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"Der Mensch legt die Regeln fest und behält die Kontrolle"

Einstieg mit Berufserfahrung McKinsey (Autor: Sergey Nivens, Quelle: Fotolia.com)

© Sergey Nivens - Fotolia.com

Der Chef der Beratung Accenture über mehr oder weniger intelligente Maschinen, den Wert von Arbeit und die Zukunft seiner 17-jährigen Tochter.

Pierre Nanterme ist das, was man ein klassisches Eigengewächs nennt: Direkt nach dem Studium an der Eliteschule ESSEC nahe Paris stieg der Franzose bei Accenture ein. Das war 1983, das Jahr, in dem Apple Lisa vorstellte: einen der ersten PCs mit Maus. Der war zwar ein Verkaufsflop, aber ohne Lisa gäbe es keine Macs. Auch bekam Motorola die offizielle Zulassung für das weltweit erste Mobiltelefon. In den Jahrzehnten danach hat sich viel getan in der Tech-Welt – und in der Karriere von Nanterme: Heute ist der 58-Jährige CEO des Beratungsunternehmens.

Herr Nanterme, können Sie programmieren?

In der Tat! Ich bin zwar nicht auf dem neuesten Stand, aber ich habe es in der Schule gelernt. Und als ich vor 34 Jahren bei Accenture anfing, habe ich als Erstes einen Programmierkurs machen müssen.

Gehören Sie auch zu den Managern, die finden, Software sei die Lösung aller Probleme und müsse Kern jedes Unternehmens werden?

Software ist wichtig, aber nicht erst seit gestern. Über Jahrzehnte wurden vor allem solche Programme entwickelt, mit denen Unternehmen ihre Abläufe steuern können – im Finanz- und Rechnungswesen, in der Personalverwaltung oder der Produktion. Einer der führenden Anbieter sitzt in Deutschland: SAP, gegründet Anfang der Siebziger. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter: Nun führt die Software nicht mehr nur bestimmte Tätigkeiten aus, sondern denkt mit, macht das Unternehmen also intelligenter.

Was bislang den Menschen vorbehalten war...

... die nun fürchten, dass die Maschinen ihnen irgendwann die Jobs wegnehmen. Wir kennen diese Sorgen. Schon die Bezeichnung "künstliche Intelligenz" beunruhigt viele, weil sie Intelligenz als Geschenk an die Menschheit ansehen. Ein Mensch ist für sie ein Mensch, weil er denkt; eine Maschine ist eine Maschine, weil sie ausführt. Wenn die Maschinen nun intelligenter werden, dann schürt das Ängste. Wir bei Accenture sehen Mensch und Maschine aber nicht als Konkurrenten, sondern als Partner.

Das müssen Sie sagen, alles andere wäre schlecht für Ihr Geschäft. Schließlich führen Sie eine der größten Technologieberatungen der Welt.

Und deswegen weiß ich, dass die Maschinen nicht so intelligent sind, wie viele glauben – und es auch in Zukunft nicht sein werden. Wir sollten das, was wir künstliche Intelligenz nennen, nicht überschätzen. Ja, Maschinen werden klüger und können komplexere Aufgaben übernehmen. Aber sie sind weit davon entfernt, den Menschen zu ersetzen. Urteilsvermögen, Geschicklichkeit, das Gespür für die Situation – das sind von Natur aus gegebene Fähigkeiten. Die lassen sich nicht so einfach nachahmen.

Aber die Maschinen lernen von den Menschen. Warum nicht auch das?

Eine Maschine hält sich an Regeln. Und wer legt die Regeln fest? Das ist der Mensch. Er behält die Kontrolle.

Es lässt sich aber doch nicht von der Hand weisen, dass die einfachen, sich wiederholenden Aufgaben künftig vermehrt Roboter übernehmen?

Es werden Jobs wegfallen, aber es werden auch viele neue entstehen. Leider denken die Populisten, von denen es immer mehr gibt, nur in Schwarz oder Weiß – und machen es sich sehr einfach.

Und Sie denken grau-kompliziert?

Alles steht und fällt mit der Aus- und Weiterbildung. Natürlich werden nicht aus allen Arbeitern mit ein bisschen Training Programmierer oder Datenwissenschaftler. Es wäre lächerlich zu glauben, wir machen jetzt aus allen Super-Wissenschaftler und Doktortitel-Träger. Was wir allerdings brauchen und auch kriegen können, sind mehr Menschen, die sich mit Technologien auskennen und damit im Job umgehen können. In der Produktion müssen ja auch heute schon Roboter bedient werden.

