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Steile These, runder Artikel

Eigene Fragen (Quelle: fotolia, Autor: Torbz)

© Torbz - Fotolia.com

Technologie und Wissenschaft sind die Schrittmacher unserer Zeit, und mehr denn je stehen Zeitungen und Magazine Berichten aus der Forschung aufgeschlossen gegenüber. Wer als Wissenschaftler in Massenmedien publizieren will, sollte Regeln beachten. Ein Leitfaden.

Pointierter Titel

Auf die Überschrift kommt es an. Sie ist mein Wegweiser. Worüber genau will ich meine Leserschaft aufklären? Wer das nicht ausformuliert, landet rasch in der Wüste. Ohne Titel zu schreiben, würde einem Wissenschaftler nie einfallen. Nur, mit Verlaub: Deren Titel sind oft so weitgespannt und unscharf, dass die halbe Schöpfungsgeschichte darunter passt. Entsprechend aufgequollen zu lesen sind die Befunde mitunter, besonders in den Sozial- und Geisteswissenschaften. Ich plädiere hier für laserscharfe Klarheit, singuläre Fragestellungen. Spielen Sie mit Ihrem Titel, raffen Sie sich auf zu einer steilen These, winken Sie mit einer aufregenden Forschungsreise, gerne auch provokativ. Als die P.M. Redaktion einmal neueste Eskimoforschungen veröffentlichte, schrieb sie darüber: Verstehen Sie, warum dieses Volk nie ausgewandert ist? Packender, emotionaler der Klassiker in zwölf Zeichen: Wir sind Papst.

Fokussierte Recherche

Parallel zur Titelsuche läuft die inhaltliche Recherche. Bald verschwindet der Wald hinter den Bäumen. Wichtig: nur den relevantesten Aspekt herausgreifen, diesen nach dem Leitmotiv "small is beautiful" einkreisen, alles Fett abwerfen. Die journalistische Praxis zeigt, leider: So wie Forscher dem "Alles über Alles" erliegen, die Grenzen ihres Themas mit jeder neuen Lektüre erweitern, neigen auch Journalisten zum Sich-Aufblähen. Die ständig wachsende Informationslawine, besonders im Netz, macht es nicht leichter. Deshalb dem Erkenntnisstreben rasch einen Vektor geben.

Prägnantes Exposé

Redaktionen werden ausgedünnt. Fürs Lektorieren und Redigieren gibt es kaum mehr Personal. Deshalb verlangt der Redakteur seinen journalistischen Zuarbeitern immer häufiger ein Exposé ab. Es umreißt auf einer Seite – bitte übersichtlich und mit Absätzen! - die Fragestellung, liefert erste Antworten, macht Quellen sichtbar, zu Rate zu ziehende Experten, den angestrebten Umfang, Liefertermin und was geliefert wird, etwa auch Bildmaterial oder Info-Kästen. Folgende Punkte erscheinen mir essenziell: die Aktualität des Beitrags, warum er in dem anvisierten Medium platziert werden muss, welchen Nutzen seine Leser daraus ziehen. Diese Angaben lassen den USP, Unique Selling Point, das Alleinstellungsmerkmal des Beitrags erkennen, eine Art Siegel für die Exklusivität, nicht zuletzt Entscheidungskriterium und Hilfe für die Redaktion. Letztlich muss das Exposé einen verhandlungsfähigen Honorarvorschlag unterbreiten. Pro bono sollte kein Autor arbeiten, es sei denn, sein Artikel öffnet die Tür zu einer künftig bezahlten Zusammenarbeit.

Schlanke Gliederung

Die Gliederung zieht dem Stoff ein weiteres Korsett ein und sorgt idealerweise für die schlanke Form. Gliederungen sind Skelette, tragende Gerüste der Wortgebilde. Auch hier plädiere ich für zweckmäßige Sachlichkeit statt barocker Verspieltheit. Form follows function, alle W-Fragen ausleuchten, gerne auch aus unterschiedlichen Perspektiven, aber keine Exkurse. Die sind zwar beliebt in wissenschaftlichen Aufsätzen, aber meist auch dort nur Deponie überquellenden Stoffes. Auch für Gliederungen gilt: Weniger ist mehr!

Pro & contra

Ein Blitzlicht zur Kunst der Argumentation. Alle Beweise und Beispiele, die die Fragestellung des Autors beantworten, wie Perlen aufreihen. Der Leser will klare Kante, aber: so wie in der Wissenschaft, obwohl auch dort oft ein Waisenkind, der Gegenseite und Kritik ein Gesicht geben. Kein Wissen ist absolut. Erst These und Antithese erschaffen die Synthese, das höhere Informationsniveau. Dieses Prinzip, ich nenne es "Holistischen Antagonismus", ist Kern abendländischer Forschung, der demokratischen Gesellschaft, eines kritisch-aufklärerischen Wissenschaftsjournalismus. Wichtige Fragen sind zu klären: Wer finanziert das darzustellende Forschungsprojekt, wessen private Interessen stecken dahinter, welche öffentlichen Interessen bedient es, wie verläuft der Dialog mit NGOs und Akteuren der Zivilgesellschaft? Wer nur mit Forschern, nicht dem Umfeld spricht, läuft Gefahr, PR zu liefern, den "Cheerleader" zu geben - ohne  journalistischen Nutzwert.

