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Ärzte: Kranker Job

Doktor [Quelle: freeimages.com, Autor: Kurhan]

Quelle: freeimages.com, Kurhan

Ärzte sollen Menschen heilen. Gleichzeitig arbeiten sie im Krankenhaus selbst häufig unter ungesunden Bedingungen. Wie kann das sein?

Chicken Wings in der Mensa? Auf keinen Fall. Lieber den Rote-Bete-Salat, ohne Dressing. Mehr als zwei Liter Wasser am Tag trinken. Alkohol meiden. Mindestens sieben Stunden Schlaf pro Nacht. Und bevor es zu stressig wird: Nach Feierabend zum Yoga. Bei einer Erkältung bleibt man natürlich im Bett. Tabletten höchstens bei Bedarf. Und wenn’s nicht besser wird, verschiebt man die Klausur eben. Wie sonst sollte man wieder fit werden?

Man muss nicht Medizin studiert haben, um das Rezept für ein gesundes Leben zu kennen. Aber ausgerechnet diejenigen, die anderen solche klugen Ratschläge erteilen, halten sich selbst häufig nicht daran.

Fast zwei Jahre lang hatte ich höchstens ein freies Wochenende pro Monat und ständig Nachtschicht. Ich habe als Internistin in einem Krankenhaus in Hamburg gearbeitet. Wenn auf meiner Station ein Kollege krank war, haben wir keinen Ersatz bekommen. Dann mussten wir mit anderthalb Stellen die Arbeit von zweieinhalb machen. In dieser Zeit hatte ich fast kein soziales Leben mehr. Tagsüber habe ich geschlafen, nachts gearbeitet. Ich habe meine Freunde kaum noch gesehen, musste das Tanzen aufgeben und war oft zu müde zum Kochen. Männer habe ich auch nicht mehr auf natürlichem Weg kennengelernt, nur über Tinder.

Pauline Eckert*, 28, Internistin aus Hamburg

Wenig Schlaf, hoher Druck, kaum Freizeit – das ist für viele Ärzte Alltag. Das zeigt eine Befragung unter knapp 4.000 Krankenhausärzten, die die Ärztegewerkschaft Marburger Bund im November veröffentlicht hat. Bereits in einer Umfrage aus dem Vorjahr gab die Hälfte der Befragten an, bis zu 59 Stunden pro Woche zu arbeiten, ein Viertel sogar bis zu 80 Stunden.

Der Arztberuf zählt zu den angesehensten Tätigkeiten in Deutschland. Medizin ist eines der beliebtesten Studienfächer. Der NC ist überdurchschnittlich hoch. Fünf Bewerber kamen im vergangenen Jahr allein auf einen Studienplatz, hat die Stiftung für Hochschulzulassung ausgerechnet. Im krassen Gegensatz dazu stehen die schlechten Arbeitsbedingungen, unter denen Ärzte später leiden. Viele Stationen sind unterbesetzt. 24-Stunden-Dienste und Überstunden gehören oft zum Schichtplan dazu.

Als ich die Zusage für eine Stelle als Internistin in einer renommierten Klinik in Berlin bekam, war ich supereuphorisch. Ich hatte gerade mein Studium beendet, meine Doktorarbeit war so gut wie fertig. Jetzt geht’s los mit der Karriere, habe ich gedacht. Aber das Gefühl war ziemlich schnell vorbei. Nach einer Woche war ich ganz allein verantwortlich für eine komplette Station, für 15 schwerkranke Patienten. Laborwerte checken, Diagnosen stellen, Formulare ausfüllen, mit Angehörigen von Verstorbenen sprechen, während die nächsten Patienten schon auf dem Gang warten – auf meiner Station herrschte immer Chaos. Zeit zum Durchatmen hatte ich nie.

Karlotta Schmidt*, 28, Internistin aus Berlin

Klar, viele Jobs sind stressig, gerade beim Berufseinstieg. Auch Lehrer, Doktoranden oder Investmentbanker machen Überstunden. Und Mediziner verdienen dafür auch noch gut: Der Durchschnittslohn für Krankenhausärzte zwischen 25 und 35 Jahren liegt laut der Gehaltsdatenbank gehalt.de im Schnitt bei 53.000 Euro Brutto pro Jahr. Das ist mehr, als die meisten Akademiker in den ersten Berufsjahren erwarten können. Doch in kaum einem anderen Job trägt man so viel Verantwortung wie als Arzt: Jede Entscheidung kann Konsequenzen für die Gesundheit oder sogar das Überleben eines Patienten haben. Fehler darf man sich nicht erlauben.

