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Lieber Heimat als Ho-Chi-Minh-Stadt

Singapur, Asien [Quelle: pixabay.com, Autor: akenarinc]

Quelle: pixabay.com, akenarinc

Wer Karriere machen will, muss mal im Ausland arbeiten. Doch inzwischen scheuen viele Nachwuchskräfte das Leben als Expat.

Kurz nachdem Greta Rose von ihrer zweiten Schwangerschaft erfährt, sucht sie das Gespräch mit ihrem Chef. Aber nicht um ihm mitzuteilen, bald weniger arbeiten zu wollen. Ganz im Gegenteil – sie will mit ihm über den nächsten Karriereschritt sprechen. Rose möchte ins Ausland. Und das am liebsten mit den Kindern. Weil die Kleinen dann spielerisch die Sprache erlernen und die Erwachsenen schneller private Kontakte knüpfen, im Sandkasten, in der Kita, auf Schulfesten und Elternabenden. Asien oder Dubai wären schön. Oder die USA.

Im Juli 2016 bezieht Greta Rose ihr neues Zuhause in Los Angeles. Für ihren Arbeitgeber, den Konsumgüterhersteller Henkel, soll sie dort eine Zentrale für die professionellen Haarpflegelinien im Sortiment aufbauen. Im vergangenen Jahr hatte der Konzern vier neue Marken eingekauft. Rose soll sie in einem neuen Hauptquartier in der kalifornischen Metropole ansiedeln.

Eine Herausforderung, doch Rose sah sofort ihre Chance. "Amerika ist für Henkel ein wichtiger Markt, außerdem kann ich in der Position in kurzer Zeit viel gestalten", sagt Rose. Natürlich geht es aber auch um sie persönlich. "Ich möchte weiter aufsteigen." Doch mit dieser Einstellung steht sie mittlerweile recht alleine da. Was für Greta Rose der logische nächste Karriereschritt bedeutet, erscheint vielen eher als Albtraum.

Generation Nesthocker

Laut einer aktuellen Studie des Personaldienstleisters Manpower kommt es für 38 Prozent der Deutschen nicht einmal infrage, für einen Job auch nur die Stadt zu wechseln. Geschweige denn das Land. 2014 führte das Beratungsunternehmen BCG eine weltweite Befragung zum Thema Jobmobilität durch. Demnach waren nur 44 Prozent der Deutschen bereit, für eine neue Position längere Zeit ins Ausland zu gehen. Zum Vergleich: Weltweit waren es immerhin durchschnittlich 63 Prozent.

Allianz-Chef Oliver Bäte beklagte die Zurückhaltung im vergangenen Jahr sogar öffentlich. "Leider sind manche Menschen in großen Unternehmen irgendwann nicht mehr bereit, Abstriche zu machen", sagte er in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". In München sei es einfach zu schön, da wollten die Leute nicht weg: "Schon gar nicht nach Bangkok oder Jakarta oder Ho-Chi-Minh-Stadt, wo es gefährlich sein soll", sagte Bäte, "das ist Teil unserer deutschen Kultur in Großkonzernen."

Das gilt für die Vertreter der Generation Y, die immer häufiger die Führungsetagen der Unternehmen besetzen, mehr denn je. Häufig werden sie als Generation Nesthocker oder Bausparvertrag verhöhnt. "Die Veränderungsbereitschaft der Endzwanziger bis Enddreißiger ist stark gesunken", sagt Klaus Hansen, CEO der Personalberatung Odgers Berndtson. "Sie setzen andere Prioritäten, kaufen früh ein Haus oder gründen eine Familie." Das bestätigt auch eine Umfrage unter den Vordenkern, einer Gruppe junger Führungskräfte, die von der WirtschaftsWoche in Kooperation mit der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) befragt wurde. Von den 320 Mitgliedern haben 120 teilgenommen. 64 Prozent von ihnen sind zwar der Meinung, dass ein Auslandsaufenthalt attraktiv ist, dazu kommen noch einmal 27 Prozent, die eine Entsendung als "eher attraktiv" bewerten. Aktuell arbeiten aber nur sieben Prozent der Vordenker im Ausland. Und nur 31 Prozent planen fest, dies in Zukunft zu tun.

