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Das Märchen von der faulen Generation Y

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Wer heute zwischen 20 und 35 Jahre alt ist, tickt angeblich postmaterialistisch. Auf dem Wunschzettel der "Generation Y" steht demnach: Homeoffice, Freizeit, Sabbatical. Doch das stimmt so nicht. Ein Kommentar.

Jede Generation junger Menschen bekommt einen Stempel aufgedrückt. Die "68er", die "Generation Golf", die "Generation Y". Die Schlagworte erwecken den Anschein, man könne eine große Masse anonymer Menschen charakterisieren und kollektiv greifbar machen. Doch die pauschalen Zuschreibungen simplifizieren die Wirklichkeit. Dadurch entstehen falsche Bilder und schräge Erwartungen. Selten war das so offensichtlich wie bei der Generation Y, unter der Unternehmen ihre heutigen Nachwuchskräfte subsummieren. Kaum etwas von dem, was diese Kohorte angeblich auszeichnet, hält einem Realitätscheck stand.

Zur Erinnerung: Wer heute zwischen 20 und 35 Jahre alt ist, tickt angeblich postmaterialistisch. Wichtiger als Spitzengehalt und Beförderung seien sinnstiftende Arbeit und genügend Freizeit, heißt es. Die Gebote der Stunde lauteten Selbstverwirklichung, Flexibilität und individuelle Freiheit. So geht die gängige Erzählung, die "Generationenforscher" und Berater den Personalverantwortlichen und der Öffentlichkeit seit Jahren einflüstern. Die gute Arbeitsmarktlage begünstige diese Haltung: Weil die Babyboomer sich nun nach und nach vom Arbeitsmarkt verabschieden werden, können die Jungen im Bewerbungsgespräch selbstbewusst auftreten. Auf ihrem Wunschzettel ist notiert: Homeoffice, freies Wochenende, Sabbatical. Den Unternehmen bleibe keine andere Wahl, als diese Wünsche zu erfüllen, schließlich seien sie auf frische Fachkräfte angewiesen. Dadurch krempele die "Gen Y" die Arbeitswelt um.

Die Mehrheit würde gerne etwas weniger arbeiten

Wer die Zuschreibungen mit der Wirklichkeit abgleicht, stößt auf Widersprüche. Als die Deutsche Bahn kürzlich 130.000 Mitarbeiter vor die Wahl stellte, ob sie im kommenden Jahr 2,6 Prozent mehr Lohn oder sechs zusätzliche Tage Urlaub bekommen wollen, entschied sich zwar eine knappe Mehrheit für die freien Tage. Es war aber keineswegs so, dass die Jüngeren, denen der Lohn gar nicht mehr so wichtig sein soll, massenhaft für mehr Urlaub votierten. Sie stimmten nicht anders ab als ihre älteren Kollegen.

Das passt zu einer Umfrage der IG Metall, an der sich mehr als 680.000 Beschäftigte beteiligt haben. Die Mehrheit würde demnach gerne etwas weniger arbeiten. Was die Verfechter der "Gen-Y"-These erstaunen muss: Der Wunsch nach kürzeren Arbeitszeiten ist gar "nicht an persönliche Merkmale" wie das Alter der Beschäftigten gebunden. Auch mit dem vielfach behaupteten Bedürfnis nach mehr Freiraum und Selbstverwirklichung ist es nicht weit her: Berufstätige, die jünger als 40 Jahre sind, wünschen sich deutlich seltener eine "Experimentierkultur" in Unternehmen als die Älteren. Es ist ihnen beispielsweise weniger wichtig, Arbeitszeit und Arbeitsort frei wählen zu können, heißt es in einer Untersuchung der TU München. Das alles klingt doch ziemlich gewöhnlich.

Das heißt nicht, dass sich die Arbeitswelt nicht wandelt. Das Gegenteil ist der Fall: Unternehmen müssen ihren Mitarbeitern heute Dutzende Teilzeitmodelle anbieten, jeder Dritte hat heute Homeoffice-Erfahrung, Hierarchien werden abgeflacht, Arbeitsstellen häufiger gewechselt. Treiber dieses Wandels sind aber nicht an vorderster Front die Jungen, sondern vor allem der technologische Fortschritt und genauso die Älteren. Schnelle Internetverbindungen und "Clouds" machen es möglich, mit dem Laptop von zu Hause zu arbeiten. Und Teilzeit, unbezahlten Urlaub und häufigere Jobwechsel fordern die Älteren genauso vehement ein wie diejenigen, die erst kurz vor der Jahrtausendwende geboren wurden. So berichtet die Personalchefin des Touristikkonzerns TUI, wie sie kürzlich zwei anspruchsvolle Stellen zu vergeben hatte. Sie fand zwar zwei erfahrene Kandidaten, beide schüttelten aber den Kopf, als sie ihnen unbefristete Verträge vorlegen wollte. Die Bewerber hatten andere Lebenspläne: ein soziales Projekt in Afrika, sich um die pflegebedürftigen Eltern kümmern, die Welt bereisen. Der Wertewandel kennt offenbar keine Altersgrenzen.

Für Unternehmen enthält diese Bestandsaufnahme zwei gute Nachrichten. Zum einen können sie das Geld für die teuren Berater sparen, die ihnen weismachen wollen, dass da eine Generation mit völlig neuen Bedürfnissen und Ansprüchen auf sie zukommt. Zum anderen müssen sie sich keinerlei Sorgen machen, die heutigen Nachwuchskräfte seien nicht ehrgeizig und zielstrebig genug, um das Unternehmen voranzubringen. Die Jüngeren betreiben nämlich einen enormen Aufwand für ihren beruflichen Erfolg. Das Bildungsniveau ist so hoch wie nie, ein guter Abschluss extrem viel wert, was unter anderem am Aufschwung privater Hochschulen abzulesen ist. Auch sonst tun die Jüngeren einiges, um voranzukommen: Zum Beispiel nimmt keine andere Altersgruppe so lange Pendelstrecken zum Arbeitsplatz in Kauf wie die ach so freizeitorientierten jungen Arbeitnehmer.

Die Generation Y kommt langsam in die Jahre. Wer jünger als zwanzig ist, gehört einer neuen Altersgruppe an. Fachleute haben ihr schon einen Namen verpasst, Generation Z. Vorsicht: Sie soll ganz anders ticken als ihre Vorgängerin.

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