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"Ach Mama, ich fahre doch nicht in den Tschad ..."

Medizin Medikament [Quelle: sxc.hu, Autor: Ricciardi]

Medizin Medikament [Quelle: sxc.hu, Autor: Ricciardi]

Chaotische Arbeitszeiten, ein miserables Freizeitangebot, mögliche Gefährdung der eigenen Sicherheit und das Ganze bei Tagestemperaturen von durchschnittlich 56 °C – keine besonders verlockende Stellenbeschreibung, möchte man meinen. Susanne hat den Job dennoch angenommen – und es kein Stück bereut.

Nach ihrem Medizinstudium in Leipzig arbeitete Susanne zwei Jahre lang in der Inneren Medizin in Potsdam. Im Sommer 2010 bewarb sie sich bei "Ärzte ohne Grenzen" - und wurde genommen. "Für mich war immer klar, wenn ich so was mache, dann mit 'Ärzte ohne Grenzen'. Seit ich 16 bin, habe ich den 'Ärzte ohne Grenzen'-Newsletter abonniert." Neben ihrer Begeisterung für die Arbeit der Organisation wollte Susanne außerdem schon länger gerne als Infektions- und Tropenmedizinerin im Ausland arbeiten.

Gespannt wartete sie auf die Nachricht, wo ihr erstes Projekt stattfinden sollte. "Man kommt in einen Mitarbeiter-Pool und wenn es ein Projekt gibt, für das man passt, wird man angefragt. Wohin es geht, darauf hat man beim ersten Einsatz wenig Einfluss." Da sie über sehr gute Französischkenntnisse verfügt, standen die Chancen für Afrika nicht schlecht, soviel war Susanne klar. Kurz darauf wurde ihr das erste Projekt zugeteilt: ein siebenmonatiger Nothilfeeinsatz für unterernährte Kinder im Tschad.

Das Herz in der Hose

Als Susanne ihren Einsatzort erfuhr, rutschte ihr das Herz doch für einen Moment in die Hose. Ihre Eltern waren im Vorfeld etwas besorgt wegen Susannes Bewerbung bei "Ärzte ohne Grenzen" gewesen. Sie würde ja nicht in ein Flüchtlingslager in den Tschad gehen, hatte Susanne die beiden damals beschwichtigt. "Naja, ein Flüchtlingslager war es dann ja auch wirklich nicht", lacht sie. Sie nahm sich zwei Wochen Zeit, um sich über das Land zu informieren und entschied sich schließlich für den Einsatz.

Mitte September 2010 kam Susanne in Aboudeia, im süd-östlichen Tschad an. Normalerweise werden neue Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" bereits länger bestehenden Projekten zugeteilt. Doch in diesem Fall handelte es sich um ein Nothilfeprojekt, das sich noch mitten im Aufbau befand.

Willkommen im Chaos

Bei Susannes Ankunft herrschte deshalb ein riesiges Chaos. "Immerhin gab es ein Haus, in dem wir wohnen konnten. Oft müssen die Teams von "Ärzte ohne Grenzen" während ihres kompletten Einsatzes in Zelten schlafen. Wir hatten fließendes Wasser und ab und zu gab es sogar Strom. Also eigentlich richtig luxuriös für die Umstände."

Medizin: Susanne Ärzte ohne Grenzen (Quelle: Ärzte ohne Grenzen, Autor: Yasmin Rabiyan)

Quelle: Ärzte ohne Grenzen, Autorin: Yasmin Rabiyan
 
Das Team bestand aus vier internationalen Mitarbeitern von "Ärzte ohne Grenzen" mit Susanne als einziger Ärztin, einem Krankenpfleger aus dem Kongo, einem Projektkoordinator aus Belgien und einer Logistikerin aus den USA. Außerdem gab es 60 tschadische Mitarbeiter, die das medizinische Personal stellten oder als Fahrer oder Wachdienst für die Hilfsorganisation arbeiteten.

Die einzige Ärztin weit und breit

Von einem Krankenhaus in Aboudeia aus wurden in zehn umliegenden Dörfern ambulante Außenstationen gegründet. Einmal pro Woche gab es in jedem Dorf einen festen Termin, an dem ein Team der "Ärzte ohne Grenzen" Kinder untersuchte und bei Bedarf therapeutische Nahrung verteilte. Akut gefährdete Fälle kamen direkt ins Krankenhaus.
 

Medizin: Susanne Ärzte ohne Grenzen 2 (Quelle: Ärzte ohne Grenzen, Autor: Yasmin Rabiyan)

 Quelle: Ärzte ohne Grenzen, Autorin: Yasmin Rabiyan
 
Susannes Hauptaufgabe war die medizinische Versorgung der schwerkranken Kinder in der Klinik. Dort betreute sie 20 bis 30 Kinder stationär. Ein großes Problem war, dass das Pflegepersonal, das sie dabei eigentlich unterstützen sollte, sehr schlecht ausgebildet war. So kam zu Susannes Aufgaben neben der Patientenversorgung, der Apothekenverwaltung, dem Schreiben von Dienstplänen und dem Verfassen von Statistiken und Berichten für "Ärzte ohne Grenzen" auch noch die Ausbildung des medizinischen Personals hinzu.

Tag und Nacht im Dienst

Am Wochenende zu arbeiten war für sie bald ebenso selbstverständlich wie in der Nacht. "Die größten Belastungen waren der Schlafmangel, die Hitze – mit Tagestemperaturen von durchschnittlich 56 °C – und das eintönige Essen." Alle sechs Wochen hatte sie ein freies Wochenende, das sie immer in der tschadischen Hauptstadt N'Djamena verbrachte. "Das ist auch von 'Ärzte ohne Grenzen' so angedacht, damit man mal richtig rauskommt aus der Arbeit."
 
Denn sonst sah es mit dem Rauskommen eher schlecht aus. Abgesehen von der großen Arbeitsbelastung lag das auch an der instabilen Sicherheitslage im Tschad. 2009 war ein Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen" nach einem Überfall von einer bewaffneten Gruppe entführt und 29 Tage lang gefangen gehalten worden. Die Sicherheitsvorkehrungen der "Ärzte ohne Grenzen" waren deshalb sehr hoch: Im Dunkeln durfte man nie rausgehen, tagsüber nur in Begleitung.

Mehr Respekt als Angst

Zusätzlich mussten die Projektmitarbeiter stets genau angeben, wohin sie gingen und immer ein Funkgerät dabeihaben. "Vor meiner Ankunft hatte ich schon Angst wegen der Sicherheitslage. Aber wenn man dort lebt, ist es anders. Man kennt die Leute und das ist der beste Schutz, den man haben kann. Denn die Bevölkerung will ja, dass man dableibt. Ich hatte mehr Respekt vor der Situation als Angst."
 

Medizin: Susanne Ärzte ohne Grenzen 3 (Quelle: Ärzte ohne Grenzen, Autor: Yasmin Rabiyan)

Quelle: Ärzte ohne Grenzen, Autorin: Yasmin Rabiyan
 
Und ihr rückblickendes Urteil? "Es war einfach total toll und eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Besonders in einem Projekt für Unterernährung sieht man die Früchte seiner Arbeit natürlich sofort. Die Arbeit für "Ärzte ohne Grenzen" ist nicht nur sehr sinnstiftend, man ist auch stolz auf sich, dass man es schafft und die Strapazen durchhält. Ich will auf jeden Fall wieder ein Projekt machen."

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Kommentar (1)

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  1. jena

    re

    Toll! Respekt! Falls du mal ein zwischending suchst schau dir mal das Aramo Projekt an. Ich glaube die suchen noch einen Arzt. Grüsse

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