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Alles nur Quatsch?

Jura Frau überlegt Jura-Studium (© fotolia.com - DDRockstar)

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Warum nur Jura studieren, wenn man nebenbei auch BWL und VWL lernen kann? Studiengänge, die all dies kombinieren, werden bei Studenten immer beliebter. Die Universitäten passen sich der Nachfrage an. Doch auf dem Arbeitsmarkt sind die ersten Absolventen der alternativen Studiengänge noch nicht ganz angekommen.

"Was für ein Quatsch!" Kein Kommentar zur eigenen Ausbildung, den man kurz nach dem Ende des Studiums gelassen wegsteckt. Umso unangenehmer, wenn er im Bewerbungsgespräch fällt und von dem Personalchef stammt, bei dem man gerade einen guten Eindruck machen möchte. Genau so jedoch bekam Miriam Lupin (Name von der Redaktion geändert) ihn anlässlich einer Bewerbung zu hören. Im Sommer hatte sie ihren Masterabschluss in Jura an der Universität Mannheim erworben. Fünf Jahre lang hatte sie dafür Zivilrecht und etwas öffentliches Recht gelernt, Grundkenntnisse in den Wirtschaftswissenschaften erworben und sich schließlich im Arbeitsrecht und Personalwesen spezialisiert.

Eigentlich eine umfassende Ausbildung, mit der sie sich gute Chancen auf ihren Traumjob in der Personalentwicklung ausrechnete. Doch ein Vierteljahr nach der letzten Klausur hatte sie über 50 Bewerbungen geschrieben, mehr als ein Dutzend Bewerbungsgespräche geführt – und kein einziges Jobangebot bekommen. Miram Lupin glaubt, den Grund für ihre lange Suche zu kennen: "Keiner der potentiellen Arbeitgeber kann meinen Studiengang einordnen." Das fing schon bei der Anmeldung im Online-Bewerbungsportal an: "Dort kann man sich nur als 'Jurist' oder als 'Wirtschaftswissenschaftler' einstufen." Mit ihrem Studium will sie aber gerade beides sein, will an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Recht arbeiten.

"Gesucht wird immer ein Volljurist"

Dass sie das kann, hat sie während ihrer Praktika in verschiedenen Rechtsabteilungen gezeigt: "Dort war man erstaunt, welches tiefe Wissen ich im Arbeitsrecht verglichen mit 'normalen' Juristen schon hatte." Doch ein Jobangebot machten auch diese Arbeitgeber ihr nicht. Das Problem: "Gesucht wurde immer ein Volljurist."

Ein Blick in die Stellenanzeigen für Juristen zeigt, dass Miriam Lupins Erfahrungen keine Ausnahme sind: Nicht nur Kanzleien suchen nach Juristen mit Examen, auch in Rechtsabteilungen und Verbänden will man oft voll ausgebildete Juristen. "Alternative Jurastudiengänge sind in den Rechtsabteilungen und Kanzleien kaum bekannt. Man weiß dort noch nicht so recht, wie man mit ihren Absolventen umgehen soll", bestätigt Bina Brünjes, Abteilungsleiterin beim Personalvermittler Hays.

Der kritischen Perspektive vieler juristischer Arbeitgeber steht allerdings eine stetig wachsende Zahl neuartiger Studiengänge gegenüber, in denen Rechts- und Wirtschaftswissenschaften gelehrt werden. Seit in Mannheim 2008 der erste Jahrgang in sein kombiniertes Studium startete, hat sich das Modell in ganz Deutschland verbreitet. An vielen Fachhochschulen werden Wirtschaftsrecht-Studiengänge zwar schon seit Jahren angeboten. Doch jetzt ziehen auch Universitäten mit eigenen Bachelor- und Masterstudiengängen nach oder bauen ihr klassisches Jurastudium entsprechend um.

Noch lange die Wahl zwischen Jura und BWL haben

In diesem Herbstsemester etwa hörten 50 Studenten an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder ihre erste Vorlesung im Studiengang "Recht und Wirtschaft/Wirtschaft und Recht". Dieses neue Bachelorstudium soll ihnen auch noch nach Studienbeginn die Wahl zwischen einer Spezialisierung auf Jura oder vertieftem Wissen in BWL sowie VWL lassen. Erst nach drei Semestern Grundlagenausbildung auf beiden Fachgebieten müssen sie zwischen Fächern wie Unternehmensrecht und internationalem Wirtschaftsrecht oder einer Spezialisierung in den Wirtschaftswissenschaften wählen.

