Partner von:

Der persönliche Lehrer im Netz

Computer, Power, Start-Knop, Apple, Quelle: Jugendfotos.de, Autor: LuKe-B

Computer, Power, Start-Knop, Apple, Quelle: Jugendfotos.de, Autor: LuKe-B

Der Seminarraum ist Geschichte. Tipps vom Coach gibt es auch online. Viele Jungunternehmer machen daraus ein Geschäft - und helfen den Konzernen, Kosten zu sparen.

Ratschlag und Hilfe vom Wirtschafts-Nobelpreisträger Gary Becker? Für 5.000 Dollar in der Stunde ist auch das zu haben. Wann der Ökonom von der Universität Chicago Zeit hat, verrät die Internet-Plattform Expertinsight.com. Freitag nachmittags ist er meist verfügbar. Zeit anklicken und bestätigen - so schnell steht der Gesprächstermin beim Nobelpreisträger. Damit Becker nicht jedem seine Telefonnummer verraten muss, findet das Gespräch per Videotelefonie statt, das Programm dafür ist auf der Internetseite eingebettet. 

Das Netz macht's möglich: Via Videokonferenz können Nutzer nicht nur mit Experten wie Becker oder dem "Freakonomics"-Autor Steven Levitt sprechen, sondern auch mit einem Muttersprachler aus Guatemala Spanisch lernen oder Führungsfragen mit dem Coach diskutieren. Egal wo, egal in welcher Zeitzone - Schüler und Lehrer oder Kunde und Trainer finden virtuell zusammen.

Rund um internetbasierte Kommunikationsprogramme wie Skype und Plattformen, die Videogespräche, Chats, digitale Flipcharts und den Austausch von Dokumenten erlauben, sind junge Unternehmen wie die amerikanische Firma Expert Insight oder Glovico aus Deutschland entstanden. Vorreiter sind internationale Wirtschaftshochschulen, die ihre weltweit mobile Klientel so erreichen können, aber auch Großkonzerne wie die Lufthansa haben die Möglichkeiten des Internets für die Weiterbildung entdeckt. Sie sparen nun Geld, womit eine Branche neuerdings verdient.
 
Etwa Brandon Adams, der Gründer von Expert Insight. Die Plattform ging Anfang Juli online, rund 130 Fachleute für Seminare hat Adams bisher gewonnen. Nicht alle sind so hochkarätig wie Becker oder Levitt, mit denen er für die Plattform wirbt. Viele Poker-Spieler sind dabei, von denen Anfänger und Erfahrene lernen wollen. Kein Wunder: Adams, der seit acht Jahren an der Harvard Universität lehrt, ist selbst einer der erfolgreichsten Spieler und hat auch bisher schon Nachhilfe gegeben - gegen Honorar, versteht sich. 200 Dollar nimmt er heute je Einzel-Beratungsstunde.

Das Geschäft mit Ratgebern wird professioneller
Längst aber ist das Geschäft der Spieleecke entwachsen. Heute zählen Manager, Gründer und Unternehmer zu den Kunden. Sie sind bereit, mehrere hundert bis tausend Dollar je Stunde zu bezahlen, die Adams Experten - Ökonomen, Psychologen oder erfahrene Gründer - für ihre Privataudienz verlangen.
 
"Ziel ist, eine Bandbreite an Themen abzudecken", sagt der 32-jährige Adams. Die prominenten Köpfe sind nur Aushängeschild, auf der Plattform soll irgendwann jeder, der sich auf einem Gebiet zum Experten berufen fühlt, sein Wissen gegen Honorar weitergeben können. Eine halbe Million Dollar haben Adams und Investoren bisher in die Plattform investiert. Seit Juli hat er mehrere zehntausend Dollar eingenommen, 30 Prozent davon behält Expert Insight, der Rest wird den Experten überwiesen. Ende 2012 oder Anfang 2013 will Adams schwarze Zahlen schreiben. 

Vorbild sind die internationalen Business Schools
Tobias Lorenz will das gar nicht. Auch er will mit Glovico Lehrende und Lernende zusammenbringen - allerdings mit anderem Ziel und zu deutlich niedrigeren Preisen. Auf seiner Plattform können Nutzer Sprachlehrer für den Einzelunterricht buchen. Sieben bis neun Euro je Stunde kostet das. Die Muttersprachler wohnen in Guatemala, Brasilien oder China. Lehrer und Schüler verabreden sich über die Plattform und nutzen für den Unterricht die Software Skype, mit der Videogespräche möglich sind.
 
Sprachen lernen via Skype - das haben einige Gründer als Geschäftsmodell entdeckt. Doch Lorenz will dabei auch sozialer Unternehmer sein - seine Lehrer leben ausschließlich in Entwicklungsländern. Wie bei den meisten Anbietern im Netz zahlen seine Kunden per Kreditkarte, Lastschrift oder Online-Bezahlsystem Paypal. Zwei Euro je Unterrichtsstunde verdient das Start-up.
 
