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Unter Zeitdruck im trüben, kalten Wasser

Rettungsring, Versicherung, Sicherheit, Unterstützung [Quelle: tempus corporate, Getty Images]

Quelle: tempus corporate, Getty Images

Ob Sonnenstich, Ertrinkungsunfälle oder Katastrophenschutz – wann immer es um Notfälle im und am Wasser geht, ist die deutsche Wasserwacht im Einsatz. Als Teil des Roten Kreuzes ist sie in ein riesiges und einzigartiges Hilfeleistungssystem integriert, das nur funktionieren kann, weil sich zahlreiche Menschen ehrenamtlich engagieren. Thomas Schenk, Landesarzt der Wasserwacht Bayern, sprach mit arzt & karriere über medizinische Herausforderungen bei Einsätzen und darüber, worauf es bei der Wasserrettung besonders ankommt.

Dr. Schenk, Sie sind seit vier Jahren Landesarzt der Wasserwacht Bayern. Was sind Ihre Aufgaben als solcher?

In erster Linie stehe ich der Landesleitung als medizinischer Berater zur Verfügung. Zuletzt habe ich bei der Überarbeitung des Leitfadens „Rettungsschwimmen“ und der Ausbildungs- und Prüfungsvorschrift für das Tauchen geholfen. Dabei spielen immer wieder medizinische Fragen eine Rolle.

Welche sind das zum Beispiel?

Beim Leitfaden „Rettungsschwimmen“ etwa haben wir die aktuellen Vorschriften zur Wiederbelebung überarbeitet. Beim Tauchen hat man früher den sogenannten Notaufstieg geübt, um schneller an die Oberfläche zu kommen. Dieses Verfahren ist aber zu gefährlich, weshalb wir es nicht mehr einsetzen. Ich bin dafür zuständig, dass solche Punkte überprüft werden und formal richtig in den Anweisungen stehen.

Ihr Einsatz ist ehrenamtlich. Was fasziniert Sie an der Tätigkeit?

Jährlich kommt es zu Hunderten von Ertrinkungsunfällen und anderen Notfällen auf und am Wasser. Durch die hochspezialisierte Ausbildung und die Vernetzung im komplexen Hilfeleistungssystem, das in dieser Form in Europa einmalig ist, ist das Deutsche Rote Kreuz inklusive der Wasserwacht flächendeckend in der Lage, quasi in jeder Gefahrensituation schnell und gut Hilfe zu leisten. Es funktioniert aber nur, weil sich bei uns genügend Menschen engagieren. Dieser Zusammenhalt gibt einem ein tolles Gefühl und macht für mich den besonderen Reiz der Tätigkeit aus.

Und aus medizinischer Sicht?

Es gibt immer wieder knifflige Situationen – vor allem bei Notfällen im Winter. Wenn zum Beispiel jemand länger im kalten Wasser lag, muss man bei der Rettung aufpassen, dass er nicht noch zusätzlich geschädigt wird. Durch falsche Lagerungsmanöver kann kaltes Blut aus der Körperperipherie in den Kern gespült werden, was zum kritischen Abfallen der Körperkerntemperatur und zum Bergungstod führen kann.

Was passiert, wenn der Piepser losgeht und der Wasserwachtler zum Einsatz gerufen wird?

Dann zählt jede Sekunde. Die Kräfte der Wasserwacht und weitere Helfer von anderen Organisationen wie der Feuerwehr treffen am Einsatzort aufeinander. Der berufene Einsatzleiter übernimmt das Kommando. Je nach Situation wird ein Boot zu Wasser gelassen oder die Taucher, die sich während der Fahrt umgezogen haben, kommen direkt zum Einsatz. Zusätzliche Helfer suchen das Gelände und die Uferbereiche ab.

Wie viele solcher Einsätze finden im Jahr statt?

Das hängt von den regionalen Strukturen ab. Im Jahr 2011 hat es in Bayern fast 1.400 Einsätze gegeben, die durch 237 Ortsgruppen beziehungsweise Schnelleinsatzgruppen abgearbeitet wurden.

Wann wird die Wasserwacht zum Einsatz gerufen?

Das ist ganz unterschiedlich. Im Bereich von größeren Seen kommen immer wieder Unfälle mit Wassersportfahrzeugen und auch Tauchunfälle vor. In Schwimmbädern und an Badeseen überwiegen eher kleinere Hilfeleistungen – da reicht die Palette vom Insektenstich bis hin zum Hitzschlag.

Was war bisher Ihr schwierigster Einsatz?

Die nervenaufreibendsten Einsätze, die einem nachdrücklich in Erinnerung bleiben, sind Lebensrettungen oder versuchte Lebensrettungen nach Ertrinkungsunfällen. Wenn ich daran zurückdenke, läuft es mir heute noch kalt den Rücken runter. Ich war an Einsätzen beteiligt, bei denen Jugendliche angetrunken von einer Brücke ins Wasser gesprungen sind oder den Fluss durchschwimmen wollten, untergingen und nicht mehr auftauchten. Wenn man zu so einem Einsatz gerufen wird, ist einem bewusst, dass es sich um Menschen handelt, die noch ihr ganzes Leben vor sich haben. Und du suchst als Taucher unter Zeitdruck in einem undurchsichtigen Wasser, das so trüb ist, dass man gerade noch die Hand vor der Maske sieht, in der Strömung, in der Kälte, vielleicht sogar noch bei Nacht. Das kann einem schon zu schaffen machen, auch noch lange danach.

