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Prolls und Vorurteil

Consulting Berater Beratung Diskussion [Quelle: Unsplash.com, Nik MacMillan]

Quelle: Unsplash.com, Nik MacMillan

Alles Neue – sei es ein neuer Job, ein neuer Ort oder eine neue Bekanntschaft – ist zu einem gewissen Maß mit unseren Vorurteilen belastet. Das gilt auch für den Beruf des Unternehmensberaters: Profit steigern um jeden Preis, auch wenn dafür die eigene Mutter verkauft werden muss. Arbeitstage, die nur durch Sekundenschlaf unterbrochen werden – vorzugsweise im Büro. Und insgesamt eine Ansammlung hochnäsiger Prolls, von denen kaum einer länger als zwei Jahre durchhält, bis er ausgebrannt ist und ein Yoga-Café eröffnet.

Bei mir gab es allerdings eine Zeit, da hatte ich nicht einmal Vorurteile, denn ich wusste wirklich rein gar nichts über Unternehmensberatungen. Das änderte sich zu Beginn meines fünften Semesters an der Technischen Universität Berlin. Am Ende meines Vordiploms im Studiengang Wirtschaftsingenieurwesen.

Eines schönen Morgens, auf dem Weg durch das Hauptgebäude zur Vorlesung, wurde ich von einem netten jungen Mann im Anzug angesprochen: "Hey, würdest du gerne mal an einem Fallstudienwettbewerb teilnehmen?" – "Ich bin kein Freund von Extremsportarten und habe etwas Höhenangst." – "Du hast mich falsch verstanden, ich werde dich mal aufschlauen: Ein Fallstudienwettbewerb ist vom Set-up her ein Workshop, bei dem du on-top proaktiv, dediziert einen Business Case top-down crackst. Zielsetzung ist es, Herausforderungen eines Clients zu handeln, Prozesse zu optimieren, Synergien zu leveragen, Opex zu shiften, Headcount zu streamlinen und ein Slide-deck darüber zu delivern – High-Level-Approach in Bullets reicht, der Rest auf der Tonspur. Presenten der Findings vor dem CEO, CFO, CIO und den Stakeholdern. Wir sind strategisch unterwegs. Wichtig ist, den Lead zu nehmen und Out-of-the-box-Denken. Aber keine Sorge, ihr werdet gemonitored und durch die Expertise von Managern gecoacht. Und denk dran: Low-hanging Fruits bringen die Quick Wins – Don’t boil the ocean! Es gibt zum Ausklang natürlich ein Get-together mit der Consulting Company im netten Surrounding und Rückkopplung, ob man dich ins Boot holt – eigentlich ein No-Brainer. Aber wir werden euch beim Kick-off noch einmal mit Guidance aufgleisen. Das kann dein nächster Milestone auf der Roadmap zum C-Level sein, wenn der Fit passt. Am Ende des Tages ist es People Business. Der Ort ist tbd. Ich bin der SPOC für das Event. Sag mir asap Bescheid, ob wir dein Commitment haben und nimm dabei deine Team Member in den Loop. Ich hoffe, du bist fein damit. Ich muss jetzt zum Abstimmen eines Final-Draft in den nächsten Call, sonst gibt es wieder Irritationen und Cuttings bei den Capex, ein totales No-Go, da sind wir eh schon short."

Ich wusste nicht genau, ob mein Gegenüber gerade Deutsch mit etwas Englisch oder andersherum sprach, aber dieses Vorurteil stimmt tatsächlich: Berater haben ihre eigene Sprache.

Ich trug meinen Namen in eine Teilnehmerliste ein und nahm ein paar Wochen später mit drei weiteren Studienkollegen am Fallstudienwettbewerb teil. Der Tag begann mit einer kurzen Vorstellung durch die Mitarbeiter der Unternehmensberatung. Anschließend erhielten wir unsere Fallstudienunterlagen: Die Aufgabenstellung, ergänzende Grafiken, vertiefende Tabellen, weiterführende Detailinformationen, einen erläuternden Appendix, ausführliche Analysen, Studien, die man kaum zu zweit hochheben konnte und vier Stunden Zeit, um eine vorstandstaugliche Präsentation zu erstellen. Das war genug Papier, um durch einen langen kalten Winter zu kommen. Auch das trifft also zu: Manchmal erhält man als Berater etwas mehr Informationen, als man aktuell benötigt, und muss Komplexität herausnehmen. Wir wühlten uns durch die Unterlagen, versuchten verzweifelt, eine Struktur zu finden, diskutierten sehr lange an unwichtigen Themen herum, fanden letztlich eine Aufteilung, sodass jeder einen Teil bearbeiten konnte und schusterten in den letzten Minuten irgendwie eine Präsentation zusammen.

