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Die Arbeitszeitlüge

Überstunden, Work-Life-Balance [Quelle: unsplash.com, Autor: Loic Djim]

Quelle: unsplash.com, Loic Djim

38,5 Stunden die Woche? Von wegen! Überstunden, oft unbezahlt, sind in Deutschland Alltag. Manager arbeiten am meisten. Ihre Motivation ist höchst unterschiedlich.

Als "vorbildlichen Mitarbeiter, der tolle Umsätze macht", lobte die Geschäftsführung Vertriebsleiter Roland Stelz* bei einer Firmenveranstaltung. Die meisten im Publikum wussten um den Preis dafür. Es war in der Firma ein offenes Geheimnis: Die Sonntage verbrachte Stelz fast immer im Büro statt bei seiner Familie. Nach eigener Einschätzung arbeitete er 60 Stunden pro Woche.

Auf etwa eine Milliarde Überstunden pro Jahr bringen es die Deutschen offiziell. Das macht im Schnitt für jeden Vollzeit-Angestellten knapp fünf pro Woche, hat gerade die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ermittelt, die eine reguläre Arbeitszeit von 38,6 Wochenstunden zugrunde legt. Das ist aber nur der statistisch sichtbare Teil. Eine Sprecherin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) sagt: "Wir gehen davon aus, dass noch mal dieselbe Zahl an Überstunden anfällt, die nicht registriert werden. Und für die es vermutlich keine Kompensation gibt." Für die Angestellte also weder Freizeitausgleich noch Geld vom Chef bekommen. Etwa jeder sechste Beschäftigte verstößt dadurch gegen das Arbeitszeitgesetz, weil er dauerhaft mehr als die zulässigen 48 Stunden pro Woche arbeitet. So das Ergebnis einer Sonderauswertung des DGB-Index Gute Arbeit.

Deutschland gilt seit jeher als das Land der Fleißigen. Da wird angepackt, wenn es sein muss – Gesetzesverstoß hin oder her. Längst nicht alle berstunden kommen allein durch die direkte Anweisung des Chefs zustande. Viele Mitarbeiter arbeiten auch von sich aus länger. Die Gründe sind vielfältig: Manche meinen, ihre Arbeit anders nicht zu schaffen. Andere beugen sich dem Gruppendruck, weil auch der Chef und die Kollegen lange im Büro bleiben. Wieder andere treiben Ehrgeiz und Aufstiegswille oder die pure Freude an der Arbeit dazu, im Büro Extrarunden zu drehen.

Der Trick mit den Leitenden

Tim Böger, Chef der Hamburger Vergütungsberatung Compensation Partner, wollte genauer wissen, wer hierzulande eigentlich so viel rackert. Rund 250.000 Datensätze deutscher Angestellter ließ er daraufhin auswerten und konstatiert: "Es sind Führungskräfte über 40." Während Berufsanfänger und Arbeitnehmer ohne Leitungsfunktion bis 39 Jahre mehrheitlich noch die Chance haben, Überstunden finanziell oder mit Freizeit auszugleichen, steigt ab dem fünften Lebensjahrzehnt der Anteil derjenigen Beschäftigten mit Personalverantwortung, deren Überstunden nicht ausgeglichen werden.

Für sie gilt: je mehr Gehalt, desto mehr Überstunden – bei weniger Ausgleichschancen. In der Gehaltsklasse von 71.000 bis 80.000 Euro pro Jahr zum Beispiel lassen sich bereits überdurchschnittlich viele Überstunden verzeichnen. Und in der höchsten Gehaltsklasse von mehr als 120.000 Euro Jahreseinkommen werden pro Woche durchschnittlich fast zehn Stunden zusätzlich gearbeitet – also mehr als ein voller Arbeitstag pro Woche.

Der Berliner Arbeitsrechtler Christoph Abeln bringt die Realität in deutschen Firmen so auf den Punkt: "Arbeitgeber kaufen Mitarbeitern Überstunden ab." Und verwenden dafür pauschale Klauseln wie "Überstunden sind mit dem Gehalt abgegolten" im Arbeitsvertrag. Diese Formulierung wurde zwar für herkömmliche Angestellte als ungültig erklärt. Die Abgeltungspauschale gilt jedoch nach wie vor für die Riege der "Leitenden Angestellten", hat das Bundesarbeitsgericht 2010 geurteilt. Begründung: Wer als Leitender Angestellter mit mehr als 50.850 Euro Bruttojahresbezügen tätig ist, verrichtet wie ein Arzt oder Rechtsanwalt "Dienst höherer Art" und hat grundsätzlich keine Erwartung, dass Überstunden extra vergütet werden.

Eine Praxis, von der Arbeitgeber aller Größenklassen profitieren und die kurzerhand viele ihrer Beschäftigten, vom Sachbearbeiter bis zum Projektmanager, zum "Leitenden" erklären. Ein umstrittenes Prozedere. "Aber wo kein Kläger, da kein Richter", sagt Jurist Abeln, der als Anwalt Führungskräfte vertritt. Er hatte noch keinen Fall, in dem etwa ein Abteilungsleiter oder Bereichsvorstand sein Unternehmen wegen zu vieler Überstunden verklagen wollte. Die Erfolgsaussichten wären ohnehin gering. Abeln: "Arbeitgeber können sich da meist entspannt zurücklehnen. Denn die Führungskraft muss nachweisen, dass Mehrarbeit in ungebührlichem Maße angewiesen oder geduldet wurde. Und das ist kein einfaches Unterfangen."

Da wechseln Führungskräfte, denen es zu viel wird, lieber das Unternehmen. Und so mancher Manager interpretiert sein vergleichsweise hohes Gehalt ohnehin eher als Schmerzensgeld oder gewichtet das Prestige seines Postens oder die innere Erfüllung durch Arbeit höher als den Wert von Freizeit. Auch Vertriebsleiter Stelz gehört in diese Kategorie. Er hat zwar mittlerweile den Job gewechselt. Doch der Wunsch, weniger zu arbeiten, spielte bei dieser Entscheidung keine Rolle.

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