Nach welcher Zeitspanne muss man davon ausgehen, dass eine Person nicht mehr gerettet werden kann?

Das ist eine sehr schwierige Entscheidung. Wir geben natürlich nie die Hoffnung auf, bevor wir wirklich sicher sind. Es gibt beschriebene Fälle von Menschen, die sich angeblich 40 bis 45 Minuten lang im kalten Wasser befanden, wiederbelebt werden mussten und die das weitgehend folgenlos überstanden haben. Persönlich kenne ich aber keinen Fall.

Gab es auch Momente, in denen Sie selbst in Gefahr waren?

Glücklicherweise nicht. In der Ausbildung lernt man die Risiken zu minimieren. Es kommt darauf an, Vorschriften einzuhalten, einen gesunden Menschenverstand walten zu lassen und Abläufe ausgiebig zu üben.

Mit welchen Schwierigkeiten hat man es bei der Rettung zu tun?

Bis auf wenige Monate im Sommer ist das Wasser meistens kalt. Dazu kommt, dass in strömenden und beschifften Gewässern wie auch in vielen Seen die Sicht unterWasser sehr schlecht ist. Hier muss ein Taucher blindes Vertrauen in seinen
Signalmann haben, der am anderen Ende der Leine steht. Zusätzlich muss man sich exzellent mit seiner Ausrüstung auskennen, sodass jeder Handgriff sitzt. Oft ist der Zugang zu den Gewässern durch unwegsame Uferböschungen oder steile Befestigungen erschwert. Dann wird den Einsatzkräften einiges abverlangt. Gleichzeitig steht man unter einem enormen Zeitdruck, sobald es um Menschenleben geht. Wenn Hochwasser dazu kommt, sind die Strömungsgeschwindigkeiten stark erhöht und man muss mit Treibgut im Wasser rechnen. Zudem steht einem nur eine begrenzte Notfallausrüstung zur Verfügung. Jeder Notarzt weiß, dass eine Intubation im Rettungswagen schwer genug ist – wenn man es aber im Gelände machen muss, während man selbst durchnässt oder erschöpft von der Rettung ist, ist das eine richtig große Herausforderung.

Sie arbeiten als Arzt in einer Klinik. Wie lässt sich die ehrenamtliche Tätigkeit mit dem Beruf vereinbaren?

Das hängt vom eigenen Engagement und dem des Chefs ab. Es gibt Ärzte, die jederzeit gehen können. Ich erfahre in meiner Arbeit eine große Unterstützung durch den Klinikdirektor, sodass ich zumindest für einen Einsatz im Katastrophenschutz schnell abkömmlich wäre – zwar mit Freizeitausgleich oder Urlaub, aber immerhin. Das ist nicht selbstverständlich, weil die Kliniken ebenfalls zunehmend unter Personal- und Kostendruck geraten.

Welche Ausbildungen absolviert man als Wasserwachtler?

Jedes aktive Mitglied macht zunächst einen Erste-Hilfe-Kurs und eine Sanitätsausbildung. Da die Wasserwacht Teil des Roten Kreuzes ist, besucht man ein Einführungsseminar, um über die Organisationsstrukturen Bescheid zu wissen. Für den aktiven Wasserrettungsdienst, muss man den Rettungsschwimmkurs der Stufe Silber absolvieren. Die Ausbildung zum Wasserretter bereitet einen auf größere Einsätze vor. Dabei lernt man unter anderem, wie man mit dem Material umgeht und welche Sicherheitsausrüstung man braucht, um sicher im Fließgewässer, im See oder vom Boot aus retten zu können. Dazu kommen Spezialausbildungen zum Motorbootführer, Rettungstaucher oder zur Führungskraft. Bei der Katastrophenschutzeinheit "Hubschraubergestützte Wasserrettung" lernt man den Einsatz mithilfe eines Hubschraubers, zum Beispiel bei der Evakuierung von eingeschlossenenGebäuden oder der Wasserrettung aus Fließgewässern. Die Ausbildungen
sind also sehr vielseitig.

Haben Sie diese Ausbildungen alle gemacht?

Ja, ich war früher Rettungstaucher und Motorbootführer in der Schnelleinsatzgruppe SEG, später auch Einsatzleiter. Heute bin ich in der hubschraubergestützten Wasserrettung als Luftretter tätig und stehe auch für Katastrophenschutzeinsätze zur Verfügung.

 

Inwieweit haben Sie die Führungsseminare bei der Wasserwacht persönlich und beruflich weitergebracht?

In die Rolle der Führungskraft muss man hineinwachsen. Man wird nicht einfach ohne Vorbereitung Einsatzleiter im Wasserrettungsdienst. Das sind Menschen, die lange in den bestehenden Strukturen mitgearbeitet haben, die die Verfahren und die Mannschaften kennen und wissen, was diese leisten können. Die Ausbildung vermittelt einem aber zusätzlich notwendige und hilfreiche Hintergrundinformationen. Was mir persönlich viel gebracht hat, ist die Tätigkeit als Ausbilder für Rettungsschwimmer oder Wasserretter, weil man dabei die Scheu verliert vor Gruppen zu sprechen und mit Leuten zusammenzuarbeiten.

Wie wird man zu einem Mitglied der Wasserwacht?

Man wendet sich am besten an die nächstgelegene Ortsgruppe. Die Kollegen freuen sich immer über motivierte Neuzugänge und informieren gerne näher bezüglich Ausbildung und Einsatzmöglichkeiten.

© Evoluzione Media AG, arzt & karriere. 

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