Welche Verantwortung trägt dabei die Wirtschaft?

Eine riesige. Ich glaube fest – welche Überraschung als Accenture-Chef – an die Privatwirtschaft. Länder wie Deutschland und Frankreich setzen noch relativ stark auf den Staat, angelsächsische Länder mehr auf das Unternehmertum. Als Franzose weiß ich, wovon ich rede [lacht].

Und was tut Accenture?

Bei Accenture arbeiten 400 000 Menschen. Wir geben pro Jahr 900 Millionen Dollar aus für Training und Weiterbildung. Innerhalb der vergangenen 18 Monate haben wir 100 000 Mitarbeiter in der IT umgeschult. Ich selber war 23 Jahre alt, als ich bei Accenture eingestiegen bin, und bekam einen Mentor, Trainings und die Möglichkeit, mich zu entwickeln und zu wachsen – bis zum CEO. Wir investieren massiv in unsere Leute. Denn wir glauben, dass am Ende die Menschen den Unterschied machen werden, nicht die Maschinen.

Aber müssen wir nicht schon viel früher ansetzen, nicht erst im Job?

Ja. Warum lernen unsere Kinder nicht schon in der Schule programmieren, so wie schreiben und lesen? Die Voraussetzungen sind da: Der Umgang mit elektronischen Geräten ist ihnen doch praktisch in die Wiege gelegt. Was machen kleine Kinder, wenn man ihnen ein Smartphone oder ein Tablet gibt? Sie nehmen das Gerät und drücken vollkommen intuitiv auf das Display.

Was machen wir mit den Menschen, die auf der Strecke bleiben?

Die Ungleichheit ist zu groß, das stimmt. Das müssen wir ändern, und dafür braucht es mehr Wachstum. Das ist die einzige Lösung. Wir können kein Geld verteilen, das wir nicht haben. Es wird – leider – immer Menschen geben, die abgehängt werden. Aus den verschiedensten Gründen. Denen zu helfen liegt in der Verantwortung des Staates. Das nennen wir soziale Fürsorge.

Ist für Sie so etwas wie ein bedingungsloses Grundeinkommen denkbar?

Das war auch ein Thema im Wahlkampf in Frankreich. Der Kandidat, der dafürstand, hat nur sechs Prozent der Stimmen bekommen und es nicht in die Stichwahl geschafft. Warum? Weil eine solche Forderung den Wert von Arbeit untergräbt. Manche Menschen denken: Arbeit ist schlecht, macht körperlich und geistig krank; der Chef übt immer nur Druck aus. Lasst uns also die Menschen durch Maschinen ersetzen und ihnen so viel Geld geben, dass sie leben und ihre Freizeit genießen können.

Wovon Sie erkennbar so gar nichts halten...

Ja, weil es nicht sinnvoll ist. Laut Studien mögen 90 Prozent der Arbeitnehmer ihr Unternehmen. 92 Prozent mögen sogar ihren Chef – entgegen allen Erwartungen. Und sie mögen es zu arbeiten, weil sie einen Beitrag zur Gesellschaft leisten und mit anderen in Kontakt kommen möchten. Die Leute wollen von anderen lernen und sich entwickeln. Und das Ganze müsste ja auch finanziert werden. Nehmen wir ein Land wie Frankreich: Ein bedingungsloses Grundeinkommen würde etwa 440 Milliarden Euro kosten! Wer soll den Gegenwert schaffen? Das ist Utopie.

Sie versprachen Ihrer Tochter einmal öffentlich, Sie würden alles tun, um ihr eine glänzende Zukunft zu bereiten. Was genau haben Sie gemeint?

Ich habe eine große Familie, aber mein Kind ist das Wichtigste. Marie ist 17, und sie ist nicht verantwortlich für den Schlamassel, der herrscht. Wir schon. Populismus, Protektionismus, Terrorismus – die Welt ist so unsicher wie nie zuvor. Dazu kommen die Umbrüche im Zuge der Digitalisierung. Wir müssen unseren Job machen. Einige Länder Europas haben eine Jugendarbeitslosenquote von 25 oder sogar 40 Prozent. Das ist furchtbar. Immer, wenn wir – ob in der Politik oder Wirtschaft – etwas angehen, sollten wir uns fragen: Nützt es der nächsten Generation? Nützt es einer 17-Jährigen? Wenn ja, dann ist es richtig.

Herr Nanterme, vielen Dank für das Interview.

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