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"Nicht einfach nur draufhaun"

Boxen, Boxhandschuhe, Kämpfen (Quelle: freeimages.com, januszek)

Quelle: freeimages.com, januszek

Wie gelingt die Doktorarbeit? Die Kickbox-Weltmeisterin und promovierte Medizinerin Christine Theiss erklärt, was man vom Sport für die Uni lernen kann.

ZEIT Campus: Frau Theiss, Sie sind amtierende Weltmeisterin im Kickboxen und promovierte Medizinerin. Wie passt das zusammen?

Christine Theiss: Ich habe mit dem Kickboxen angefangen, als ich sieben Jahre alt war. Als ich dann mit 26 Profi wurde, hatte ich schon Medizin studiert und seit drei Jahren an meiner Doktorarbeit geschrieben. Ich wusste am Anfang einfach noch nicht, ob ich später beruflich kickboxen oder lieber an der Uni-Klinik arbeiten möchte. Also habe ich beides ausprobiert.

ZEIT Campus: Kampfsport und Wissenschaft sind aber doch sehr unterschiedliche Bereiche.

Theiss: Klar, die Aufgaben sind zunächst einmal völlig verschieden. Trotzdem habe ich sehr schnell gemerkt, dass viel von dem, was ich mir im Sport erarbeitet habe, auch beim Schreiben meiner Doktorarbeit wichtig war.

ZEIT Campus: Zum Beispiel?

Theiss: Weltmeisterin zu werden oder zu promovieren sind zunächst abstrakte Ziele. Man braucht dann Disziplin, um sich Schritt für Schritt vorzuarbeiten. Das geht nur, wenn man genau weiß, was man will. Und wenn man sich strukturieren kann, ganz konkret mit Trainingsplan. Wenn ich beim Sandsacktraining nicht weiß, ob ich Kondition oder Technik trainiere, kann ich es gleich lassen. Dann haue ich einfach nur drauf.

ZEIT Campus: Was bedeutet das für die Promotion?

Theiss: Bei der Promotion konnte ich auch nicht einfach drauflosschreiben, sondern habe genau geplant, welches Kapitel ich wann schreibe. Ich habe mit einer klinisch-statistischen Studie über Stammzelltherapie bei Herzinfarktpatienten promoviert. Dabei habe ich 44 Patienten vier Jahre lang mitbetreut und Tausende von Daten ausgewertet. Ohne Struktur wäre das nicht gegangen.

ZEIT Campus: Wie haben Sie sich strukturiert?

Theiss: Mein Tag war genau eingeteilt: von sechs bis neun Uhr Training, dann an den Schreibtisch. Mittags habe ich eine Pause eingelegt, dann ging die Arbeit an der Promotion weiter. Abends stand wieder Training an.

ZEIT Campus: Das klingt nach einem straffen Zeitplan. Können Sie auch mal lockerlassen?

Theiss: Andere Leute gehen joggen, um sich auszupowern. Das funktioniert bei mir nicht als Entspannung. Als Ausgleich brauche ich Ruhetage. Egal, wann der Wettkampf ansteht: Sonntag ist frei. Punkt. Da gehe ich in den Bergen wandern. Ich finde, man muss lernen, in sich hineinzuhören. Beim Boxen höre ich auf meinen Körper, bei der Promotion auf meinen Kopf.

ZEIT Campus: Und was ist, wenn einer von beiden sagt: "Ich kann nicht mehr"?

Theiss: Dann muss ich ehrlich zu mir selbst sein und die Erschöpfung anerkennen. Wenn ich ein Tief habe, stelle ich mir vor, wie es sein wird, wenn ich mein Ziel erreicht habe. Das Gefühl, gewonnen zu haben und nach dem Kampf den Gürtel hochzuhalten.

ZEIT Campus: Wie fühlt sich das an?

Theiss: Hammermäßig. Da kann ich mich so reinsteigern, dass mir vor Glück die Tränen in die Augen schießen. Genau so war es bei meiner Promotion: sich dieses Gefühl vorzustellen, in die Druckerei zu gehen, die fertige Arbeit abzuholen und sie endlich abzugeben. Das motiviert extrem.

ZEIT Campus: Gab es auch Rückschläge?

Theiss: Bei einem Amateurkampf habe ich zum Beispiel mal den Fehler gemacht, nach Treffern überhastet zu kontern, dabei habe ich meine Deckung aufgemacht. Punktniederlage.

ZEIT Campus: Wie sind Sie damit umgegangen?

Theiss: Da war bei mir erst mal Wundenlecken angesagt. Ich hatte keinen Bock, darüber zu reden oder zu analysieren, ich war einfach nur enttäuscht. Ich hatte das auch beim Schreiben der Doktorarbeit. Mein Doktorvater wollte Dinge oft ganz anders, als ich sie geschrieben hatte. Als ich die Arbeit nach langem Warten von der Erstkorrektur zurückbekam, war etliches rot angestrichen. Dabei hatte ich so viel Zeit und Mühe reingesteckt! Ich war stinkig und habe erst einmal nur geflucht.

ZEIT Campus: Wollten Sie hinschmeißen?

Theiss: Wenn ich etwas angefangen habe, dann ziehe ich das auch durch. Das habe ich beim Kickboxen gelernt. Bei Rückschlägen kann man heulen und fluchen, das ist in Ordnung. Aber dann muss man sich schütteln, wieder aufraffen und weitermachen. An meine Niederlagen denke ich heute überhaupt nicht mehr, die habe ich abgehakt.

ZEIT Campus: Und das funktioniert?

Theiss: Für mich ist die Einstellung unglaublich wichtig. Das klingt vielleicht nach einem Klischee. Aber ich habe fünf Jahre an meiner Promotion gearbeitet, da muss man sich ständig neu motivieren. Dass ich es im Ring immer wieder geschafft habe, gibt mir Selbstbewusstsein. Das habe ich auch bei der Promotion gemerkt. Ich zweifle einfach nicht an mir selbst. Sonst könnte ich weder boxen noch schreiben.

© ZEIT ONLINE ( Zur Original-Version des Artikels)

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