Hoffentlich liegt morgen keiner tot im Bett, habe ich jeden Abend gedacht. Ich konnte nicht mehr schlafen, bekam Hitzeanfälle, Schwindel und Panik. Manchmal bin ich mitten in der Nacht aufgestanden, habe auf der Station angerufen und nach Laborwerten gefragt. Ich habe überlegt, Schlaftabletten zu nehmen. Die Angst wurde zwar mit der Zeit weniger, ganz aufgehört hat sie nie.

Karlotta Schmidt*, 28, Internistin aus Berlin

Bereits 2011 hieß es in einer Studie des Universitätsklinikums Heidelberg: "Der Arztberuf gehört zu den besonders gesundheitsgefährdenden Tätigkeiten." Das bestätigt auch die aktuelle Umfrage des Marburger Bunds: Knapp drei Viertel der Ärzte gaben an, ihre Arbeitszeiten würden ihre Gesundheit beeinträchtigen. Rund 60 Prozent fühlten sich psychisch belastet. "Der Arztberuf ist eingebettet in ein Klima aus Zeitdruck und Angst", sagt Bernhard Mäulen, Leiter des Instituts für Ärztegesundheit in Villingen-Schwenningen, "dadurch wird die Motivation der heranwachsenden Ärztegeneration ausgehöhlt." Seit 35 Jahren erforscht Mäulen die gesundheitlichen Risiken des Arztberufs. Immer häufiger litten auch junge Ärzte an Depressionen und Burn-out.

Wenn einer fehlt, bricht das ganze System zusammen. Das wusste ich seit meiner ersten Woche auf Station. Einmal hätte ich mich trotzdem fast nicht aus dem Arztzimmer getraut. Am Tag davor hatten wir eine Notfallpatientin mit einem Blutgerinnsel. Keiner hat es bemerkt. Ich habe sie viel zu spät auf die Intensivstation verlegt. Am nächsten Morgen um halb acht haben wieder 20 Patienten auf die Visite gewartet. Da habe ich losgeheult, irgendwann fast geschrien. Die Angst, einen Fehler zu machen, hat mich fertiggemacht.

Markus Rothe*, 31, Internist aus Aachen

Das Erstaunliche ist, dass sich an den Bedingungen seit Jahren kaum etwas ändert. Im Gegenteil. "Die Patientenzahl und der Verwaltungsaufwand sind stark gestiegen", sagt Hans-Jörg Freese vom Marburger Bund, "aber die Ärzte bekommen nicht mehr Stunden." Viele Krankenhäuser seien unterfinanziert. Stellen werden eingespart, und der ökonomische Druck wird auf die Ärzte übertragen. "Wenn es so weitergeht, droht vielen Krankenhäusern die Unterversorgung", sagt Freese. Denn wer kaum schläft, keine Pausen macht und mit Angst zur Arbeit geht, schadet im schlimmsten Fall nicht nur sich selbst, sondern den Patienten.

Du hast eine gute Ausbildung, den ersten Job hast du nach vier Wochen bekommen, was soll passieren? Das habe ich mir gesagt – und gekündigt. Jetzt habe ich ein paar Bewerbungen verschickt. Ich habe keine Angst, lange arbeitslos zu bleiben.

Pauline Eckert*, 28, Internistin aus Hamburg

In Deutschland fehlen Ärzte, vor allem auf dem Land. Aber auch in vielen Großstädten müssen Mediziner nicht lange nach einer Stelle suchen. Wer so gefragt ist, könnte für bessere Bedingungen protestieren, sich in einer anderen Klinik bewerben oder einen gut bezahlten Job im Ausland annehmen. Trotzdem ertragen viele ihre Situation.

Ich kotz hier gleich hin, habe ich einmal im OP gedacht. Seit ich arbeite, habe ich öfter Bauchschmerzen. Vor lauter Stress schaffe ich es oft den ganzen Tag lang nicht zu essen. Und wenn, dann nur die Pampe aus der Kantine. Ein paarmal habe ich mich im Klo versteckt, um schnell zwei Löffel runterzuschlingen. Irgendwann wurden die Schmerzen so schlimm, dass mein Arzt mir einen MRT-Termin gemacht hat. Aber mein Oberarzt sagte: "Das geht nicht." Er bat mich, den Termin zu verschieben, wir seien unterbesetzt. Ein anderes Mal sagte mein Chefarzt zu mir: "Du weißt ja, wie das ist: Nur wenn der Kopf ab ist, bleibt man zu Hause.