Für die Unternehmen ein echtes Problem. Einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte zufolge, fehlten bereits im Jahr 2008 bei 32 Prozent der befragten deutschen Firmen qualifizierte Mitarbeiter für den Auslandseinsatz. Der Trend dürfte sich seither noch verschärft haben. Denn auch wenn es für viele Nachwuchskräfte nicht mehr infrage kommt, gilt für die meisten Unternehmen mehr denn je: Karriere macht nur, wer auch mal im Ausland gearbeitet hat. Die entsendeten Manager sehen die Welt und ihr Unternehmen aus einer anderen Perspektive, bekommen Einblick in andere Kulturen und Märkte und lernen neue Sprachen. Regionale Besonderheiten können wiederum Inspiration für das Geschäft zu Hause liefern. Einer Studie der Beratung Mercer zufolge erwarten deshalb mehr als 70 Prozent der dort befragten Unternehmen, dass sie demnächst sogar noch mehr Mitarbeiter für bis zu einem Jahr ins Ausland schicken wollen. 55 Prozent rechnen auch mit einem Anstieg der längeren Auslandsaufenthalte bis zu fünf Jahren. Um diese Positionen auch besetzen zu können, müssen sich die Unternehmen etwas einfallen lassen. "Wir wollen früher mit den Entsendungen anfangen, um besser auf die Bedürfnisse der Generation Y eingehen zu können", sagt Nora Schoenthal, die bei Henkel für die Mitarbeiterentwicklung zuständig ist. "Sie wollen ins Ausland, aber am liebsten vor der Familienplanung."

Zwischen Putschversuch und Massendemos

Doch es sind nicht nur Reihenhaus und Familienplanung, die aus den Deutschen Stubenhockern machen.

Hinzu kommt noch ein ganz anderes Problem. Denn der Expat als fleischgewordener Vertreter der Globalisierung, der heute hier und morgen dort arbeitet, hat es aktuell schwer. Betritt er doch das globale Parkett zu einer Zeit, in der sich die Welt neu sortiert und ehemals offene Länder wie die USA oder Großbritannien auf Abschottung und Renationalisierung setzen und eben noch stabile Staaten wie die Türkei im Chaos versinken. Als Thomas Rudelt Ende 2012 nach Istanbul zog, dachte noch niemand an Putschversuche, inhaftierte Journalisten und blutige Massendemonstrationen. Die Türkei gehörte zu den beliebtesten Urlaubszielen und galt als möglicher Beitrittskandidat der EU. Und Rudelt zog für das Handelsunternehmen Metro in das Land, um als Einkaufsdirektor neue Sortimente zu entwickeln. Tatsächlich war die Türkei laut Vertretung der Deutsch-Türkischen Industrie und Handelskammer früher eines der drei beliebtesten Ziele von Expats. Das Interesse hat seitdem stark abgenommen, vor allem bei Managern mit Familie. "Die Unternehmen haben große Schwierigkeiten, Posten in der Türkei zu besetzen", sagt Malte Zeeck, Gründer des Expat-Netzwerks Internations. Das Portal veröffentlicht regelmäßig Auswertungen über die bei Expats beliebtesten Länder. Neben der Türkei haben im vergangenen Jahr auch Brasilien, Saudi-Arabien, Ägypten und Katar an Zustimmung verloren. "Wenn sich die politische Lage dramatisch ändert, hat das sofort Auswirkungen auf die Expats", sagt Experte Zeeck. "Viele werden von ihren Unternehmen wieder zu rückgeholt."

Auch bei Thomas Rudelt dauerte es nicht lange, bis er besorgte Anrufe von Kollegen und Freunden bekam. "Eine vorzeitige Rückkehr kam für mich aber nicht infrage – gerade in schwierigeren Zeiten nicht", sagt er. Denn trotz der Anschläge und erhöhten Sicherheitsvorkehrungen fühlt sich Rudelt in Istanbul wohl, vor allem beruflich. "Die Türkei ist ein sehr junges Land mit einem unglaublich großen Humankapital", sagt er. Wer länger in einem anderen Land gelebt und gearbeitet hat, kann auch seinen Umgang mit anderen in der eigenen Kultur verbessern. "Die Manager sind sensibler und tappen seltener ins Fettnäpfchen als Kollegen, die immer nur in Deutschland gelebt haben", sagt Personalberater Klaus Hansen.

