aufträge weiterverarbeitet. "Die Versionsnummer steht weit vorne, ist für uns aber eigentlich nicht wichtig. Aber die Angaben, ob es sich um Brutto oder Netto handelt, müssten weiter vorne kommen." Dem anwesenden Händler ist das dagegen unwichtig: "Wir müssen vor allem gleich sehen: Um welches Depot handelt es sich?" Einig sind sie sich darin, dass die Angabe, ob der Handel ein Kauf oder ein Verkauf ist, ganz vorne stehen sollte. Ute Lindheimers Kollegin notiert alles mit. Die Beraterin macht einen Vorschlag, der möglichst allen Wünschen gerecht wird: "Wenn wir das Brutto/Netto-Kennzeichen vorne anzeigen, aber die Zeile insgesamt verlängern, kann man alles auf einen Blick sehen."

Der Vorteil eines Beraters: der Blick fürs große Ganze

Den Überblick haben - das ist für Ute Lindheimer der größte Vorteil, den ein Berater seinem Kunden bringt. Immer mit dem Ziel, das zu beratende Unternehmen effizienter zu machen. "Das Schönste ist, wenn die Kunden danach sagen: 'Wow, das geht viel besser als mit unserem alten System und man merkt, dass man die Wertschöpfung verbessert hat", sagt sie.
 
Dass sie das in der komplexen Welt der Banken und Finanzen kann, verdankt Ute Lindheimer unter anderem ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau, die sie vor ihrem BWL-Studium gemacht hat. "Man sollte schon wissen, wie Stückzinsen berechnet werden", sagt sie. Doch so wichtig ihr Vorwissen war: Das meiste hat auch sie in der täglichen Arbeit bei Accenture gelernt. "Das lernt man, wenn's einem vor der Nase steht." Was aber nicht heißt, dass bei Accenture die jungen Berater einfach ins kalte Wasser geworfen werden. "Man hat ja immer jemanden, der das schon einmal gemacht hat", sagt Lindheimer, die selbst junge Berater betreut. Eines kann ein junger Berater aber nur selbst leisten: "Man muss neugierig sein wie ein Höllenhund und den Kunden mit Fragen löchern."

"Protokolle sind Gold wert"

Nach dem Mittagessen ist der Nachmittag für das reserviert, was bei Ute Lindheimer als "Dokumentation" im Kalender steht: ein Ergebnisprotokoll zur vorherigen Sitzung. Das klingt trocken, doch für die Beraterin sind "Protokolle Gold wert". Aus gutem Grund: "In den Konzept-Besprechungen wird so viel Wissen gesammelt - was man davon nicht aufschreibt, ist weg. Wenn ein Protokoll die Ergebnisse gut zusammenfasst, kann man das eins zu eins ins Konzept übernehmen."
 
Dennoch verbringt Ute Lindheimer den Nachmittag natürlich nicht nur mit dem Protokoll am PC. Die Beraterin versucht nun, die Ergebnisse für die Programmierer von Accenture zu "übersetzen". Dazu zerlegt sie die am Vormittag für die Software mit der Bank abgesprochenen Ziele in "kleine Bausteine". Immer wieder berät sie sich mit ihrer Kollegin oder fragt kurz bei den Mitarbeitern der Bank nach, die nur ein Zimmer weiter sitzen. Denn für ihre Arbeit hat Ute Lindheimer einen Arbeitsplatz direkt beim Kunden.

Übersetzerin zwischen zwei Welten

Anschließend skizziert Ute Lindheimer zunächst per Hand eine Entscheidungslogik für ein Programm, das erfüllt, was die Mitarbeiter der Bank in der Konzept-Besprechung gefordert hatten. Dann setzt sie die Skizze mit einem Präsentationsprogramm auf dem PC in ein Ablaufdiagramm um. "Für die Techniker ist das toll, die Fachabteilungen der Bank wollen lieber Fließtext", sagt Ute Lindheimer. Und deutet damit an, dass sie Dolmetscherin zwischen zwei Welten ist. Das Ablaufdiagramm schickt sie zum Gegenlesen nach Kronberg an die Programmierer. Immer wieder klingelt das Telefon, weil diese Verbesserungsvorschläge oder noch eine Nachfrage zu einem vorherigen Konzept haben.
 
"Um die vielen Anforderungen unter einen Hut zu bringen, braucht man eine Tüftlermentalität", sagt Ute Lindheimer. Andererseits darf die Software-Architektin den Überblick nicht verlieren. "Man muss ein Bild des großen Ganzen im Kopf haben", sagt sie. Gerade wenn ein Projekt nicht nur einige Monate dauert, sondern wie bei der Bank zwei Jahre und in Stufen umgesetzt wird. Diese laufen dann zum Teil auch noch parallel ab - wie die vielen Balken in Ute Lindheimers Kalender zeigen. "Ganz sicher wird da so mancher Arbeitstag schon mal länger, aber bis auf das Einführungs-Wochenende waren Samstag und Sonntag bei mir immer frei."

Am Abend im Banker's Club Wissen sammeln

Nachdem sie gegen 19.30 Uhr die Aufgaben des Tages erledigt hat, greift Ute Lindheimer noch einmal zum Hörer: Der Banker's Club trifft sich - im Telefonnetz. Der Club ist eine freiwillige Vereinigung von Mitarbeitern aus dem Bereich Financial Services, die einmal im Monat ein bis zwei Stunden ihr Wissen austauschen. Heute referiert Ute Lindheimer über Auslandszahlungen: Welche Trends gibt's auf dem Markt? Wie engagieren wir uns dort? Bei einem Teilnehmer hört man Zugrauschen im Hintergrund. "Ich habe auch schon entspannt in Kopenhagen bei einer Hafenrundfahrt an unserem Banker's Club teilgenommen", erzählt die Beraterin, als sie nach Hause aufbricht. "Dass das Weitergeben von Wissen so wichtig ist, gefällt mir bei Accenture besonders gut."

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