Wir präsentierten 20 Minuten lang unsere Lösungsvorschläge und erhielten als Dankeschön gelangweilte Blicke, provokante Fragen und die Rückmeldung, dass das alles so nicht funktionieren könne. Das bestätigte ein weiteres Vorurteil: Manchmal arbeitet man unter Zeitdruck und wird mit herausfordernden Rückfragen konfrontiert. Letztendlich konnten wir dann doch überzeugen, wurden Erster an diesem Tag und durften ein paar Wochen später am Halbfinale und danach sogar am Finale teilnehmen. An diesem Abend wurden alle Studenten für ihre Teilnahme mit einer Einladung in den VIP-Bereich einer berühmten Berliner Cocktailbar samt Flatrate auf alle Getränke belohnt. Wir haben den Beratern Löcher in den Bauch gefragt zu Reisezeiten, Karrierechancen, Standorten und Überstunden. Aber auch private Angelegenheiten wie Urlaube, Familienplanung, sportliche Aktivitäten und Freizeitgestaltung wurden ausführlich besprochen. Ein weiteres wahres Vorurteil: Berater arbeiten zum großen Teil nicht in ihrem Unternehmensbüro, sondern vor Ort bei den Kunden. Sie haben aber auch eine Familie und sind in der Freizeit ganz normale Menschen.

Ich habe mit diesem und anderen Teams an weiteren Fallstudienwettbewerben teilgenommen und insgesamt acht Mal den ersten Platz belegt. Auf diese Weise habe ich sehr viele Unternehmensberatungen kennengelernt und konnte mit der Zeit auch Unterschiede feststellen. Dies hat mir bei meiner späteren Wahl sehr geholfen. Der Eindruck von der Arbeit eines Beraters, den ich durch die Fallstudienwettbewerbe gewonnen habe, hat sich nach meinem Einstieg bewahrheitet, allerdings nicht in derselben Intensität – ein Glück! Ein Fallstudientag ist immer zuerst sehr informativ durch die Präsentation und Aufgabenstellung, anschließend angespannt beim Strukturieren, Lösen und Präsentieren und abschließend glückerfüllt und kommunikativ, wenn alles vorbei ist und man sich austauscht.

All diese Zustände und Gefühle erlebt man ebenfalls in der Beratung, aber verteilt über einen längeren Zeitraum, denn man arbeitet stets auf bestimmte Projektziele hin. Daher erfordert die Arbeit ein hohes Maß an Engagement und Teamfähigkeit. Die Arbeitswoche umfasst in der Regel mehr als 40 Stunden, aber dafür arbeitet man meist mit viel Gestaltungsspielraum an sehr interessanten Themen. Ob die Arbeitszeit dauerhaft mehr als 60 Wochenstunden beträgt, hängt von der Beratung ab. Man wird wahrscheinlich zweimal in der Woche reisen – am Montag zum Kunden und am Ende der Woche zurück. Dafür ist die Reisezeit in Bahn, Flugzeug oder Taxi angenehm und lässt sich auch zum Ausruhen oder Lesen nutzen. Der Karriereweg ist in der Beratung relativ klar festgelegt: Man vereinbart Ziele und erhält regelmäßige Bewertungen. Wer gut ist, kommt schnell weiter. Ob es zwingend erforderlich ist, immer den nächsten Karriereschritt in einem bestimmten Zeitraum zu schaffen, hängt wiederum von der Beratung ab.

Ich kann einen Fallstudienwettbewerb aus den folgenden Gründen empfehlen:

  • Man knüpft fantastische neue Kontakte auf Firmen- und Studentenseite.
  • Man lernt eine sehr reale wirtschaftliche Problemstellung kennen und erfährt am Schluss die Herangehensweise der Profis.
  • Man verliert nach und nach die Angst zu präsentieren und lernt, mit unerwarteten Fragen umzugehen.
  • Man hat an einem schlechten Tag nichts zu verlieren und an einem guten Tag viel zu gewinnen, denn Fallstudienwettbewerbe sind natürlich auch Recruiting-Events.
  • Man hat auch an einem schlechten Tag sehr viel Spaß beim Abendevent.
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Bereite dich in unserer Fallstudien-Rubrik auf die Case Studies im Assessment-Center vor. Hier findest du Beispiele, Lösungen und Tipps zur Vorgehensweise.

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