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Wie geht es mit dem MSCI World weiter?

Technische Analyse, Charts, Diagramme, Lupe, Brille [Quelle: pexels.com, Autor: Anna Nekrashevich]

Quelle: pexels.com, Anna Nekrashevich

Faszinierend, aber nicht unumstritten: Die Elliott Waves helfen dabei, Finanzmärkte zu verstehen und Aktiencharts zu analysieren. Auch den des MSCI World. Was sagt uns das? Die Technische Analyse.

Den Weg zur Technischen Analyse habe ich nicht über das Zeichnen von Trends, Widerständen und Unterstützungen, über die Interpretation von Indikatoren, Stimmungen gefunden. Nein - am Anfang standen für mich die Elliott Waves. Sie faszinierten mich ab der ersten Minute, und sie haben für mich in den vergangenen dreieinhalb Jahrzehnten kein bisschen von dieser Faszination verloren.

Ihr Zauber bestand und besteht für mich darin, dass sie ein Fraktal sind, wie es die Chaostheorie beschreibt: selbstähnliche Strukturen, die auf sehr niedrigen hierarchischen Ebenen, beispielsweise im Stundentakt, die gleichen Muster formen wie auf Jahresbasis. Gleichzeitig wird man zugestehen müssen, dass die Elliott Waves alles andere als unumstritten sind: Vor allem die enormen Freiheitsgrade, die ihrer Methodik innewohnen, werden für ihre Ablehnung häufig ins Feld geführt. Dem will ich auch gar nicht widersprechen. Eine Analyse, die ausschließlich die Elliott Waves zum Maß aller Dinge erklärt, wird oft scheitern. "Wellenzählen" allein funktioniert fast nie. Aber gerade in der Zusammenschau mit klassischen Methoden der Analyse können sie enorm hilfreich sein. Und: Sie helfen mir noch heute zu verstehen, wie Finanzmärkte "denken", wie sie ticken und wie ganz normale Charts ganz allgemein "funktionieren".

Die Elliot Waves am MSCI World

Immer wieder wird man im Aufwärtstrend fünf Wellen 1-5 nach oben (rauf, runter, rauf, runter, rauf) und danach drei Korrekturwellen ABC (runter, rauf, runter) beobachten können. Die Elliott Waves lehren auch, dass Aufwärts- wie Abwärtstrends meist nicht einfach aufhören. Dem ersten Anstieg nach einer Baisse, der "Elliott 1", folgt meist ein weitreichender Rücksetzer, die "2". Die "3" ist die Kernanstiegsbewegung einer Hausse, eine Korrektur führt einen Chart oft in den Bereich der vorangegangenen "4" zurück, die Wellen "2" und "4" entwickeln im Regelfall einen unterschiedlichen Charakter, und "1" und "5" neigen dazu, gleich groß zu werden.

Multipliziert man die Differenz zwischen der Welle "1" und der "2" mit 3,2, dem doppelten Goldenen Schnitt, und trägt das Produkt an das Tief und das Hoch der "1" an, erhält man eine Vorstellung davon, wo die "5", wo ein Haussezyklus einst enden könnte. Was oft als Chaos empfunden wird, gewinnt so Struktur - nicht nur für den Moment, sondern dauerhaft und im Idealfall auf allen Zeitebenen. Damit ein Blick auf den Chart des MSCI World auf Dollarbasis.

In meinen Augen ist die abgebildete Zählweise der Elliott Waves die derzeit wahrscheinlichste. Demnach befindet sich der Weltaktienindex kurz vor oder bereits nach dem Endpunkt der Hausse, die 2009 am Tief der Finanzmarktkrise begann. Fünf Punkte bringen mich innerhalb des grundlegenden Regelwerks der Elliott Waves zu diesem Ergebnis: Das Gesamtbild bei dieser Zählweise sieht erstens harmonisch aus, die "3" ist zweitens der ausgedehnteste Teil der Hausse, Welle "2" und "4" haben sich drittens völlig unterschiedlich entwickelt, und die Kursgewinne der "1" und der "5" sind viertens mit gut 100 Prozent fast identisch. Nicht zuletzt: Multipliziert man die Differenz (703 Punkte) zwischen dem Beginn (689 Punkte) und dem Endpunkt (1392 Punkte) der Elliott "1" mit 3,2 (2250 Punkte) und addiert das Ergebnis zum Tief und Hoch der "1" hinzu, erhält man einen Zielkorridor von rund 2940 bis 3640 Punkten.Bemerkenswert: Das aktuelle Allzeithoch liegt bei 3240 Punkten und damit fast in der Mitte dieses Zielbereichs.

Die Elliott Waves sind in meinen Augen alles andere als ein besonders gutes Timing-Instrument. Aber sie schärfen den Blick dafür, in welcher Phase sich eine Hausse wahrscheinlich gerade befindet. Für den MSCI World legen sie momentan nahe, dass der Endpunkt der Entwicklung seit 2009 bereits erreicht worden ist oder in näherer Zukunft erreicht sein wird. Sollte dies stimmen: Typischerweise fällt ein Chart dann in den Bereich der "4" zurück. Für den MSCI World sollten demnach mittel- bis langfristig Niveaus um 2300 Punkte beziehungsweise Abschläge von etwa 30 Prozent auf der Tagesordnung stehen. Ich hätte absolut nichts dagegen, wenn diese Einschätzung sich einst als völlig falsch herausstellen würde. Mit steigenden Kursen lebt es sich einfach besser: Meist ist oder wird die Welt dann gerade ein besserer Ort. Das Problem: Auch mein klassisches technisches Handwerkszeug sieht nicht mehr gar so viel Spielraum nach oben.

Zugegeben: Das war heute keine leichte Kost. Aber manchmal geht's nicht anders. In einer Welt, die immer komplexer wird, ist es mit einfachen, stark vereinfachenden oder rosa gefärbten "Wahrheiten" oft nicht mehr getan - auch wenn in Zeiten wie diesen manch einer meint, dass dem so wäre.

Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

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