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Wo die Autos fliegen lernen

Seit der wirtschaftlichen Öffnung Chinas verändert sich das Land rasant. Diesen architektonischen und wirtschaftlichen Aufbruch zu spüren, war für mich ein Grund, ein Semester nach Shanghai zu gehen.
 

Wirtschaftsstandort Shanghai

Besonders Shanghai zieht mit seinem Hafen und seiner Geschichte als Waren-Umschlagplatz viele global agierende Firmen an. Vor etwa zehn Jahren wurde Shanghai zu einer Sonderwirtschaftszone erklärt und wird seitdem als einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte des Landes ausgebaut. Heute gilt Shanghai als die technologisch am weitesten entwickelte Stadt in ganz China. Anders als in anderen Regionen Chinas sind Ausländer in Shanghai keine Besonderheit. Es gibt viele Clubs, Cafés und ganze Siedlungen, die bevorzugt von nicht-chinesischen Shanghaiern bewohnt werden.

Renommierte Universitäten

In Shanghai gibt es zwei Universitäten, deren Ruf über die Landesgrenzen hinaus reicht: die Tongji Universität und die Jiao Tong Universität. Beide zählen in China zu den besten Universitäten des Landes und bieten jeweils den Studiengang Architektur an. Die Tongji Universität wurde von Deutschen gegründet und ist wegen ihrer internationaleren Ausrichtung der Studienfächer meistens die erste Wahl ausländischer Studenten. Die Anmeldung an den Unis ist im Allgemeinen durch herunterladbare Formulare im Internet sehr erleichtert. Alle Informationen zu den Terminen, der Studiengebühr oder der Vermittlung eines Wohnheimzimmers sind auch auf Englisch verfügbar. Der organisatorische Aufwand und die Studiengebühr in Höhe von 1.200 US-Dollar für ein Semester sind jedoch nicht zu unterschätzen. Unterstützung geben der DAAD und verschiedene Stiftungen.

Leben und Wohnen

Abgesehen von der Studiengebühr ist der Lebensunterhalt in China sehr günstig. Ich bewohnte mit meiner Freundin eine Zweizimmerwohnung, die etwa im mittleren Preisniveau bei 105 Euro pro Person liegt. Es gibt in den Straßen viele kleine Maklerbüros, die auf verschiedene Wünsche ausgerichtete Wohnungen anbieten. Ich wurde sogar gleich an eines vermittelt, da auf dem Campus kein Wohnheimzimmer mehr frei war. Wer sich jedoch mit der Bewerbung an der Uni auch gleich um ein Wohnheimzimmer bemüht, sollte auch eines bekommen. Sie kosten um die 110 Euro im Monat, liegen meist in unmittelbarer Nähe zu den Lehrgebäuden und werden zu zweit bewohnt. Wer sich dennoch für eine Wohnung entscheidet, kann den Vorteil einer durch und durch chinesischen Nachbarschaft genießen: das Nachbarschaftskomitee kümmert sich um die sachgerechte Wohnsitzanmeldung, der hofeigene Friseur schneidet für umgerechnet etwa 32 Cent die Haare und die Nachbarin ist um das seelische wie auch leibliche Wohlergehen besorgt.

Sprachbarriere

Wer sich für ein Fachstudium in China entscheidet, sollte wissen, dass Chinesisch-Kenntnisse für das Überleben unentbehrlich sind. Selbst die einfachsten Dinge wie die Einschreibung oder die Frage nach einem Wohnheimszimmer verheißen oft ungeahnte Schwierigkeiten. Viele Chinesen sprechen – wenn überhaupt – nur sehr schlecht Englisch. Es findet sich zwar oft jemand, der oder die sich bereitwillig für Übersetzungen zur Verfügung stellt, aber in vielen Fällen sind Kommunikationsprobleme vorprogrammiert. Alle Unis bieten deshalb studienbegleitend oder als Intensivkurs fünf Tage pro Woche auch Chinesisch-Unterricht an.

Verschulter Unterricht

Das Uni-System ist völlig anders als das unsere. Worauf ich nicht wirklich eingestellt war, sind die vielen Erinnerungen an meine Schulzeit. Die Tischanordnung ist genau die gleiche, der Unterricht beginnt auf die Minute. Die zu spät Kommenden drücken sich mit einer fadenscheinigen Entschuldigung peinlich berührt auf ihren Platz und die Anwesenheit wird genau kontrolliert. Diesen Frontalunterricht in Klassenform hatte ich nicht erwartet. Die Erziehungs- und Lernmethodik in China würde ich eher in Frage stellen. Die chinesischen Architekturstudenten lernen das Zeichnen, aber sie werden kaum befähigt Konzepte zu erstellen, eine Entwurfsarbeit zu leisten oder Verantwortung zu übernehmen. Das macht sich in der späteren Berufsausübung und den gebauten Ergebnissen bemerkbar.

Sieben Tage von früh bis spät

Als AusländerIn in den Architekturbüros einen Job zu finden, ist relativ einfach. Die Büros brüsten sich gerne mit einem internationalen Image, zu dem natürlich auch internationales Personal gehört. Wer sich dafür entscheidet in einem chinesischen Büro zu arbeiten, sollte aber damit rechnen, sieben Tage in der Woche von früh bis sehr spät nichts anderes zu tun und nichts anderes zu sehen. Das war einer der Gründe, mich nicht dazu verleiten zu lassen – so sehr mich das Angebot auch lockte.

Das Stadtbild

Meine Erfahrungen in China offenbaren einen für mich völlig anderen, kaum nachvollziehbaren Umgang mit Raum. Ganze Stadtgebiete werden innerhalb kürzester Zeit abgerissen und völlig neu aufgebaut. Das Stadtbild verändert sich in einem Tempo, das die Identifizierung, das Finden einer Spur, eines räumlichen Zuhauses für viele Chinesen zu einem Problem werden lässt. Da helfen auch die Einwände vieler chinesischer Architekten, Künstler und Historiker nichts, die den Erhalt wichtigen Kulturgutes fordern. Typisch chinesische Wohnviertel werden ohne Rücksicht auf Verluste abgerissen. In ein paar Jahren wird von den zahlreichen kleinen Gassen und Wohnhöfen, die meist von mehreren Generationen bewohnt werden, kaum noch etwas übrig sein.

Wie die Autos fliegen lernen

Auch in Shanghai fällt die traditionelle Bauweise der Moderne zum Opfer. Auf Hochstraßen in bis zu fünf Etagen schlängeln sich die Autos durch ein Meer von Wolkenkratzern. Besonders bei Nacht, wenn nicht die Fassaden, sondern die Fenster jedes Einzelnen zu sehen sind, ist Shanghai wirklich ein Erlebnis. Ich bin froh die Stadt jetzt gesehen zu haben – bevor die Stadtarchitekten sie zu einer unter vielen auf dieser Welt machen.

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