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Doch die Unterschiede bleiben gewaltig

Schüler Physik Naturwissenschaft (sxc.hu, hisks)

Schüler Physik Naturwissenschaft (sxc.hu, hisks)

Zumindest bei den Naturwissenschaften haben die Schulen in den 16 Bundesländern in den vergangenen Jahren stark aufgeholt. Sachsen liegt hier im Ranking der OECD direkt hinter Bildungsweltmeister Finnland. Dies zeigt die gestern von der Kultusministerkonferenz vorgelegte dritte Ergänzungsuntersuchung zur Pisa-Studie.

 Insgesamt rangieren 13 Bundesländer inzwischen über dem OECD-Durchschnitt. Beim letzten Pisa-Test 2003 war dies nur drei Ländern, nämlich Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg, gelungen.
 
 Inzwischen - die ausgewerteten Daten stammen aus 2006 - können sich neben Sachsen auch Bayern und Thüringen zur Weltspitze zählen. Das noch beim ersten Pisa-Test 2000 weit abgeschlagene Nordrhein-Westfalen und Hamburg liegen inzwischen immerhin auf OECD-Durchschnitt. Allein Bremen bleibt mit einem Abstand im Lernniveau von rund zwei Schuljahren zum Spitzenreiter hoffnungslos abgeschlagen. "Erfreulich" nannte gestern der Koordinator der Studie, Manfred Prenzel von der Universität Kiel, diese Ergebnisse.
 
 Ein Grund zum Jubeln sind sie aus Sicht der Wirtschaft, aber auch der Bildungswissenschaftler freilich nicht. Als unerträglich kritisierte der Bildungsexperte von BDA und BDI, Gerhard F. Braun, vor allem die hohen Leistungsunterschiede zwischen den Bundesländern. Auch IBM-Chef Martin Jetter warnte Deutschlands Bildungspolitiker davor, sich auf den vermeintlichen Lorbeeren auszuruhen (siehe: "Die Schulform ist nicht entscheidend").
 
 Der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft Hans-Jörg Bullinger sagte dem Handelsblatt: "Einen Grund zum Aufatmen haben wir nicht." Die Studie zeige zwar, dass die Konzentration aller Beteiligten auf das Thema Bildung in den vergangenen Jahren Erfolge gebracht habe. "Wir brauchen aber, wenn wir im internationalen Wettbewerb zu den Gewinnern gehören wollen, eines der besten Bildungssysteme. Davon sind wir noch weit weg", sagte Bullinger. "Es fehlt noch viel, sowohl in der Spitze als auch in der Breite."
 
 Tatsächlich zeigt die Studie, dass der Anteil der leistungsschwachen Schüler in allen Ländern noch groß ist, auch wenn die Zahl der Sitzenbleiber gesunken ist und heute ohne die befürchteten Einbußen beim Leistungsstandard mehr Schüler aufs Gymnasium gehen als 2000 bei der ersten Pisa-Studie. Die Erfolge bei den Naturwissenschaften, in denen die ostdeutschen Länder traditionell sehr stark sind, können zudem nicht darüber hinwegtrösten, dass beim Fach Mathematik immer noch nur vier Länder über dem OECD-Durchschnitt liegen. Neun sind nur Durchschnitt; drei liegen weiterhin darunter.
 
 Als besonders bedenklich bezeichnete Prenzel die schwachen Leseleistungen an deutschen Schulen. Denn Lesen sei eine Schlüsselkompetenz für den Lernerfolg. Hier liegen nur vier Länder über dem OECD-Durchschnitt: Rheinland-Pfalz, Thüringen, Bayern und Sachsen. Doch auch sie sind weit von der Spitzengruppe in der OECD entfernt. In zehn Ländern befindet sich die Lesekompetenz bei über einem Fünftel der getesteten 15-jährigen Schüler immer noch auf Grundschulniveau. Dies passt zu dem Befund, dass quer durch alle Länder und Schulformen nach wie vor ein enger Zusammenhang zwischen geringem Schulerfolg und niedriger sozialer Herkunft und Migrationshintergrund der Kinder besteht. Allein Sachsen mit seinem zweigliedrigen Schulsystem aus Mittelschule und Gymnasium gelingt es, Schüler unabhängig vom sozialen Hintergrund zu fördern.
 
 Die nordrhein-westfälische SPD forderte deshalb gestern, das dreigliedrige Schulsystem im Bundesland umgehend zugunsten einer Gemeinschaftsschule abzuschaffen. IBM-Chef Jetter und Bullinger von der Fraunhofer-Gesellschaft warnten vor solchen Kurzschlüssen. "An der Schulform liegt es nicht. Wir brauchen mehr Betreuung, also mehr Lehrer. Die Eltern müssen wieder stärker in den Schulalltag eingebunden werden", sagte Bullinger. Wenn die Übergänge zwischen den verschiedenen Schulformen offen gestaltet würden, gebe es Schulerfolg in jedem Schulsystem. Er kritisierte, dass die Schulen immer noch nicht im Zeitalter von Google und Wikipedia angekommen seien. "Viele Lerninhalte werden noch vermittelt wie vor hundert Jahren. So macht man Schüler nicht fit fürs Leben."
 Sachsen springt an die Pisa-Spitze
 Die Studie Die neuen Ergebnisse entstammen einer Erweiterungsstudie zum weltweit größten Schultest Pisa. Sie geben Aufschluss über die Leistungsfähigkeit der Schulsysteme in den 16 Bundesländern. Die Ergebnisse werden nach den Standards der internationalen Hauptuntersuchung der OECD bewertet. 57 000 Schüler aller Schularten im Alter von 15 Jahren wurden getestet.
 
 Der Sieger Sachsen verweist Bayern nicht nur bei den Naturwissenschaften auf den zweiten Platz, sondern auch in den anderen Testgebieten Mathematik und Lesen.
 
 Die Konsequenzen Die Ergebnisse führen zu einer Debatte über das richtige Schulsystem. Grüne und SPD fordern, sich ein Beispiel am zweigliedrigen Schulsystem der erfolgreichen ostdeutschen Länder aus Mittelschule und Gymnasium zu nehmen. Doch die Autoren der Studie warnen: Es gebe keinen Zusammenhang zwischen Schulsystem und -erfolg. Wichtig sei die richtige Förderung.
 
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