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Ich liebe meinen Beruf ja, aber...

Arbeit junge Frau Schreibtisch [Quelle: Unsplash.com, Bonnie Kittle]

Quelle: Unsplash.com, Bonnie Kittle

Wenn man selbstbestimmt arbeitet, fühlt sich Arbeit nicht wie Arbeit an – so das Versprechen der neuen Arbeitswelt. Aber stimmt das? Kann Arbeit Spaß machen?

An manchen Tagen war der Startsound meines Computers für mich das schlimmste Geräusch auf der Erde. Schlimmer als Nägel an einer Kreidetafel. Schlimmer als der aufheulende Zahnbohrer. Dieses Geräusch, eine Fabrik-Glocke 2.0, die den Schichtbeginn am Rechner einläutete, ließ meine Laune sofort auf den Tagestiefpunkt sinken. Dabei dachte ich, dass ich die größten Unglücksquellen der Arbeit ausgelöscht hätte: Statt 40+ Stunden die Woche im Großraumbüro zu sitzen, fing ich als freie Journalistin an. Ich arbeitete weniger als sonst und musste dafür nicht einmal vor der Couch aufstehen.

Währenddessen schuftete eine Freundin, die gerade ein Start-Up gegründet hat, 16 Stunden pro Tag. Sie verschickte selbst vom Klo aus Slack-Nachrichten an ihre Mitarbeiter, stand täglich um halb sechs auf und sagte, dass das Weckerklingeln sich für sie trotzdem anhörte wie ein Trommelwirbel für den Tag. "Ich weiß halt, wofür ich jeden Morgen aufstehe", sagte sie. Vielleicht, dachte ich, habe ich alles falsch gemacht. Was ist, wenn es nicht darum ging, weniger oder flexibler zu arbeiten? Sondern darum, eine Aufgabe zu finden, für die man gerne aufsteht. Sagte doch schon Konfuzius: "Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten."

Aber ich liebte meinen Beruf ja. Sofern man von echter Liebe sprechen kann, wenn man von etwas finanziell abhängig ist. Und solange die Alternative zum Job nun mal das Jobcenter war. In meinen Alpträumen erschien mir das Jobcenter regelmäßig wie eine Art moderne Hölle, in der alle Marktuntauglichen einen nie endenden Stapel Unterlagen ausfüllten. Würde ich den Arbeitsrechner hochfahren, wenn ich nicht müsste?  Die Mehrheit der Deutschen schon. 77 Prozent der Befragten sagten letztes Jahr in einer Gallup-Umfrage, dass sie auch dann weiterarbeiten würden, wenn sie so viel Geld erben würden, dass sie nichts mehr verdienen müssten. Und in der ZEIT-Vermächtnisstudie gaben 86 Prozent an, ihnen sei es sehr wichtig, erwerbstätig zu sein (Zum Vergleich: Eigene Kinder zu haben war 78 Prozent sehr wichtig und guter Sex 52 Prozent).

Allerdings sagten in der oben zitierten Gallup-Umfrage auch 70 Prozent der Befragten, dass sie nur noch Dienst nach Vorschrift leisteten. 15 Prozent hätten sogar innerlich bereits gekündigt. Der Job war also den allermeisten superwichtig – anderseits aber auch ein Dorn im Auge. Wie ging das zusammen? Vielleicht ist es nicht die Arbeit an sich, die nervt – sondern ihre Bedingungen? Ich schrieb zwar gern. Arbeiten war aber ein Stück weit immer auch Vermietung des Kopfs an den Auftrag- oder Arbeitgeber. Und meistens war Arbeit auch ein Kompromiss zwischen dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und dem Bedürfnis zu essen. Nicht alle Themen machten gleichermaßen Spaß, Rechnungen schreiben definitiv keinen, und der Spaßfaktor der Steuererklärung war ungefähr so hoch wie der eines Bandscheibenvorfalls. 

Wenn ich pleite war und einen öden Auftrag annehmen musste, bei dem die Bezahlung sich anfühlte wie eine Entschädigung für die verschwendete Lebenszeit, dachte ich oft: Wenn ich doch bloß das arbeiten könnte, was mir wirklich Spaß macht! Ich tagträumte von einem Roman. Nach drei Bier äußern diese Idee nicht wenige, die ihre Miete mit Wörteraneinanderreihen verdienen. Ein Roman – das klang nach Freiheit, nach spät aufstehen, nach jeden Morgen Zeit für Rührei und zum Nachdenken haben. Ich würde meinen Kopf nicht länger vermieten. Stattdessen würde meine Phantasie der Alleinherrscher meines schädelgroßen Königreichs sein.

Tatsächlich fand sich ein Verlag, der mich dafür bezahlen wollte, dass ich meinen Roman schreibe. Mit einer Deadline, klar, aber sonst waren sei mit meinen Ideen einverstanden. Endlich hatte ich die Freiheit, in meinem eigenen Tempo an einem Thema zu arbeiten, das ich mir selbst ausgesucht hatte.

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