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Wer nach dem Studium fälscht, verliert seinen Doktortitel

Keyboard, Daten, fälschen, Entzug, Doktorwürde [Quelle: freeimages.com, Autor: blary54]

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Der Physiker Jan-Hendrik Schön war einer der größten Fälscher Deutschlands. Er kämpft um seinen Doktortitel, den er redlich erworben hat. Erneut ohne Erfolg.

Der Aufstieg und Fall des Blenders war von Superlativen geprägt. Wohl kaum ein anderer Forscher in Deutschland ist zuerst so erfolgreich gewesen, um anschließend umso tiefer zu stürzen. Der Physiker Jan-Hendrik Schön gilt vielen als Inbegriff für Fälschung in der Forschung. Als Mitarbeiter der Bell Laboratories in den USA beging Schön zwischen 1998 und 2002 spektakuläre Datenmanipulationen. Als er damit aufflog, hatte die Max-Planck-Gesellschaft, die deutsche Nobelpreisträgerschmiede, dem damals 32-Jährigen schon einen Direktorenposten angeboten. Die Uni Konstanz sprach vom "größten Fälschungsskandal in der Physik der letzten 50 Jahre" und entzog ihrem Zögling 2004 den sechs Jahre früher vergebenen Doktor. Zu Recht?

Ja, urteilte nun das höchste deutsche Verwaltungsgericht. Der Titelentzug diene von Fall zu Fall "dem Schutz des wissenschaftlichen Prozesses" im Allgemeinen. Ein Doktor macht sich seines Titels unwürdig, "wenn er den mit der Verleihung begründeten Vertrauensvorschuss" in seine gute wissenschaftliche Praxis durch "gravierende Verstöße enttäuscht hat." Damit ist der inzwischen mehr als zehn Jahre dauernde Rechtsstreit zwischen dem Physiker Schön und seiner Heimatuni Konstanz allerdings noch immer nicht zu Ende. Schöns Anwalt sagt, er bemühe jetzt das Bundesverfassungsgericht.

Darf man jemandem den Doktorgrad entziehen, obwohl er sich während seiner Dissertation korrekt verhalten hat? Kann der Titel zurückgenommen werden wegen ungeheurer Verfehlungen im späteren Leben? Offensichtlich. Als Schöns Datenfälschungen untersucht wurden, stellte eine amerikanische Untersuchungskommission die These auf, Schön habe seine Fälschungen hauptsächlich wohl auf Heimaturlauben in Konstanz fabriziert.

Entsprechende eigene Nachforschungen der Bodensee-Uni bestätigten diesen Verdacht nicht. Gleichwohl wollte sie mit ihrem Ehemaligen nichts mehr zu tun haben und genau das mit der Titelaberkennung demonstrieren.

Das Landeshochschulgesetz erlaubt der Hochschule diese Revanche, "wenn sich der Inhaber durch sein späteres Verhalten der Führung des Grades als unwürdig erwiesen hat." In der ersten Gerichtsinstanz kam die Uni damit nicht durch, wohl aber 2011 vor dem nächsthöheren Verwaltungsgerichtshof. Dessen Urteil hat das Bundesverwaltungsgericht jetzt bestätigt.

Der Würde-Paragraf ist eine Besonderheit in den Landeshochschulgesetzen Baden-Württembergs und einiger anderer, vor allem der neuen Bundesländer. Ansonsten darf der Doktorgrad überall in Deutschland nur aberkannt werden, wenn das Promotionsverfahren selbst auf Täuschung durch Plagiat oder Datenfälschung beruht. Einzelne Unis wie die in Köln und Bonn können gemäß ihren Promotionsordnungen den Doktorhut allerdings auch zurückverlangen, wenn jemand zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde.

Die Drohung mit dem Verlust der akademischen Würde geht auf das "Gesetz über die Führung akademischer Grade" von 1939 zurück. Damit wollten die Nazis vor allem jüdische Gelehrte aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft ausschließen. Dieses Gesetz wurde nie förmlich aufgehoben, aber umgedeutet: Das Bundesverfassungsgericht hat klargestellt, dass die Würde heutzutage ganz im Sinne des Grundgesetzes mit seinen Diskriminierungsverboten zu verstehen ist.

So befand der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg noch 1981: "Nach herrschender Ansicht ist der akademische Grad nicht nur der äußere Nachweis einer besonderen wissenschaftlichen Leistung, sondern darüber hinaus eine ehrenvolle Kennzeichnung der Persönlichkeit seines Trägers, der sich durch menschliche Lauterkeit auszeichnet und uneingeschränktes Vertrauen verdient." Das klingt noch ganz nach Standesdünkel, einem eingebildeten bürgerlichen Adelsprädikat ohne juristischem Fundament.

Zehn Jahre später sprach der Bayerische Verwaltungsgerichtshof aber nur noch von einem "Restbestand des früher umfassenden Begriffs der Würdigkeit", genau genommen des "Würdigkeitserfordernisses" für Akademiker; "im Regelfall" sei dieses Erfordernis "eingeschränkt auf berufsbezogene" Verhaltensweisen, also gute wissenschaftliche Praxis. In dem Sinne bindet das Bundesverwaltungsgericht jetzt den Titelentzug wegen späterer Unwürdigkeit ausschließlich an "vorsätzliche oder grob fahrlässige Verstöße gegen wissenschaftliche Kernpflichten, zu denen insbesondere das Verbot einer Erfindung, Fälschung oder Manipulation von Forschungsergebnissen gehört."

Diese Klarstellung geht etwa dem Bonner Verwaltungs- und Hochschuljuristen Klaus Gärditz, einem Rechtsprofessor der jungen Generation, nicht weit genug. Im Gespräch mit ZEIT ONLINE sagt er: Einzig und allein die fachliche Leistung sollte das Urteilskriterium sein, mit dem die Promotion steht oder aber fällt. "Im Unterschied dazu ist das Promotionsrecht kein sachgerechtes Mittel, um sonstige wissenschaftliche oder andere Pflichten durchzusetzen."

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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