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Entscheider suchen den Sinn

Auge (Quelle: freeimages.com,Autor: Zulfikar)

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Deutsche Manager leiden unter den Anforderungen einer vernetzten Welt und wünschen einen neuen Führungsstil. Wie der aussehen könnte, hat eine neue Studie untersucht.

Führungskräfte in Deutschland fühlen sich überfordert. In einer immer komplexer werdenden, vernetzten Welt müssen sie immer schneller Entscheidungen treffen. Nicht selten haben diese globale Auswirkungen. Doch es fehlt Zeit, gründlich über alle Folgen nachzudenken. Gefangen in einer Entscheidungsspirale leiden viele Spitzenführungskräfte unter dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Gleichzeitig wünschen sie sich mehr Kooperation über Branchengrenzen hinweg. Das stellt die Studie "Jeder für sich und keiner fürs Ganze?" fest, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, die Stiftung Neue Verantwortung und die Unternehmensberatung Egon Zehnder International gemeinsam erstellt haben.

Die Forscher befragten insgesamt 30 Führungskräfte aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Vertreter aus NGOs, Kirche, Gewerkschaften und dem Militär in anderthalbstündigen Leitfadeninterviews, darunter Minister, Verfassungsrichter, Vorstandsmitglieder führender deutscher Unternehmen und Präsidenten von Forschungseinrichtungen. Die Antworten der Befragten zeichnen ein eher düsteres Bild vom Selbstvertrauen der Führungskräfte – sie scheinen verängstigt zu sein, sehen sich kaum in der Lage, vollumfänglich Verantwortung für ihre Entscheidungen zu übernehmen und fragen nach der Sinnhaftigkeit ihres Handelns.

Die Befragten wünschen sich einen neuen Führungsstil, der sich an nachhaltigen Werten orientiert. Aber sie wissen nicht, wie dieser entstehen kann. Sie sehen dringenden Handlungsbedarf, um globale Herausforderungen wie Klimawandel, Wirtschaftskrise oder Integration zu lösen. Sie sehen diese Probleme auch als ihre Aufgabe an, fühlen sich aber alleingelassen und überfordert.

Entscheider unter Druck

Da ist zum einen der Zeitdruck, immer schneller Entscheidungen mit kaum zu überblickenden Auswirkungen treffen zu müssen. Prognosen erscheinen den meisten Befragten als nicht mehr verlässlich. Man versucht zwar, sich durch Expertisen abzusichern, aber allzu oft sind auch diese nur für einen kurzen Zeitraum gültig.

Zum anderen sehen die Führungskräfte den fehlenden Raum zur Reflexion und Regeneration als ein großes Problem an. Für langfristiges Denken bliebe wenig Zeit, ebenso fehle Zeit für Erholung. Und schließlich würden strukturelle und kulturelle Barrieren verhindern, dass sich Spitzenentscheider verschiedener Sektoren miteinander austauschten. Das sei aber wichtig, betonen die Befragten. Während die Politik wesentliche Entscheidungen zur Bewältigung der Wirtschaftskrise trifft, handeln die Entscheider in der Finanz und Wirtschaftsbranche weitgehend abgeschottet.

Die Entscheider leiden außerdem unter dem Gefühl wachsender Unvorhersagbarkeit. Besonders setzt ihnen der Studie zufolge die ständig kritische Medienöffentlichkeit zu. Die allermeisten der Befragten haben akzeptiert, dass sie mit ihrer Funktion auch eine öffentliche Person geworden sind, die ständig erreichbar sein muss. Aber die Befragten geben an, dass sie die Wirkung des eigenen Handelns und Entscheidens nicht mehr verlässlich einschätzen könnten. Auch die Ansprüche von Mitarbeitern und Öffentlichkeit, Transparenz und Beteiligung zu schaffen, fordern den Führungskräften einiges ab. Arbeitnehmer wollten heute nicht mehr hierarchisch-autoritär geführt werden, sie wollen keine Anweisungen mehr erhalten – sondern selbst Verantwortung tragen. Führungskräfte sollen heute vor allem Orientierung geben. Das fällt den Befragten allerdings zunehmend schwer, denn die Halbwertszeit von Wissen hat abgenommen.

Letztlich, so sagen die Befragten, kämen sie durch ihre Führungsjobs an die Grenze ihrer körperlichen und seelischen Belastbarkeit.

Die Lösung sehen die meisten in einem neuen Führungsverständnis. Es soll stärker darauf abzielen, Mitarbeiter einzubinden und Führen ohne formelle Autorität ermöglichen.

Die Autoren der Studie machen hier ein paar wichtige Vorschläge, wie so ein neuer Führungsstil aussehen könnte. Da ist zum einen die Ausbildung von Führungskräften selbst: Statt Stromlinienförmigkeit und Spezialisierung sollen Spitzenentscheider eher vielfältige Erfahrungen mitbringen. Gebrochene Lebensläufe, Jobwechsel und Erfahrungen in verschiedenen Branchen befähigten zu einer ganzheitlichen Perspektive. Die Autoren schlagen konkret Austauschprogramme zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft vor.

Die Sinnfrage stellen

Entscheider bräuchten Teams, die vielfältig seien – nur so sei es möglich, ein Problem schnell umfassend aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und Entscheidungen zu treffen, die möglichst viele Auswirkungen mitberücksichtigen. Führungskräfte sollten außerdem Netzwerke aufbauen, in denen nicht nur Personen aus der eigenen Branche vertreten seien, schlagen die Autoren vor. Das bedeutet aber auch, dass der Weg in Entscheidungsgremien offener und durchlässiger werden muss. "Versäulte" Karrieren, wie die Autoren es formulieren, seien nicht mehr gefragt.

Auch sollten sich Führungskräfte rechtzeitig Hilfe holen, wenn sie sich überlastet fühlen. Coachings könnten eine Chance sein, sich Zeit und Raum zur Reflexion und Regeneration zu schaffen.

Führungskräfte sollten die Sinnfrage ihrer Arbeit – aber auch die ihrer Mitarbeiter – regelmäßig stellen, schlagen die Autoren vor. Und sie gemeinsam mit ihren Mitarbeitern beantworten. Denn nur wer den Sinn kennt, kann Orientierung geben und sich an der Bewältigung von Herausforderungen beteiligen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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