"Mit unserem Studiengang wollten wir frühzeitig eine Nische auf dem Markt besetzen", so begründet Stephan Kudert die Einführung. Der Inhaber eines wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstuhls an der Europa-Universität war einer der Ideengeber für den Studiengang. Denn wo manche Universitäten die Assoziation mit den Angeboten der Fachhochschulen scheuen, sehen die Frankfurter in dem Bachelorstudiengang ein Angebot, das ihr klassisches Jurastudium ergänzt.

Eine Analyse unter möglichen Arbeitgebern habe gezeigt, dass der Bedarf für ein solches Alternativmodell da ist: "Die meisten Unternehmen brauchen keine Volljuristen", sagt Kudert. Und: "Das Staatsexamen fordert viel breiteres Wissen, als es die Unternehmen im Arbeitsalltag benötigen."

Das Studium an die Bedürfnisse der Arbeitgeber anpassen

Und so wirbt die Universität auf ihrer Website selbstbewusst damit, den Studiengang an die Bedürfnisse der Arbeitgeber angepasst zu haben. Die Bewerberzahlen, die die Anzahl der vorhandenen Studienplätze bereits im ersten Jahr um ein Vielfaches überstiegen, haben gezeigt: Das Konzept kommt bei den Studenten gut an.

Auch in Mannheim ist der Ansturm auf das Studium so groß, dass in den vergangenen Jahren mehrfach das Kontingent an Studienplätzen erhöht werden musste. So beliebt sind die Studienplätze an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Recht, dass mittlerweile auch private Hochschulen das Modell für sich entdeckt haben.

An der European Business School (EBS) etwa bildet man seit 2011 den sogenannten EBS-Juristen aus. Übersetzt heißt das: Zum klassischen Jurastudium kommen eine wirtschaftswissenschaftliche Grundlagenausbildung und Spezialwissen in ausgewählten BWL-Fächern. Wer will, kann nach dem ersten Examen einen Masterabschluss in den Wirtschaftswissenschaften erwerben.

Eine Ausbildung, die immerhin knapp 50.000 Euro Studiengebühren kostet. "Wir wollen das vermitteln, was Wirtschaftskanzleien und Unternehmen sich von ihren Juristen wünschen", sagt Paul-Albert Schullerus, Business Development Manager an der EBS, über den Studiengang.

"Ein Wettbewerbsvorteil für die Absolventen"

Die Nachfrage nach Juristen mit umfassendem Wissen ist also da. "Es ist ein Wettbewerbsvorteil für die Absolventen, schon im Jurastudium Wirtschaftskenntnisse erworben zu haben", sagt Brünjes. Arbeitgeber ersparen sich Fortbildungen, junge Juristen können sofort voll eingebunden werden. Doch der Erfolg des auf den Volljuristen ausgerichteten EBS-Juristen zeigt, dass die Alternativstudiengänge mit Bologna-Abschlüssen noch nicht auf dem Arbeitsmarkt angekommen sind.

So kann etwa an den Frankfurter Bachelor nach einigen weiteren Semestern ein Staatsexamen angeschlossen werden. Auch an der EBS wird man an diesem Abschluss festhalten: "Solange das Examen für das berufliche Fortkommen nötig ist, werden wir die juristische Ausbildung nicht allein auf Bachelor- und Masterabschlüsse umstellen", so Schullerus.

Faktisch ist dies zwar nötig, um auf dem Arbeitsmarkt nicht von den konkurrierenden Volljuristen ausgestochen zu werden. Ob aber tatsächlich für jede juristische Position zwei Examina nötig sind, bezweifeln nicht nur die Absolventen und Dozenten der alternativen Jura-Studiengänge.

Miriam Lupin übrigens hat sich von dem Personaler, der ihr Studium als "Quatsch" bezeichnete, nicht aus der Fassung bringen lassen. Nachdem sie ihm in Ruhe das Mannheimer Modell erklärt hatte, fand auch er die Ausbildung gut. Ein Stellenangebot gab es trotzdem nicht.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Vergleichsmodell Bayreuth?

    In den e-fellows-Büchern "Perspektive für Juristen" stets genannt, hier jedoch nicht, obwohl für viele das wohl attraktivere Vergleichsmodell zur EBS: Jurastudium an der Universität Bayreuth auf Staatsexamen mit wirtschaftswissenschaftlicher Zusatzausbildung. Dort bekommt man den geforderten Volljuristen. Außerdem vllt auch nicht zu verachten bei den Argumenten der Arbeitgeber: Vorschriften der BRAO zur Anwaltszulassung und rechtliche Vertretungsmöglichkeiten ohne diese. Allein Unwissenheit der Arbeitgeber als Grund vorzuschieben, ist weit fehlgegriffen.

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