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Sittlichkeit und Selbstinteresse

Geld, Münzen, Ethik, Wirtschaft, Quelle: sxc.hu, Autor: v_hujer

Geld, Münzen, Ethik, Wirtschaft, Quelle: sxc.hu, Autor: v_hujer

In ihrem soeben erschienen wissenschaftlichen Buch fasst Elisabeth Göbel philosophische Ansätze einer Unternehmensethik zusammen und stellt Konzepte für eine praktische Umsetzung ethischer Ziele in Unternehmen vor. Sie plädiert für ein aktives Ethik-Management, sieht aber auch den Verbraucher in der Verantwortung.

Man kann nicht gerade sagen, dass Ethik und Ökonomie ein gutes Team sind. Schon der Begriff "Unternehmensethik" klingt in sich widersprüchlich. Sind die scheinbaren Antagonisten Sittlichkeit (Moral) und Selbstinteresse (Gewinnstreben) überhaupt vereinbar? Ja, meint die Dozentin Elisabeth Göbel in ihrem Buch "Unternehmensethik". Der Grundgedanke der Unternehmensethik besteht in der Wahrnehmung von ethischer Verantwortung eines Unternehmens für sein Umfeld. Diese Verantwortung richtet sich nach innen und außen. Diese geistigen Grundlagen der Unternehmensethik, die sich meist aus der Philosophie der Aufklärung ableiten, skizziert Göbel im ersten Kapitel ihres Buches.

"Die eigene Glückseligkeit sichern"
Göbel kommt dabei zu dem Schluss, dass Geschäftssinn und Eigennutz nicht per se negativ seien, wie viele oft glauben. Im Gegenteil, es sei nach Kants Tugendlehre sogar eine moralische Pflicht, die "eigene Glückseligkeit zu sichern." Die größten Vorteile für alle Seiten lägen demnach in einem "aufgeklärten Selbstinteresse". Es erlaubt, eigennützig zu denken, ohne allerdings den größeren Zusammenhang seiner Interessen und die langfristigen Konsequenzen seines Tuns zu ignorieren.

Widersprüche erkennen und lösen
Selbstinteresse und Moral sind durchaus vereinbar, wenn man die Verbindung beider aktiv zu erreichen sucht. Denn Widersprüche gibt es durchaus. Göbel: "Der ökonomisch denkende Mensch fragt sich, welche Handlung ihm den größten Nutzen bringt, den ethisch denkenden Menschen interessiert, welche Handlung 'gut' bzw. 'richtig' ist. Die Antwort auf beide Fragen kann die gleiche sein, sie kann aber auch divergieren." Daher plädiert Göbel für eine "angewandte Ethik als Grundlage einer Wirtschaftsethik". Die Widersprüche zwischen Ethik und Wirtschaft müssen die Akteuere der Wirtschaft sowie der Öffentlichkeit aktiv erkennen, angehen und lösen.

Die Mitverantwortung des Kunden
Zu einer angewandten Ethik gehört auch die "Konsumentenethik". Denn nicht nur die Wirtschaftsakteure, sondern auch Konsumenten bestimmen das Handeln von Unternehmen. Er müsse, so Göbel, seine Gewohnheiten ständig hinterfragen und sein Konsumverhalten von Zeit zu Zeit ändern, also die "Zukunftsfähigkeit seines Konsums bedenken". Doch Göbel nimmt den Konsumenten auch in Schutz, da er in der globalen, weitverzweigten Wirtschaft oft einem Informationsdefizit und zudem einem massiven Einfluss durch die Werbung ausgesetzt sei. Es fehle ihm daher oft das nötige Wissen um Alternativen. Trotzdem entbindet sie ihn nicht von einer "Mitverantwortung für die Marktergebnisse".

Ethik managen und bewerten
Unternehmensethik braucht ein verantwortungsvolles Management. Auch wenn sich Widerspruch an der Frage entzündet, ob man ethisches Verhalten überhaupt managen kann. Göbel plädiert klar dafür. Denn Unternehmensethik kann in einem Unternehmen nur etabliert werden, wenn sie im strategischen Management, sowohl als Unternehmensziel als auch im Umgang mit den Stakeholdern, verankert ist. Wie das dann genau auszuführen ist, erklärt Göbel ausführlicher. Dabei geht sie auch auf das Problem der Bewertbarkeit ethischer Maßnahmen ein. Sie verursachen meist sofortige Kosten, ihr konkreter Nutzen für das Unternehmen werde aber erst viel später sichtbar, wenn überhaupt. Ein Dilemma, für das es in der Praxis vorerst noch keine Lösung gibt.

Ethik fängt in den Betrieben an
Die praktische Umsetzung setzt Göbel zuerst bei den innerbetrieblichen Institutionen an. Unternehmensethik ist dabei eine Art geistiges Leitbild, dass sich in der Unternehmenskultur und nicht zuletzt auch in der Personalauswahl und –entwicklung konkretisiert. Hierbei müsse ein Unternehmen die moralische Kompetenz und Sensibilität seiner Mitarbeiter entwickeln und fördern.

Gesetze und Selbstverpflichtung
Auf der überbetrieblichen Ebene spricht sich Göbel für Gesetze und Verordnungen aus, die deutlich machen, was von einem Unternehmen ethisch zu erwarten ist. Arbeitnehmerrechte und Umweltschutz sind zwei Beispiele dafür. Zudem plädiert Göbel auch dafür, Grauzonen durch die Benutzung unklarer Rechtsbegriffe zu vermeiden und zu verhindern, dass Gesetze geschickt umgangen werden. Auch sind für sie von der Wirtschaft selbst geschaffene, überbetriebliche Ethik-Standards wichtig, wie sie unter anderem die Chemiebranche oder die pharmazeutische Industrie bereits entworfen haben. Sie seien eine sinnvolle Ergänzung zu den staatlichen Regeln mit allen ihren Unzulänglichkeiten. Und auch die altgedienten Berufs- und Standesregeln erscheinen für Göbel im Lichte einer modernen Unternehmensethik wieder aktuell. Bei Wirtschaftsprüfern ebenso wie bei Ingenieuren oder vor allem auch bei Führungskräften.

Das Wollen unterstützen, Verstöße bestrafen
Dass Selbstverpflichtungen oft nur Lippenbekenntnisse sind, ahnt Göbel sehr wohl. Deshalb schiebt sie ihrer recht kryptischen Aufzählung bereits existierender Kodices noch ein Kapitel darüber hinterher, wie man Unternehmen dazu bringt, ihren selbst gewählten Ethik-Kodex auch einzuhalten. Ihr Vorschlag: Kontrollen durch staatliche und nichtstaatliche Organisationen. "Institutionelle Unterstützung des Wollens" nennt sie das dann euphemistisch. Doch präsentiert auch Göbel außer dieser Forderung keinen neuen Ansatz für eine realistische Umsetzung dieser Forderung. So bleibt ihr abschließend nur, noch einmal auf die Mitverantwortung der Verbraucher hinzuweisen. Denn wenn der sich informiert und nachhaltig verantwortlich verhält, werden die Unternehmen am ehesten geneigt sein, diesem Verhalten zu folgen.

Ein Thema mit Zukunft
Insgesamt bietet das Buch einen guten Überblick über den aktuellen Stand der Reflexionen, die sich im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Ethik abspielen. Fast täglich kommen neue Ideen hinzu, die wiederum neue Fragen aufwerfen. Genau das aber macht das Thema auch in Zukunft spannend.

 

 

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