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Im Dschungel

Dschungel, MBA, Investmentbanking, Quelle: sxc.hu, Autor: biewoef

Dschungel, MBA, Investmentbanking, Quelle: sxc.hu, Autor: biewoef

Vor der Krise stiegen Absolventen des Master of Business Administration (MBA) am liebsten bei Investmentbanken ein - doch dort herrscht Jobflaute. Welche Alternativen ihnen noch bleiben.

 Das rheinland-pfälzische Städtchen Bassenheim liegt etwa zehn Kilometer entfernt von Koblenz, in unmittelbarer Nachbarschaft von Ochtendung und Urmitz. Seit einigen Monaten verdient dort ein MBA-Absolvent sein Geld - bei einem Familienunternehmen mit 35 Mitarbeitern.
 
 Ingo Wachter, 32 Jahre alt, hatte seinen MBA an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Vallendar gemacht. Im Herbst 2008 hörte er, dass eine mittelständische Bekleidungsfirma in Deutschland ein neues Mitglied für die Geschäftsführung suchte. Dessen Name: Studio Borgelt. "Natürlich kannte ich das Unternehmen nicht", gibt Wachter offen zu.
 
 Doch die Aussicht auf eine Führungsposition reizte ihn. Also traf er sich mit den Chefs der Firma, einige Wochen später sagte er zu und zog in die pfälzische Idylle.
 
 Ein MBA-Absolvent bei einem Mittelständler - noch vor einigen Monaten undenkbar. Eher lief es bisher so: Erst erhält man eine Zusage von einer Business School, während des Studiums folgen ein, zwei Praktika, danach liegen hoch bezahlte Jobangebote auf dem Tisch - vorzugsweise von einer Investmentbank oder einer Unternehmensberatung. Doch die Zeiten sind vorbei.
 

Die Hälfte ist ohne Job

 Innerhalb der vergangenen zwei Jahre hat sich der Arbeitsmarkt auch für MBA-Absolventen vom Schlaraffenland in einen Dschungel verwandelt. Von der Abschlussklasse 2009 hat in den USA drei Monate nach der Zeugnisübergabe nur etwa die Hälfte einen Arbeitsvertrag in der Tasche.
 
 Früher ging dort ein gutes Drittel der Absolventen in die Finanzbranche. Mittlerweile jedoch sorgt gerade dieser Sektor für Hiobsbotschaften. So zog etwa die Bank of America im vergangenen März bereits gemachte Jobzusagen an MBA-Absolventen wieder zurück. Andere Banken geben erst gar keine mehr. Und der Konkurrenzkampf wird noch weiter steigen, unken Experten.
 
 Mehr Bewerber, weniger Stellen: Über zwei Drittel der Vollzeit-MBA-Programme verzeichnen aktuell mehr Einschreibungen als im Vorjahr - die besten Zahlen seit fünf Jahren, errechnete das Graduate Management Admission Council (GMAC), eine Vereinigung führender Wirtschaftshochschulen. Einsamer Spitzenreiter: die Harvard Business School mit 937 Studenten.
 
 Und das, obwohl die Schulen weltweit eher die Rolle des Sündenbocks spielen. Viele von ihnen bildeten die einstigen "Master of the Universe" aus, jene Manager, die heute für die Krise verantwortlich gemacht werden.
 
 Ganz gleich, wie viel Schuld die Schulen tatsächlich trifft - die derzeitigen Absolventen müssen es ausbaden. Viele greifen deshalb noch stärker auf das Ehemaligen-Netzwerk zurück. In einer aktuellen GMAC-Umfrage gab jeder Dritte an, sein erstes Jobangebot allein über Beziehungen erhalten zu haben.
 
 Wer empfohlen wird, hat es nicht nur leichter, einen Job zu bekommen. Oftmals entsteht dadurch erst die Idee, sich bei einem Unternehmen zu bewerben. So erging es auch Ulf Köster.
 
 Er nahm im September 2008 sein MBA-Studium an der Handelshochschule Leipzig (HHL) auf - und ahnte damals schon Schlechtes. Kurz nach Studienbeginn brach dann die US-Großbank Lehman Brothers zusammen. Entsprechend früh schickte Köster Initiativbewerbungen an Unternehmensberatungen und Banken - jedoch ohne Erfolg.
 
 Sein Glück: Während des Studiums hatte er Kontakt zu indischen Kommilitonen. Die erwähnten einen Konzern namens Infosys. Köster wurde hellhörig und begann zu recherchieren: Das indische IT-Unternehmen hat 100.000 Mitarbeiter. Umsatz 2008: mehr als vier Milliarden US-Dollar. Das Wichtigste aber: Der Konzern stellt ein.
 
 Köster bewarb sich, absolvierte zwei Vorstellungsgespräche - und bekam die Zusage für eine Stelle als IT-Consultant.
 
 Längst nicht jedem seiner Kommilitonen gelang ein solch reibungsloser Einstieg. Einige hängen nach dem MBA noch ein Auslandssemester dran, andere absolvieren weitere Praktika - für MBA-Absolventen mehr als ungewöhnlich.
 

Krise senkt einstiegsgehälter

 Hinzu kommt: Wer den Einstieg in der Krise schafft, gibt sich mit geringeren Einstiegsgehältern zufrieden. Die US-Ökonomin Lisa Kahn von der Yale School of Management fand heraus: Wer in einer Flaute auf den Arbeitsmarkt drängte, verdiente bis zu acht Prozent weniger - und zwar langfristig.
 
 So ist es nur allzu verständlich, dass so mancher auf Alternativen sinnt. Längst verzeichnen die Business Schools so etwas wie ein neues Gründerfieber.
 
 Etwa bei Daniel Callaghan. Der Engländer machte seinen MBA an der spanischen Iese, einer der renommiertesten Einrichtungen überhaupt. Als im Mai die Zeugnisse vergeben wurden, hatte sich Callaghan schon vom Angestelltendasein in spe verabschiedet.
 
 Seit vier Monaten betreibt er das Online-Portal "MBA & Company", auf dem Freiberufler und Unternehmen für einzelne Projekte zusammenfinden können. Rund 2.000 Spezialisten und über 100 Unternehmen haben sich dort bisher registriert. Kommt ein Geschäft zustande, kassiert Callaghan eine Provision. Offenbar kein allzu schlechtes Geschäft: In seinem ersten Geschäftsjahr peilt der Brite einen Umsatz von 400.000 Euro an.
 
 Auch Ingo Wachter ist zufrieden mit seiner Entscheidung, in die Provinz zu gehen. Es müsse ja nicht jeder MBA-Absolvent in eine Top-Position einsteigen: "Der Titel rechtfertigt das nicht", sagt Wachter. Besonders nicht in Krisenzeiten.

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