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Lernen am Krankenbett - als deutscher Medizin-Student in den USA

Arzt Kranken Medizin (Quelle: freeimages.com, Kurhan)

Quelle: freeimages.com, Kurhan

Dass im US-amerikanischen Medizinstudium mehr Wert auf praxisnahen Unterricht gelegt wird, hat sich an deutschen Hochschulen bereits herumgesprochen. Dr. med. Fatih Seker, Assistenzarzt in der Abteilung für Neuroradiologie am Universitätsklinikum Heidelberg, berichtet von seinen Auslandserfahrungen an der Tulane University in New Orleans.

Das Medizinstudium in den Vereinigten Staaten dauert vier Jahre und setzt ein bereits abgeschlossenes Studium an einem College voraus, das meist drei bis vier Jahre dauert. In den ersten beiden Jahren, die sehr theorielastig sind, werden vorklinische Fächer wie Anatomie, Physiologie und Mikrobiologie behandelt. Anschließend folgen zwei klinische Jahre, die wiederum von intensivem Patientenkontakt geprägt sind.

Auswahl der Wahlstationen im praktischen Jahr

Ähnlich wie in Deutschland lernen auch amerikanische Medizinstudenten während ihres letzten Studienjahrs verschiedene Krankenhausabteilungen kennen, um Erfahrungen für das spätere Berufsleben zu sammeln. Anders als in Deutschland ist dieses letzte Jahr jedoch nicht in Tertiale mit den Fächern Innere Medizin, Chirurgie und einem Wahlfach unterteilt. Im amerikanischen System dauern die Einsätze (auch Electives genannt) jeweils zwei oder vier Wochen.

Neben obligatorischen Stationen wie Innere Medizin haben Studenten die Wahl zwischen mehreren Fächern. Optimalerweise wählt man diese Electives so, dass sie auf die spätere Facharztweiterbildung vorbereiten. So würde jemand, der beispielsweise Herzchirurg werden möchte, Fächer wie Herzchirurgie, Kardiologie und Thoraxchirurgie wählen. Will der angehende Herzchirurg seine Kenntnisse in der Bildgebung weiter vertiefen, kann er Electives in der Radiologie dazuwählen. Oftmals besteht sogar die Möglichkeit, spezielle Electives eines Fachbereichs zu wählen. Im Falle der Radiologie wären das zum Beispiel Kinderradiologie oder Neuroradiologie.

Ärzte, die Spaß an der Lehre haben

Aber nicht nur die Organisation des Studiums unterscheidet sich vom deutschen System, sondern auch die Art und Weise, wie die Ärzte die Medizinstudenten unterrichten. Viele (aber nicht alle) Ärzte sehen Studentenunterricht nicht als Last, sondern als wesentliches Element in der Ausbildung ihrer künftigen Kollegen. In persönlichen Gesprächen haben mir Assistenzärzte erzählt, dass sie sich bewusst für eine Tätigkeit an einer Universitätsklinik entschieden haben, weil sie Spaß an der Lehre haben. Manche haben außerdem den Eindruck, dass an Universitätskliniken der wirtschaftliche Druck und die Zahl an gerichtlichen Auseinandersetzungen geringer ist als an Privatkliniken.

Unterricht am Krankenbett

Auch das sogenannte Bedside Teaching (Unterricht am Krankenbett) hat in den USA einen höheren Stellenwert als in Deutschland, wobei man sagen muss, dass die Lehre an deutschen Medizinfakultäten in den vergangenen Jahren deutlich praxisnäher geworden ist. Unter Bedside Teaching versteht man, dass Krankheitsbilder, Diagnostik und Therapie an konkreten Beispielen am Patientenbett besprochen werden. Dazu gehört auch, dass der unterrichtende Arzt den Studenten zeigt, wie man den Patienten untersucht. Vor allem Visiten werden dazu genutzt, um Assistenzärzte und Studenten dahingehend weiterzubilden.

Ein kardiologischer Oberarzt hat zum Beispiel bei Visiten wiederholt darauf hingewiesen, bei Patienten mit ausgeprägter Arteriosklerose (Verkalkung der Arterien) auch die Halsschlagadern wegen der Gefahr eines Schlaganfalls mit dem Stethoskop abzuhören, um etwaige Gefäßverengungen möglichst frühzeitig zu erkennen. Er machte deutlich, dass der Schlaganfall eher in die Neurologie als in die Kardiologie gehört, es  aber dennoch in der Pflicht des Kardiologen liegt, bei Feststellung einer Verkalkung der Halsgefäße entsprechende diagnostische beziehungsweise therapeutische Schritte einzuleiten.

Referate und neue Studien-Ergebnisse

Zum Teaching gehört auch, dass Studenten über ein bestimmtes Thema referieren oder die Ergebnisse einer neuen wissenschaftliche Studie vorstellen. Während meiner Station in der Nephrologie (Nierenheilkunde) sollte ich beispielsweise vortragen, wie man einer Kontrastmittel-induzierten Nephropathie (Nierenschaden durch Röntgenkontrastmittel) bei Patienten mit vorgeschädigten Nieren vorbeugt. Unterricht in dieser Form hat den positiven Effekt, dass man stets auf dem aktuellen medizinisch-wissenschaftlichen Stand bleibt.

Auch die Weiterbildung von Assistenzärzten ist in den USA meines Erachtens besser organisiert als an manchen deutschen Kliniken. So lernt ein Assistenzarzt der Inneren Medizin an der Tulane University Fächer kennen wie Kardiologie, Nephrologie, Gastroenterologie und so weiter, um das gesamte Spektrum der Inneren Medizin zu erfassen. Ebenso besuchen Assistenzärzte der Tulane University an einem Nachmittag in der Woche einen Unterricht für ihre Weiterbildung, der speziell für Assistenzärzte eines Jahrgangs zugeschnitten ist. Dafür werden sie von ihren ärztlichen Aufgaben im Krankenhaus freigestellt.

Wie kommt man als Deutscher an eine Assistenzarzt-Stelle in den USA?

Um in den Vereinigten Staaten eine Assistenzarzt-Stelle (Residency) zu erhalten, müssen Medizinstudenten zuvor Step 1 und Step 2 der "United States Medical Licencing Examination" (USMLE) ablegen. Diese beiden Prüfungen entsprechen inhaltlich in etwa den deutschen Staatsexamina der Medizin. Sie sind auch Voraussetzung für Medizinstudenten und Absolventen aus dem Ausland, die in den USA ihre Facharztweiterbildung absolvieren wollen. Die Noten, die man in diesen Prüfungen erreicht, sind enorm wichtig - besonders, wenn man sich für beliebte Fächer wie Urologie oder Dermatologie interessiert. Wichtig für die Bewerbung sind auch Empfehlungsschreiben von Oberärzten aus US-amerikanischen Kliniken, mit denen man während eines Electives zusammengearbeitet hat.

Eine spätere ärztliche Tätigkeit in den USA ist für deutsche Medizinstudenten  also durchaus möglich, jedoch mit vielen Hürden verbunden. Daher empfehle ich jedem Studenten, der seine Facharztweiterbildung in den Vereinigten Staaten absolvieren möchte, einen Teil des Praktischen Jahrs dort zu verbringen. Aber auch Medizinstudenten, die ein anderes Gesundheits- und Bildungssystem kennenlernen möchten, kann ich ein Praktikum in den USA nur ans Herz legen. Viele deutsche Universitäten bieten hierzu Austauschprogramme mit amerikanischen Partneruniversitäten an, was die Organisation bedeutend vereinfacht.

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