Um Pannen und kulturelle Missverständnisse von Anfang an zu umgehen, saß acht Wochen nach Greta Roses Ankunft in L.A. eine Beraterin für interkulturelles Training auf ihrem Sofa. Sie erklärte dem Ehepaar zum Beispiel, warum die Amerikaner so offen wirken: Die meisten sind es gewohnt, schnell neue Kontakte zu knüpfen, weil sie aus beruflichen Gründen mehrmals im Leben umgezogen sind, mitunter in andere Bundessstaaten oder an die gegenüberliegende Küste. Ganz anders als in Deutschland, wo viele Erwachsene ihren Freundeskreis seit Kindertagen pflegen.

Für Greta Rose war das eine wertvolle Information. Hatten sie und ihre Vorgesetzten doch gerade erst entschieden, alle Henkel Zukäufe unter einem Dach in Los Angeles anzusiedeln. Sie musste also viele Mitarbeiter zum Umzug bewegen. Ihr war deshalb mulmig zumute, doch nach dem Training war das Gefühl weg: "Da wusste ich, dass Amerikaner offener sind für einen Umzug aus beruflichen Gründen."

Mit dem Coach gegen Pannen

Ein solches Training gehört häufig zum Servicepaket für Expats. Genauso wie die Erstattung der Umzugskosten, die Miete der neuen Wohnung und Schulgebühren der Kinder. Insgesamt, so schätzt Ulrike Hellenkamp von der Unternehmensberatung Mercer, kann ei ne dreijährige Entsendung eines Paares von Frankfurt nach Shanghai knapp 800.000 Euro kosten. Im Idealfall bekommen die Unter nehmen dafür aber auch einiges zurück. Thomas Rudelt etwa brachte mehr Struktur in die Abläufe der türkischen Landesgesellschaft. Die Manager dort seien zwar kreativ und motiviert, aber manchmal unorganisiert. In seiner Anfangszeit beobachtete Rudelt häufig, dass gute Projekte eingestellt wurden, weil die Umsetzung nicht funktionierte. Da konnte sich der Metro-Manager als eine Art Coach etablieren, um Abläufe effizienter zu gestalten.

Natürlich ist auch bei einem Aufenthalt in Traumstädten wie Los Angeles nicht alles immer nur großartig. "Ein Auslandsaufenthalt ist eine große Belastungsprobe für die Partnerschaft und Familie", sagt Experte Zeeck. Erst recht in Zeiten des Doppelverdiener-Haushalts. Wenn es den einen ins Ausland zieht, muss der andere meist zu rückstecken. Rudelt etwa kam mit seiner Frau in die Türkei. Doch als die ein attraktives Jobangebot bekam, ging sie zurück nach Deutschland. Jetzt pendelt er alle zwei bis drei Wochen zwischen Istanbul und Düsseldorf. Greta Rose machte sich vor allem über die Rückkehr so ihre Gedanken, denn die lässt sich meist nicht planen. "Feste Versprechungen bezüglich späterer Positionen sind schwer einzuhalten", sagt Berater Hansen. Gerade in Zeiten der Digitalisierung weiß niemand, ob heute profitable Geschäftsfelder morgen nicht schon eingestellt werden. Und wenn Führungskräfte wechseln, warten die Neuen selten auf den Kollegen aus der Fremde, sondern befördern den Mitarbeiter vor Ort. Eine Studie der Personalberatung BGRS zeigte, dass 38 Prozent aller zurückgekehrten Expats ihr Unternehmen nach einem Jahr verlassen. Vor allem, weil sie danach eine Position angeboten bekommen, die schlechter ist als die vor dem Auslandsaufenthalt, oder weil sie keine Möglichkeit haben, ihre neuen Kenntnisse einzubringen. Damit Greta Rose das nicht passiert, hat sie von Henkel einen Mentor aus der Zentrale an die Seite gestellt bekommen, mit dem sie regelmäßig spricht. Doch auch sie weiß: "Wer sich auf eine bestimmte Position versteift, wird es schwer haben." Sie hat deshalb von Anfang an mehrere Optionen genannt. Und wie hat Rudelt seine Rückkehr geplant? "Ich lebe jetzt hier, was danach kommt, wird sich zeigen", sagt er. "Aber die Türkei-Erfahrung hat mich sowohl beruflich als auch privat extrem bereichert – das kann mir keiner mehr nehmen."

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