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Bewerbung mit Gewissensfrage

Rauchen junge Frau Kapuze Model 1280x720 [Quelle: Pixabay, Autor: Unsplash]

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Gentechnik, Rüstung, Tabak – auch umstrittene Branchen brauchen neue Talente. Wie finden diese Unternehmen ihre Nachwuchskräfte?

Bei seinen Kommilitonen war Jan Schomaker früher "der Mann mit den Hühnern". Als Student an der Fachhochschule Vechta arbeitete er bei Big Dutchman: Weltmarktführer für Tierkäfige, Erfinder der Legebatterie, Lieferant der Massentierhaltung. Trotz des zweifelhaften Rufs hatte sich Schomaker bewusst bei dem niedersächsischen Unternehmen für ein duales Studium beworben – er wollte in der Landwirtschaft arbeiten, aber bei einem Großkonzern.

Der 24-Jährige kommt aus dem Oldenburger Münsterland, Deutschlands Schweine und Geflügelregion. Schon als Kind half er im Legebetrieb seines Onkels mit und hielt selbst Hühner. Sein privates Umfeld weiß viel über die industrielle Haltung von Tieren – also auch über Hühnerkäfige mit mehreren Etagen, Ställe ohne Tageslicht oder Kastenstände, die so eng sind, dass sich Schweine weder drehen noch legen können. An der Hochschule jedoch musste sich Schomaker rechtfertigen. Geärgert habe ihn das nicht. Er wunderte sich bloß, wie wenig viele Studenten über die tatsächliche Situation in den Ställen wussten. Er ist überzeugt: Auch wenn es erschreckende Ausnahmen gibt, liegt den meisten Bauern das Wohl der Tiere am Herzen. Und ohne Intensivhaltung sei die hohe Nachfrage nach tierischen Produkten nun mal nicht zu bedienen.

Mittlerweile ist Schomaker internationaler Gebietsverkaufsleiter bei Big Dutchman – obwohl er sein Masterstudium erst im kommenden Jahr abschließt. Die kritischen Fragen seiner Kommilitonen hätten ihm in seiner Karriere geholfen, sagt Schomaker heute: "Ich weiß jetzt sehr viel genauer, warum ich hier arbeite und was meine Verantwortung ist." Unternehmen wie Big Dutchman brauchen tatsächlich eine kluge Personalstrategie, wenn sie junge Talente finden und binden wollen. Denn viele Absolventen lassen sich vom öffentlichen Image abschrecken – das betrifft die Tierzucht genauso wie die Rüstungsindustrie, Pharmakonzerne, Chemiefabrikanten oder Tabak- und Spirituosenhersteller. Entsprechend selten landen Vertreter dieser Branchen in den Beliebtheitsrankings der Absolventen. Kaum ein Student denkt bei der Karriereplanung an Tierversuche, Munition, Pestizide oder Zigaretten. Linus Gemmeke von der Personalberatung Rochus Mummert unterstützt Unternehmen mit Negativimage bei der Suche nach Fach- und Führungskräften. Helfen könne nur die offene Aussprache. Denn die Argumente der Kritiker sind im Internet ohnehin jederzeit verfügbar. "Dem müssen sich die Unternehmen stellen", sagt Gemmeke, "genauso wie die Bewerber."

Interessierte Absolventen sollten vorab genau prüfen, ob die Beschäftigung das Richtige ist. Finanziell werden sie dafür zweifelsohne belohnt – Manager der Tabak-, Alkohol- und Glücksspielbranche verdienen einer britischen Studie zufolge bis zu 30 Prozent mehr. Auch würde jeder dritte deutsche Wirtschaftsstudent bei einem Unternehmen mit schlechtem Image arbeiten. Doch das Gros lässt sich eben nicht von Geld allein locken. Gerade die aktuelle Absolventengeneration stellt hehre moralische Ansprüche an ihren künftigen Arbeitgeber: Er möge nachhaltig wirtschaften, fair beschäftigen und sich sozial engagieren. Daher ignorieren viele High Potentials die stigmatisierten Unternehmen, und das erschwert die Personalsuche.

Versteckte Stellensuche

Diageo, Hersteller hochprozentiger Alkoholika, wurde in der Vergangenheit sogar von Absolventenmessen ausgeladen, Rüstungshersteller Diehl Defence erging es ähnlich. Die Bundeswehr muss mitunter die Teilnahme an solchen Veranstaltungen absagen, weil Studenten Proteste ankündigen. Entsprechend schwierig ist die Ansprache junger Talente. Anonymisierte Stellenanzeigen sind immer noch verbreitet – hinter dem Traineeprogramm eines "großen deutschen Fahrzeugherstellers" steckt gerne mal ein Rüstungskonzern.

Auch Headhunter Gemmeke nennt die Namen seiner Auftraggeber meist erst beim direkten Treffen mit den Kandidaten. Dann aber diskutiert er offen, auch über ethische Fragen: Sind Waffen per se schlecht? Ist die wachsende Weltbevölkerung ohne gentechnisch verändertes Saatgut zu ernähren? Sind Tierversuche vertretbar, wenn es um die Herstellung von potenziell lebensrettenden Medikamenten geht? "Ich muss auf beiden Seiten werben", sagt der Personalexperte. "Die Talente müssen sich neuen Sichtweisen öffnen. Und die Unternehmen müssen zulassen, dass auch über die Schattenseiten ihrer Branche geredet wird." Das fällt beiden Seiten immer noch schwer. Auch gegenüber der WirtschaftsWoche reagieren viele Konzerne schmallippig. Die Personalerin eines Zulieferbetriebs der Rüstungsindustrie zum Beispiel würde gerne über ihre Erfahrungen berichten. Doch die Pressesprecher untersagen das Gespräch.

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