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Der Unerbittliche

Jeff Bezos Amazon-Chef [Quelle: Wikimedia Commons, Steve Jurvetson]

Quelle: Wikimedia Commons, Steve Jurvetson

Amazon-Chef Jeff Bezos hat als Online-Buchhändler angefangen. Heute mischt er als Filmproduzent in Hollywood mit, schießt Raketen ins Weltall und baut Supermärkte ohne Kassen. Wer sich ihm in den Weg stellt, hat nichts zu lachen.

Pilotenbrille, schwarze Lederjacke, offenes Hemd und Jeans: Jeff Bezos gab sich betont lässig, als er in dieser Woche in Colorado Springs auf der Bühne stand. Zum Draufgänger-Outfit passte die Kulisse. Hinter dem Vorstandschef des Online-Händlers Amazon stand das Modell einer Raumkapsel, die schon im nächsten Jahr Touristen mit dem nötigen Kleingeld ins All befördern soll. Bezos, seit jeher ein Fan der Science-Fiction-Serie "Star Trek", war in seinem Element. Er rief "ein goldenes Zeitalter für die Erforschung des Weltalls" aus.

Szenenwechsel: Los Angeles, Ende Februar. Jeff Bezos sitzt bei der Oscar-Verleihung im Publikum, inmitten von Weltstars wie Meryl Streep und Emma Stone. Wie es sich gehört, trägt er einen Smoking. Moderator Jimmy Kimmel sagt in seinem Eröffnungsmonolog, erstmals seien Filme von Amazon für die Oscars nominiert. Er gratuliert Bezos und macht ein paar harmlose Witze auf dessen Kosten. Die Kameras schwenken auf den 53 Jahre alten Unternehmer, der sich köstlich zu amüsieren scheint.

Das Schicksal meint es im Moment gut mit Jeff Bezos. Wer kann sonst schon von sich sagen, in Hollywood genauso zu Hause zu sein wie im Weltall? Die Erinnerung an die bescheidenen Gründungstage von Amazon Mitte der neunziger Jahre, als Bezos anfing, aus seiner Garage in Seattle heraus Bücher über das Internet zu verkaufen, ist längst verblasst. Heute ist Amazon ein Koloss, der seine Finger überall im Spiel zu haben scheint, sogar in der Unterhaltungsbranche.

Bezos ist damit so reich geworden, dass er sich sein teures Weltraumprojekt leisten kann, in das er nach eigenem Bekunden eine Milliarde Dollar im Jahr pumpt. Als zweitreichsten Mann der Welt führt ihn die jüngste Ausgabe des "Bloomberg Billionaires Index": Einzig Bill Gates, der Mitgründer des Softwarekonzerns Microsoft, hat demnach noch mehr Geld als Bezos, dessen Vermögen auf mehr als 77 Milliarden Dollar beziffert wird. Zu verdanken ist das dem rasant gestiegenen Aktienkurs von Amazon. Der Konzern ist an der Börse 422 Milliarden Dollar wert. Ein Analyst der Bank Barclays sagte kürzlich, nach seiner Meinung könnte Amazon eines der ersten Unternehmen mit einem Börsenwert von einer Billion Dollar werden. Bisher war meist der Elektronikkonzern Apple als heißester Kandidat gehandelt worden, diesen Meilenstein zu erreichen.

Bezos ist besessen vom Erfolg

Ursprünglich hat Bezos mit dem Gedanken gespielt, sein Unternehmen "Relentless" zu nennen, also "unerbittlich". Er sicherte sich sogar die Internetadresse www.relentless.com, die bis zum heutigen Tag direkt auf die Seite von Amazon führt. Das Adjektiv beschreibt Bezos gut. Er hat zwar eine freundliche Fassade, sein Markenzeichen ist ein schallendes Lachen. Aber er ist auch berüchtigt dafür, seine Ziele mit Besessenheit zu verfolgen. Und dabei bisweilen zu rabiaten Mitteln zu greifen, ähnlich wie dies früher auch seinem Milliardärskollegen Bill Gates bei Microsoft nachgesagt wurde.