Gepfeilte Sätze

Endlich, das Schreiben beginnt. Vorsicht: Bereits Mark Twain entrüstete sich über die seltsame Passion der Deutschen zu seitenlangen Sätzen. Verquaste Bandwurm- und Schachtelsätze werden im Wissenschaftsdeutsch nicht streng genug geahndet, immer noch nicht. Sogar in Leitmedien wie der FAZ ist man vor ihnen nicht immer sicher. Deshalb zertrümmern Sie bitte gnadenlos Ihre Satzungetüme. Brechen Sie sie auf einen Hauptsatz mit zwei Nebensätzen herunter - mittlerweile auch für akademisches Schreiben empfohlen. Produzieren Sie mit jedem Satz Sinn. Widersetzen Sie sich der Unart mancher Feuilletonisten und vieler Politiker: inhaltsleere Locken auf der Glatze zu drehen. Suchen Sie Rat beim deutschen Sprachpapst Wolf Schneider und seinen anschaulichen Stilfibeln. "Gepfeilte Sätze" sind keine Zauberei.

Das Narrativ

Wissenschaftlern liegt Experimentieren im Blut. Guten Journalisten auch. Sobald Sie mit diesen Tipps sattelfest geworden sind, bespielen Sie, zunächst als Versuch, die nächste Bühne: Storytelling oder das Narrativ. Das beherrschen mittlerweile auch Wissenschaftler. Prof. Dr. Wolfgang M. Heckl, Nanoforscher und Generaldirektor des Deutschen Museums, will weg von Zahlenorgien und rät: "Nicht belehren, Erlebnisse erzählen." Die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften acatech veranstaltet derzeit eine Serie von Workshops über künstliche Photosynthese als Energiequelle der Zukunft. Nerdiger Forschungsstoff wird in Kurzgeschichten mit roten Bäckchen umgestrickt. Darin gibt es, wie in Homers Odyssee, Grimms Märchen und Hollywoodproduktionen Helden und Bösewichter, Sex und Crime, Happy Ends und Katastrophen. Je höher die dramaturgische Fallhöhe, desto gefesselter das Laienpublikum, umso mehr versteht es die in Narrative gekleideten Technologien, ihre Risiken und Chancen.

Putzfrauentest

Schotten Sie sich im Schaffensprozess nicht ab wie ein Eremit. Holen Sie Feedback ein, am besten von einem Fachfremden, warum nicht einem Kneipenwirt? Kann er Ihrem Pitch folgen? In Redaktionen nennt sich das "Putzfrauentest". Geben Sie Ihren fertigen Text jemandem zu lesen. Nehmen Sie jedes Verständnisproblem ernst.

Im Flow

Aufschieberitis und das Ringen mit dem leeren Blatt kennt jeder Schreiber. Weltschriftsteller litten daran. Manche schoben Ablenkungen einen Riegel vor und ließen sich zum Arbeiten kurzerhand einsperren. Oft verraten Blockaden, dass Autoren konzeptionell schwimmen. Der Rettungsring: solide Planung. Wenn der Blues trotzdem aufsteigt, könnte eine Unterbrechung helfen, eine kreative Schaffenspause. Um in den Flow zu kommen, rät die Schreibtrainerin Gabriele Rico in ihrem Buch "Von der Seele schreiben" (Jungfermann Verlag, 1999) zu Assoziationsketten und Mind Maps, Kapitel in Comics zu fassen oder Freewriting: einfach losschreiben. Früher oder später landet man im Thema und streicht den Anlauf dazu einfach heraus.

Rituale und Stimulanzien

Kaffeehaus oder Bibliothek: Suchen Sie sich Ihr persönliches Schreibbiotop. Halten Sie feste Zeiten ein. Nehmen Sie sich für jede Schreibphase ein festes Pensum vor. Schaffen Sie sich sensorische Anreize, Musik jeder Art oder Düfte. Faulende Äpfel ließen Schiller zur Hochform auflaufen. Wichtig für die Lust: Belohnen Sie sich anständig! Ein letzter Brückenschlag: Forschen und populär darüber zu schreiben, sind beide ein intellektuelles Abenteuer, der Reise des Kolumbus nicht unähnlich

© duz - Deutsche Universitätszeitung (zur duz-Website)

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