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Wie wichtig ist das Charisma von Führungskräften?

Business, Führungskräfte mit Charisma mehr Einfluss [Quelle: sxc.hu/Autor: ilco]

Business, Führungskräfte mit Charisma mehr Einfluss [Quelle: sxc.hu/Autor: ilco]

Ökonomen können jetzt erstmals zeigen: Der Einfluss eloquenter Entscheider endet nicht am Werkstor.

 Kommt ein neuer Chef ins Unternehmen, dann sortieren sich die Truppen in der Firma neu: Schließlich hängen Familienexistenzen davon ab, ob Mitarbeiter auch im neuen Regime ihren Arbeitsplatz behalten oder nicht. Reißt der neue Chef seine Mannschaft mit, kann die Motivation der Beschäftigten stark steigen, haben zahlreiche Studien von Organisationswissenschaftlern belegt.
 
 Doch wie weit reicht sein Einfluss? Drei Ökonomen können nun erstmals zeigen: Das Herrschaftsgebiet von Chefs endet nicht mit dem Firmengelände. Im Gegenteil: Das Charisma eines Chefs hat nachhaltigen Einfluss auf Wertpapieranalysten. Das können die Wissenschaftler Angelo Fanelli von der Pariser Business School HEC, Vilmos Misangiy von der Pennsylvania State University und Henry L. Tosi vom Warrington College in Florida jetzt in einer aufwendigen Studie empirisch belegen.
 

Gefahr falscher Empfehlungen

 Anders als Mitarbeiter unterliegen Analysten keinen Weisungsbefugnissen der Vorstandschefs von den Unternehmen, die sie professionell beobachten. Sie sind als Intermediäre auf dem Finanzmarkt ihren eigenen Arbeitgebern und ihren Kunden, den Aktionären, verpflichtet. Die drei Ökonomen untersuchen, wie die Zukunftspläne der Führungskräfte von den zuständigen Analysten aufgenommen werden: Lassen sich die Finanzmarktprofis von visionären Statements der Topmanager beeindrucken? Und liegen die Analysten häufiger falsch, weil sie sich zu sehr von charismatischen Firmenchefs blenden lassen?
 
 Um diese Fragen zu beantworten, haben die Forscher Aktionärsbriefe von fast 400 US-Unternehmen aus 30 Branchen in einem Zeitraum von rund zehn Jahren ausgewertet - alles Firmen, die kurz vorher einen neuen Vorstandschef bekommen haben. Ein neuer Chef, so das Kalkül der Wissenschaftler, fängt in der Regel bei null an. In seinem ersten Statement an die Aktionäre werde er mit hoher Wahrscheinlichkeit den Status quo analysieren und seine Visionen für die Zukunft des Unternehmens präsentieren.
 
 In einer mühevollen Textanalyse werteten die Forscher den Inhalt der Aktionärsbriefe aus. Waren die Statements visionär, positiv und mitreißend oder eher pessimistisch, negativ und dröge? Der Charakter einer Führungskraft, so haben die Wissenschaftler in anderen Studien festgestellt, beeinflusst spürbar, wie er mit seinen Aktionären kommuniziert.
 
 Charismatiker rechnen oft mit dem Status quo ab und brandmarken die Ausgangslage gern als "nicht tolerierbar". Beim Blick nach vorn argumentieren sie oft ideologisch, moralisch und emotional. Und: Wenn sie sich an Aktionäre und Beschäftigte wenden, schreiben sie gerne "wir" und "unser".
 
 Auf Analysten macht Charisma nachhaltigen Eindruck, stellen die Wissenschaftler fest. Je mitreißender und visionärer sich ein neuer Chef gibt, desto positiver fällt danach das Urteil der Analysten über das Unternehmen aus. Zudem zeigt sich ein gewisser Herdentrieb: Je mitreißender die Kommunikation der Topmanager, desto weniger stark klafften die Urteile der einzelnen Analysten auseinander. Das bleibt natürlich nicht ohne Folgen für die Börsenkurse, zeigt eine Studie des Finanzmarktforschers Kent L. Womack. "Revidiert ein Analyst seine Empfehlung um einen Punkt nach oben, steigt der Aktienkurs im Schnitt um drei Prozent in den folgenden drei Tagen und immer noch um 2,4 Prozent im folgenden Monat."
 
 Fanelli, Misangyi und Tosi können in ihrer Untersuchung sogar zeigen, dass ein positiver Zusammenhang zwischen den charismatischen Visionen der Unternehmenschefs und günstigen Aktienempfehlungen besteht und länger als ein Jahr anhält. Sind es gleich mehrere Analysten, die ihre Empfehlungen positiv ändern, kommt ein Herdentrieb in Gang - mit positiven Folgen für den Börsenkurs des betreffenden Unternehmens. Für die Firmen lohnt es sich also, charismatische Chefs einzukaufen.
 
 Bei den zuständigen Analysten sieht es anders aus. Denn ein charismatischer Chef ist nicht zwangsläufig auch ein guter Manager. Mitunter ist sogar das Gegenteil der Fall: Blender mit viel Kommunikationstalent gelingt es oft, zumindest eine Zeit lang fachliche Schwächen zu überspielen. Auch dieses Phänomen können die Forscher belegen. Sie stellen fest: Aktienempfehlungen eines Analysten für ein Unternehmen mit charismatischem Chef erweisen sich später deutlich häufiger als falsch.

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