Bezos ist vorgeworfen worden, traditionelle Händler in den Ruin zu treiben, Lieferanten zu schröpfen und sich um Steuern zu drücken. Regelmäßig gibt es auch Kritik an den Arbeitsbedingungen. Bei der deutschen Tochtergesellschaft kam es zu Streiks. In Amerika sorgte vor einiger Zeit ein Bericht der "New York Times" über das vermeintlich harsche Betriebsklima für Aufregung. Ein früherer Angestellter wurde darin mit den Worten zitiert, er habe fast jeden, mit dem er bei Amazon gearbeitet habe, an seinem Schreibtisch weinen sehen. Zugleich entwickelt der Konzern Ideen, die Arbeitsplätze überflüssig machen könnten. Das reicht von Robotern in den Verteilzentren über Drohnen für die Auslieferung von Waren bis hin zu einem neuen Ladenkonzept, das auf Kassenpersonal verzichtet. Kaum Grund zur Beschwerde haben üblicherweise die Kunden. Es ist das oberste Gebot von Bezos, sie auf Händen zu tragen, er verwöhnt sie mit Niedrigpreisen und einer großzügigen Rückgabepolitik.

Vom Computerspezialist zum Internetmagnaten

Unbestreitbar ist Bezos ein Visionär, so früh hat er das Potential des Online-Handels erkannt. Sein Aha-Erlebnis, sagt er, sei es gewesen, als ihm 1994 eine Statistik mit gigantischen Zuwachsraten in der Internetnutzung in die Hände kam. Er überlegte sich, wie er davon profitieren könnte, und beschloss, Bücher online zu verkaufen. Er schmiss seinen Job als Computerspezialist bei einem New Yorker Hedgefonds hin und fuhr mit dem Auto nach Seattle, um dort Amazon zu gründen. Nach nicht einmal drei Jahren brachte er das Unternehmen an die Börse. Zweifler gab es genug. 1999 veröffentlichte die renommierte Wirtschaftszeitung "Barron’s" eine Titelgeschichte mit der berühmt gewordenen Überschrift "Amazon.bomb" und einer düsteren Zukunftsprognose. Aber im Gegensatz zu manch anderen Internetstars der neunziger Jahre stürzte Amazon nicht ab. Und Bezos weitete das Sortiment zielstrebig aus. Er machte aus Amazon Schritt für Schritt einen Universal-Laden, in dem es fast jedes nur erdenkliche Produkt zu geben scheint, ob nun Fernseher, Spielzeug, Bekleidung, Möbel oder Lebensmittel.

Aber nicht einmal das reicht ihm. Für Bezos soll Amazon mehr sein als ein Vertriebskanal. Deshalb bringt das Unternehmen auch eigene elektronische Produkte heraus: Das Lesegerät "Kindle" verhalf elektronischen Büchern zum Durchbruch, zuletzt wurde ein Lautsprecher mit dem digitalen Assistenzsystem "Alexa" zum Verkaufsschlager. Und anstatt seine Online-Bibliothek von Filmen und Fernsehshows nur mit den Inhalten von Hollywood-Studios zu füllen, wurde Amazon selbst zum Produzenten und imitiert damit den Videodienst Netflix.

Bezos verfolgt mit Eigenproduktionen wie der Serie "Transparent" oder dem Film "Manchester by the Sea" ein ungewöhnliches Geschäftsmodell. Abonnenten des kostenpflichtigen Versandangebots "Prime" bekommen diese Filme und Serien als kostenlose Dreingabe. Das Kalkül: Je attraktiver die Videobibliothek, umso mehr Menschen abonnieren Prime – und diese Kunden sind für Amazon besonders wertvoll, weil sie überdurchschnittlich viel bestellen. "Wenn wir einen Golden Globe gewinnen", sagt Bezos, "hilft uns das, mehr Schuhe zu verkaufen, und zwar auf sehr direktem Weg."

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