In den USA ist das Lernen via Internet-Konferenz weit verbreitet. Vorreiter des digitalen Unterrichts sind die internationalen Wirtschaftshochschulen, deren erfahrene Teilnehmer in Managementprogrammen für das Studium nicht mehr Vollzeit aus dem Job aussteigen können oder regelmäßig für Seminare um die Welt jetten wollen.
 
Bisher flogen sie für die Kurse an der Hochschule um die Welt - doch nun stellen immer mehr Anbieter auf einen Mix aus Online und Offline, auf virtuelle Klassenräume um. Das sind Internet-Plattformen mit Passwortschutz, auf denen Videogespräche, Chats und die Bearbeitung von Dokumenten möglich sind.
 
Selbst Coaching lässt sich online einbinden. Die amerikanische Duke Universität bietet ihren Seminarteilnehmern Coaching via Telefon und Internetplattform. Ob die Beratung per Web-Kamera und Chat das Richtige ist, hängt davon ab, wie gewohnt Klient und Berater im Umgang mit den digitalen Errungenschaften sind. Und wie oft sie sich vorher gesehen haben. Eine Beratung ohne jemals persönlichen Kontakt gehabt zu haben, lehnt zwar keiner der Coachs ab. "Aber die Beziehung zwischen Coach und Kunden spielt eine Rolle", sagt Coach Martin Wehrle.
 
Er hat deutsche Manager in Russland oder China per Skype und Telefon begleitet. Videogespräche stehen bei den Coachs erst am Anfang. "Das wird sich ändern, wenn auch die Firmen die moderne Technik anwenden", sagt Wehrle. Warum nicht auch die jährlichen Mitarbeitergespräche per Videogespräch führen, wenn der Chef in der deutschen Zentrale, der Mitarbeiter aber im Ausland weilt?
 
In den USA, in Australien oder auch in Singapur sei es normal, sich mit dem Coach auch über große Distanzen hinweg auszutauschen, sagt die Trainerin Amel Karboul, die Manager bis zur obersten Führungsriege zu ihren Coaching-Kunden zählt. Die Deutschen mögen aber das persönliche Gespräch. Dimensionen wie im Flächenstaat USA, wo schlicht die Entfernung viel mehr zu Videogesprächen zwingt, wird das Medium hierzulande wohl nicht erreichen. 

Lufthansa bündelt Weiterbildung in Online-Klassenräumen
Bei so sensiblen Themen wie Lebensentscheidungen, geht es auch nicht anders. Sie lassen sich kaum über Tausende Kilometer Distanz besprechen. Das weiß man auch in der Lufthansa School, wo die Fluglinie ihre Mitarbeiter-Weiterbildung bündelt. In der Führungskräfteweiterbildung arbeitet auch die Lufthansa mit Coaches zusammen, die Videogespräche einsetzen können.
 
"Die Grenzen des virtuellen Coachings oder Trainings sind persönliche Themen wie Fragen der Führung. Dafür müssen sich Menschen kennen und vertrauen, und das Vertrauen virtuell aufzubauen ist schwer bis unmöglich", sagt Bert Gochermann, der an der Lufthansa School den Bereich Management-Programme leitet.
 
"Themen, die man rational gut erfassen kann, lassen sich auch per Videocoaching klären", sagt der Coach Martin Barnreiter. Ein Klassiker für solche Themen sei das Zeitmanagement.
 
Erst schnelle Internet-Verbindungen machten das Online-Training möglich, Verbindungsabbrüche und technische Probleme sind ein Hindernis für die Lehrangebote. Udo Sonne, der an der Lufthansa School für Digitale Medien und Lernsysteme zuständig ist, hat das vor kurzem erlebt. 80 Teamleiter hatte die Lufthansa zuerst in klassischen Seminaren geschult, später trafen sie sich im virtuellen Klassenzimmer wieder. "Wenn man sich früher vielleicht vier Mal im Jahr zu einer Präsenzveranstaltung getroffen hat, ist heute zumindest einer der Termine nur noch virtuell", sagt Sonne.
 
Der Trainer schaltete sich aus Bochum zu, die Teilnehmer aus vier Standorten weltweit. "Wir haben auch erlebt, dass es technische Grenzen gibt: die Verbindung war zum Teil schlecht, mehrfach mussten wir auf eine Telefonkonferenz umschalten. Dann ist Improvisation gefragt", sagt Sonne. Und ein gutes Team im realen Hintergrund.
 
© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

nach oben

Hol dir Karriere-Infos,

Jobs und Events

regelmäßig in dein Postfach

Kommentare (0)

Zum Kommentieren bitte einloggen.

Das könnte dich auch interessieren