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Nahtloser Übergang

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Viele Studenten steigen über die Master-Arbeit oder ein Praktikum in ein Unternehmen ein. Das sollte aber nur der Anfang sein.

Lisa Flügel, 28, ist Fachfrau für strategische Lieferkettenoptimierung. Ihre Masterarbeit hat sie im Winter vor vier Jahren geschrieben, es ging um schlanke Prozesse, schlanke Strukturen und darum, dass die Qualität dennoch bleibt. Berater müssten wissen, wie das geht, dachte die Studentin und fragte beim Beratungsunternehmen Accenture an, ob man ihre Masterarbeit unterstützen könne. Man sagte Ja, auch Flügels Professor an der Uni Bayreuth gab seine Zustimmung. Accenture hat - wie auch andere Arbeitgeber - an einigen Universitäten Campusteams installiert, die Kontakte zwischen Studierenden und Beratern knüpfen; das ist Lieferkettenoptimierung in Sachen Recruiting.

Früher suchten sich Studierende für ihre Diplom- und Magisterarbeiten ein Thema, verkauften das dem Professor und igelten sich für ein paar Wochen in der Bibliothek ein. Heute bewerben sie sich auf im Internet offerierte Themen für Bachelor- oder Masterarbeiten, bekommen dafür Geld und sitzen schon mal in der Firma. Weitsichtige denken bereits während eines Praktikums in der Mitte des Studiums an ihre finale Hausarbeit.

Praktikum und Abschlussarbeit schaffen Nähe zwischen dem künftigen Absolventen und dem Arbeitgeber. Bei gegenseitiger Neigung kann daraus mehr werden. "Während der Masterarbeit war ich hin und wieder bei Accenture in Kronberg", sagt Lisa Flügel. Man lernte sich kennen und schätzen: Vier Monate nach Abgabe ihrer Masterarbeit stieg Lisa Flügel als Beraterin bei Accenture ein.

Lisa Flügel empfiehlt ihren Weg wärmstens weiter. Personaler auch? "Uneingeschränkt", stimmt Christa Stienen zu. Sie ist Personalchefin und sitzt im Präsidium des Bundesverbands der Personalmanager. Ein Aber gibt es trotzdem: "Absolventen, die über ihr Praktikum und die Abschlussarbeit zu einem Unternehmen gekommen sind, dürfen dort nicht kleben bleiben." Denn obwohl solche Hausgewächse für Personaler bequem seien, brächten sie ab einer bestimmten Verweildauer keine neuen Impulse in die Firma. "Wenn Mitarbeiter zehn Jahre nach dem Hochschulabschluss noch keinen anderen Betrieb von innen gesehen haben, kann das ein Handicap für die weitere Karriere sein", warnt Stienen. Für beide Seiten seien Erfahrungen aus unterschiedlichen Betrieben von Vorteil. Offen gibt die Personalchefin zu: "Die Unternehmen wollen sich ja auch Know-how einkaufen durch die Einblicke, die ihre Mitarbeiter in anderen Betrieben gewonnen haben."

Personaler empfehlen, nach einigen Jahren die Firma zu wechseln

Grundsätzlich ist es kein Fehler, bestätigen andere Personalmanager, bei dem Unternehmen anzuheuern, mit dem man schon ein Stück des Weges gemeinsam gegangen ist. Nur müsse der Mut zum Wechsel im Lebenslauf erkennbar sein, fordert Erwin Lebon, Personalchef bei General Electric Europe. Das kann auch ein interner Seitenschritt sein. "Wenn die Karriere nach dem Berufseinstieg fortgesetzt worden ist, wenn sich der Mitarbeiter sichtbar weiterentwickelt hat, dann werten wir das positiv." Stillstand hingegen gibt Minus- statt Treuepunkte. "Dann fragen wir uns natürlich, warum der Arbeitgeber nicht in diesen Mitarbeiter, und der nicht in sich selbst investiert hat", sagt Lebon. "Zwischen dem 25. und dem 40. Lebensjahr muss man herauskommen, muss man weiterkommen, muss man hochkommen wollen." Danach auch, keine Frage. "Aber in diesen ersten Jahren werden nun mal die Weichen für die Karriere gestellt."

Der richtige Zeitpunkt für den Wechsel - dafür benötigt man viel Fingerspitzengefühl. Einen handfesten Tipp gibt Martina Niemann, Personalleiterin bei Air Berlin: "Wer in jungen Jahren alle anderthalb Jahre den Arbeitgeber gewechselt hat, wird von Personalern als neugierig und flexibel betrachtet und entsprechend wertgeschätzt. Drei, vier Stationen vor dem dreißigsten Lebensjahr sind gut. Wer aber in dieser Zeit sieben oder acht Mal gewechselt hat, steht wie jemand da, der nie zufrieden ist."

Personalberater Ralf Kleine aus Frankfurt weist auf einen weiteren Knackpunkt hin. "Bei der Karriere eines selbst herangezogenen Mitarbeiters leisten die anderen Führungskräfte oft Widerstand, man beginnt nach Praktikum und Masterarbeit, sprudelt vor Ideen - und wird womöglich genau deshalb von den Kollegen geschnitten." An solche Folgen denkt man nicht, wenn der Betreuer der Masterarbeit vorschlägt, doch zu bleiben. "Besonders Ingenieure beißen sich gern schon nach dem Praktikum fest", sagt Kleine, "unter lautem Applaus der Arbeitgeber. Wenn der Mitarbeiter auf Zeit Leistung und Talent gezeigt hat, ist das doch geradezu ein Geschenk für die Recruiter."

Genau deshalb werden Praktika und Abschlussthemen annonciert: Die fachliche Neugier wird geweckt, dazu ein kleines Gehalt, das lockt den Nachwuchs. Beim Reifenhersteller Continental schreiben an die 200 Studenten jährlich ihre Abschlussarbeit, bei anderen Konzernen sind es nicht weniger. Freilich bietet die lockere Bekanntschaft keine Gewähr. Auch Lisa Flügel hat ihren Job nicht nur der Masterarbeit zu verdanken. Sie musste ebenso wie andere Bewerber die Auswahltage absolvieren.

Quelle: www.sueddeutsche.de/Katharina Vitinius

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