Partner von:

Anspruchsvolle Talente

Lieber mobil statt lange Bürostunden [© runzelkorn - Fotolia.com]

© runzelkorn - Fotolia.com

Sabbaticals, Heimarbeit, Elternzeit: Kanzleien stehen vor neuen Herausforderungen. Die Ansprüche von Junganwälten und die Erwartungen der Mandanten prallen aufeinander.

"Für manche Personalchefs sind wir ein Albtraum: Sie halten uns für verwöhnt, selbstverliebt und größenwahnsinnig." Diese Worte schrieb die Autorin Kerstin Bund vor mehr als einem Jahr in der ZEIT über die sogenannte "GenerationY" – also die unter 35-Jährigen. Personalverantwortliche in deutschen Wirtschaftskanzleien würden ihr wohl zustimmen, denn diese Generation stellt sie seit einiger Zeit vor völlig neue Herausforderungen. 

Das Buch von Bund heißt "Glück schlägt Geld". Auch die Wirtschaftsjuristen sehnen sich immer mehr nach sinnerfüllten Arbeitsinhalten. Das Wertesystem einer Generation hat sich verschoben: Heute stehen nicht mehr die klassischen Statussymbole wie ein hohes Gehalt, ein dicker Bonus oder der teure Firmenwagen an oberster Stelle. Stattdessen ist die eigene Selbstbestimmung das neue Statussymbol. Die unter 35-Jährigen wollen selbstständig über ihre Zeit bestimmen, der Job soll ihnen Freude bringen und Freiheiten lassen. Feste Arbeitszeiten und -orte machen für junge Mitarbeiter keinen Sinn mehr.

"Diese Einstellung ist Gift für das althergebrachte Arbeits- und Geschäftsmodell von Anwaltskanzleien", sagt Personalcoach Falk Schornstheimer. "Denn bis die ersten Vertreter der Generation Y die Kanzleiflure betraten, bestand die gängige Währung dort aus Prestige, Renommee und Geld." Die Erwartungen damaliger Anwälte unterscheiden sich grundlegend von denen heutiger: "Wer vor 20 Jahren als Anwalt – seltener als Anwältin – in eine Sozietät eintrat, wollte Partner werden und ordentlich Geld verdienen. Im Gegenzug spielten Arbeitszeiten und Arbeitsbelastung keine Rolle. Niemand schaute auf die Uhr."

Dieses Bild hat sich für die meisten Bewerber komplett gewandelt. Heute streben nur noch knapp 16 Prozent der angestellten Anwälte die Vollpartnerschaft an. Das ist das Ergebnis der aktuellen Associate-Umfrage von Azur, einem Branchenblatt für Nachwuchsjuristen. Das bedeutet: Ganze 84 Prozent der jungen Anwälte wollen nicht mehr Partner werden. Stattdessen wünschen sie sich mehr freie Zeit für ihre Familie und weniger Verantwortung im Job.

Die Gründe für die sinkende Zahl von Partneranwärtern sind vielfältig. So wissen laut Azur die meisten jungen Anwälte, dass ihre Chancen rapide sinken, überhaupt in die Partnerschaft aufgenommen zu werden. Dies gilt vor allem für Großkanzleien. Wo jedes Jahr mehrere Hundert Anwälte eingestellt und nur rund eine Handvoll Anwälte zum Partner ernannt würden, könne sich jeder ausrechnen, wie groß die Chancen sind.

Eine Lösung für beide Seiten versprach die Schaffung einer neuen Position, die des sogenannten Counsels. "Zahlreiche Großkanzleien haben eine solche Position als Alternative zur Partnerschaft eingeführt. Der Counsel akquiriert selbstständig Mandate, verfügt über eine große Berufserfahrung und arbeitet eigenverantwortlich", erklärt Martin Wollziefer, Mitbegründer des Beratungsunternehmens SW Recht & Personal. "Der Counsel soll also diejenigen zufriedenstellen, die eine anspruchsvolle Arbeit bei weniger unternehmerischer Verantwortung suchen. Und die Kanzleien profitieren davon, dass er mehr einbringt als ein Associate und weniger kostet als ein Partner."

Natürlich kommt es immer darauf an, wie so etwas in der Realität umgesetzt wird. Wollziefer hat beobachtet, dass manche Kanzleien das Thema durchaus ernst nehmen. Andere aber kleben lediglich ein Etikett auf eine inhaltsleere Hülle und hoffen, dass Bewerber dies nicht durchschauen. "Das Kanzleimanagement muss dem Counsel Anerkennung, Eigenverantwortung und ein angemessenes Gehalt gewähren", sagt Wollziefer.

Eine andere Schwierigkeit für Kanzleien besteht darin, dass ohnehin immer weniger Jura-Absolventen in Großkanzleien arbeiten wollen. Und nicht allen ist der dicke Gehaltsscheck wichtig. Laut der jüngsten Umfrage von Legal Tribune Online erwarten nur rund neun Prozent der befragten Bewerber ein Einstiegsgehalt von 100.000 Euro pro Jahr. Der Großteil der Bewerber sieht sich in einer Gehaltsspanne zwischen 40.000 und 80.000 Euro.

Im Arbeitsalltag stehen –verständlicherweise – die Mandanten an erster Stelle. Und wenn sie rufen, gilt es zu springen.

Falk Schornstheimer, Kanzleiberater

Die Gehaltsfrage spielt sowieso für lediglich rund 16 Prozent der Befragten eine zentrale Rolle bei der Auswahl des Arbeitgebers. Am schwersten wiegt für die künftigen Anwälte eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Diese bewerten ganze 40 Prozent als wichtigstes Kriterium für die Auswahl eines Arbeitgebers. Und mehr als die Hälfte der Befragten wünscht sich echte Kollegialität. Auch kulturelle Vielfalt und Chancengleichheit in der Kanzlei haben eine immer größere Bedeutung. Und wie reagieren die Sozietäten auf die veränderte Erwartungshaltung? "Bei vielen Kanzleien ist es heutzutage möglich, von zu Hause zu arbeiten oder Elternzeit zu nehmen", sagt Schornstheimer. "Doch einen Associate, der ein Sabbatical genommen hat, sucht man lange. Und in Teilzeit arbeiten hauptsächlich Anwältinnen."

Wunsch und Wirklichkeit klafften beim Thema Work-Life-Balance weit auseinander: "Nach allem, was man beobachten kann, tun sich speziell Kanzleien schwer, die Versprechungen einzuhalten, die sie der Nachwuchsgeneration machen." Aus den Kanzleien höre man dann, der Mandant sei schuld. "Im Arbeitsalltag stehen – verständlicherweise – die Mandanten an erster Stelle. Und wenn sie rufen, gilt es zu springen", sagt Berater Schornstheimer.

Warum aber gehen die Kanzleien überhaupt auf die Forderungen des Nachwuchses ein? "Daran ist hauptsächlich der demografische Wandel Schuld", sagt Wollziefer. "Die Kanzleien haben teilweise keine Bewerber mehr, sondern sie müssen sich bei den Kandidaten bewerben."

Der Markt hat sich gedreht. Für die großen Wirtschaftskanzleien ist das eine echte Herausforderung.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten.
Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

nach oben

"Perspektiven für Juristen" gibt einen Überblick über Berufsbilder und bietet hilfreiche Tipps für die Studien- und Karriereplanung für angehende Juristen.

Verwandte Artikel

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren