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"Zeit ist mir wichtiger als Geld"

Stethoskop (Quelle: freeimages.com,Autor: iwanbeijes)

Quelle: freeimages.com, iwanbeijes

Beruflicher Stress und wenig Zeit für Freunde und Familie – um dieser großen Belastung zu entgehen und seinem eben eine neue Richtung zu geben, entschloss sich Bernd Brägelmann, Facharzt für Radiologie, dazu, als Honorararzt tätig zu werden. Was er dabei alles beachten musste und welche Vorteile ihm diese Entscheidung brachte, erzählt er hier.

Seit über zwei Jahren bin ich Facharzt für Radiologie. Im Anschluss an meine Facharztprüfung habe ich mich entschlossen, nur noch als Honorararzt tätig zu sein. Ich arbeite nun als Vertretungsarzt auf Stundenbasis in unterschiedlichen Röntgenpraxen und Krankenhäusern in ganz Deutschland. Die letzten Jahre meiner Zeit als Assistenzarzt waren oft voller Stress. Neben meiner Weiterbildung und den Diensten musste ich zusätzlich ein neues RISPACS-System einführen. Dieses erfüllte nicht die gewünschte Funktionalität und ich fühlte mich oft dafür verantwortlich. Da ich große Anerkennung für meine Arbeit erhielt, konnte ich diese Belastung ertragen, aber mit der Zeit brannte ich trotzdem mehr und mehr aus. Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem nichts mehr ging. Ich meldete mich krank, kündigte und nahm eine sechsmonatige Auszeit.

Nun suchte ich nach einem Ausweg. Ich wollte weniger arbeiten und wünschte mir mehr Zeit für Freundschaften, Familie und andere Lebensziele. Eine halbe Stelle zu suchen, erschien mir als eine Möglichkeit. Dann entdeckte ich an einer Straße ein Plakat, auf dem nach Fachärzten für Honorartätigkeiten gesucht wurde. Mit dem Begriff konnte ich zunächst nichts anfangen. Ich dachte, es ginge dabei vielleicht in erster Linie um Chefärzte oder Spezialisten. Doch mich faszinierte die Vorstellung, als mein eigener Chef tätig sein zu können. So begann ich, Informationen zu sammeln und stellte fest, dass ärztliche Honorartätigkeiten in anderen Ländern bereits etabliert sind. In England ist es beispielsweise üblich, nach der Assistenzarztzeit als sogenannter "Locum" zu arbeiten. Ich baute Kontakte zu anderen Honorarärzten auf und kaufte mir ein Buch zu dem Thema. Außerdem wurde ich Mitglied im Bundesverband der Honorarärzte e.V. (BV-H e.V.).

Nun begann ich mit den konkreten Vorbereitungen. Da ich zu diesem Zeitpunkt bereits arbeitslos gemeldet war, hatte ich Anspruch auf den Gründungszuschuss. Um diesen Zuschuss beantragen zu können, musste ich einen detaillierten Geschäftsplan erstellen. Durch die Auseinandersetzung mit den Geschäftszahlen bekam ich ein sicheres Gefühl dafür, dass sich meine Idee tatsächlich umsetzen ließ. Mit dem fertigen Plan in der Tasche ging ich zu einer Gründungsberatung in ein Anwalts- und Steuerbüro, welches mir vom BV-H vermittelt worden war. Dort wurde mir bescheinigt, dass mein Plan und meine Rechnung realistisch waren. Dank dieser Bestätigung und meiner Facharzturkunde wurde mir der Gründungszuschuss gewährt. Damit war ich die nächsten Monate finanziell abgesichert und konnte mich auf die Kundenakquise konzentrieren.

Ich erstellte mir eine einfache Webseite, inserierte und schaltete eine Anzeige bei Google. Außerdem meldete ich mich bei einigen Vermittlungsagenturen als Jobsuchender. Über eine Agentur bekam ich zeitnah meinen ersten Auftrag in Bayern vermittelt. An meinen ersten Einsatz kann ich mich noch gut erinnern. Man freute sich, dass ich da war, behandelte mich respektvoll und arbeitete mir sehr gut zu. Wie ich erwartet hatte, war ich weitestgehend auf mich allein gestellt. In die neuen Computersysteme konnte ich mich sofort und ohne Probleme einarbeiten. Die Arbeit mit den Patienten war ich sowieso gewohnt. Nur bei der Durchführung der Untersuchungen musste ich mich auf die lokalen Gegebenheiten einlassen. Die nächsten Einsätze ließen nicht lange auf sich warten. Ich bekam viele Anfragen. Viel mehr, als ich bewerkstelligen konnte. Die Nachfrage war so groß, dass ich im ersten Jahr meinen Stundensatz um 20 Prozent erhöhen konnte, ohne Einbußen bei der Nachfrage festzustellen. Ich blieb bei meinem Vorsatz, regelmäßig Zeit für mich einzuplanen. So arbeitete ich maximal drei Wochen am Stück und machte dann zwei Wochen Pause. Mittlerweile finden mich die Kollegen auch durch meine Werbemaßnahmen und erfreulicherweise bereits über Empfehlungen einiger meiner Stammkunden. Derzeit erhalte ich daher nur noch etwa ein Viertel meiner Aufträge über Agenturen.

Durch meinen Geschäftsplan war mir klar, wie wichtig es ist, Rücklagen zu bilden. Dies betrifft vor allem die Einkommensteuer und die Rentenzahlungen an das Versorgungswerk, da diese Kosten nach ein bis zwei Jahren fällig werden. Ich habe mir von meinen Bruttoeinkünften 50 Prozent zurückgelegt. Außerdem habe ich für die größten Ausgaben Sparfonds eingerichtet. Dabei geht es vor allem um die Kosten für meine Haftpflicht- und Rechtschutzversicherung. Aber auch Nachzahlungen für die gesetzliche Krankenversicherung sollten berücksichtigt werden. Eine gute Buchführung ist sehr wichtig. Ich verwende dafür ein freies OpenSource Tool. So habe ich selbst ein Gefühl dafür, wie es um meine Finanzen steht, wie viel ich arbeiten muss und wie viel Urlaub ich machen kann. Trotzdem überlege ich, diese Buchführungstätigkeit an einen Steuerberater abzugeben, da mir meine Zeit dafür doch zu schade geworden ist.

Meine Tätigkeit bietet mir viele Vorteile. Vor allem genieße ich den Zugewinn an Freizeit. Zeit ist mir wichtiger als Geld. Mein Verdienst ist etwas besser, als in einer Oberarztstellung. Besonders gefällt es mir, dass ich nach Arbeitszeit bezahlt werde. Unter diesen Bedingungen können auch gelegentliche Überstunden Freude machen. Außerdem hat mein Auftraggeber dadurch ein Interesse daran, mir nur die elementar ärztlichen Tätigkeiten zu übertragen. So muss ich zum Beispiel fast nie Telefonate führen und kann mich um das kümmern, was ich gelernt habe: Befundung und Versorgung der Patienten.

 

Die Arbeit als Honorararzt bedeutet auch eine positive berufliche Weiterentwicklung für mich. Ich stelle fest, dass ich gut unabhängig und eigenverantwortlich arbeiten kann. Dies stärkt mein Selbstvertrauen. Außerdem kann ich jede Fortbildung besuchen, die mir wichtig ist, ohne dass ich mich mit einem Chef oder Kollegen darum streiten müsste. Ein weiterer positiver Aspekt meiner Tätigkeit ist, dass ich Einblicke in die Arbeitsabläufe unterschiedlicher Abteilungen bekomme. Ich sehe, was in der einen Abteilung gut läuft und welche Probleme auftreten. Aus meiner Sicht ist das eine unbezahlbare Erfahrung, die mir helfen wird, falls ich eines Tages eine leitende Position übernehmen möchte. Vor wenigen Monaten bin ich Vater geworden. Ich bin überglücklich, dass ich mir die ersten zwei Monate nach der Geburt frei halten und so diese wichtige Zeit miterleben konnte. Dank Elterngeld musste ich in dieser Zeit auch nicht auf ein Einkommen verzichten. Derzeit habe ich einen Auftrag, der es mir erlaubt, abends immer zu Hause zu sein. Später plane ich, zunächst auf 50 Prozent des bisherigen Arbeitseinsatzes zu reduzieren. Ich empfinde es als großen Luxus, mir so viel Zeit nehmen zu können, wie meine Familie und ich brauchen.

Als Honorararzt mache ich endlich die Arbeit, für die ich ausgebildet bin. Das ist für mich zutiefst befriedigend, zudem ich dabei auch noch angemessen bezahlt werde. Ich kann diese Tätigkeit jedem empfehlen, der gerne eigenverantwortlich tätig sein möchte. Bei Fragen bin ich gerne bereit zu helfen. Außerdem empfehle ich, frühzeitig Kontakt mit dem BV-H e.V. aufzunehmen.

© Evoluzione Media AG, arzt & karriere

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