Janina Rathke*, 29, HNO-Ärztin aus Hamburg

Laut einer Erhebung der AOK gehören Ärzte zu der Berufsgruppe mit den wenigsten Krankheitstagen im Jahr. Für Bernhard Mäulen vom Institut für Ärztegesundheit zeige das aber nicht, dass sie besonders gesund seien. "Die meisten Mediziner überspielen ihre Probleme", sagt Mäulen. "Klappe halten und durch – das hat Tradition in der Medizin", sagt er. "Ethikfalle" nennt Hans-Jörg Freese vom Marburger Bund das Problem, "die Ärzte werden ausgenutzt, weil man weiß, sie lassen die Patienten nicht im Stich".

Mein Chef hat häufig rumgebrüllt, irgendwer hat immer geheult. Angst hatte ich vor allem vor der morgendlichen Besprechung. Das war wie Appell stehen: Wo sind Fehler passiert, und wer ist dafür verantwortlich? Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich zu jemandem gehen kann, wenn ich nicht weiter weiß. Schwäche zeigen war nicht drin.

Karlotta Schmidt*, 28, Internistin aus Berlin

Fast 75 Prozent der vom Marburger Bund befragten Ärzte gaben 2013 an, von ihren Vorgesetzten wenig bis gar nicht unterstützt zu werden, 60 Prozent auch nicht von Kollegen. Krankenhäuser sind sehr hierarchisch organisiert. Auch das trägt dazu bei, dass sich vor allem junge Ärzte nicht beschweren. Denn gerade in der Facharztausbildung ist man auf ein gutes Verhältnis zum Chefarzt angewiesen.

Klar, wenn ich nach dem dritten 24-Stunden-Dienst im Monat nach Hause komme, bin ich genervt. Trotzdem würde ich immer wieder Medizin studieren. Ich habe lange als Kinderärztin auf einer Onkologie-Station in München gearbeitet. Manchmal bekomme ich noch Dankeskarten von Eltern, obwohl ich mich kaum an ihr Kind erinnere. Ein Mädchen hat mir Plätzchen gebacken, ein Junge hat mich zu seiner Überlebens-Party eingeladen. Mein Mann ist Unternehmensberater. Er verdient mehr Geld als ich, aber wenn ich Überstunden mache, weiß ich, für wen.

Martina Zeumer, 31, Kinderärztin aus München

Anders als in vielen anderen Berufen fühlen sich Ärzte gebraucht, manchmal sogar unverzichtbar. Selbst in der Befragung des Marburger Bundes, in der so viele über ihre Arbeitsbedingungen klagen, geben 80 Prozent der Befragten an, dass sie ihren Beruf "in hohem Maße als sinnstiftend und befriedigend" empfinden. Dass sie sich so mit ihrem Beruf identifizieren, führt aber auch dazu, dass sich viele nicht beklagen.

Nach meiner Facharztausbildung hatte ich Chancen auf eine tolle Karriere. Mein Chef hat mir sogar angeboten, mich zu fördern. Aber plötzlich habe ich gemerkt, dass ich das alles nicht will. Ich habe gekündigt. Jetzt arbeite ich in einer Praxis. Stress habe ich immer noch, aber das ist kein Vergleich zu früher.

Markus Rothe*, 31, Internist aus Aachen

Liebe zum Beruf, Angst, Verantwortungsgefühl: Das sind Gründe, warum sich viele Ärzte nicht wehren. Warum sie nicht protestieren und oft frühestens nach ihrem Facharzt das Krankenhaus verlassen. Doch das könnte sich bald ändern. Denn auch wenn die Bedingungen ähnlich geblieben sind, die Ärzte sind es nicht: Schichtdienst, Überstunden, Stress – viele stellen sich ihr Leben heute anders vor. "Die Bereitschaft zur Selbstausbeutung sinkt", sagt Hans-Jörg Freese vom Marburger Bund. Gut so. Das würden Ärzte schließlich auch ihren Patienten raten.

* Für diesen Text haben uns Ärzte von ihrer Situation erzählt. Einige wollten anonym bleiben, darum haben wir ihre Namen geändert

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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