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Klausuren, Hausarbeiten, Papierkram: Nichts ist so schwer wie anzufangen. Warum viele Mythen über das Aufschieben überholt sind – und wie man seine Zeit zurückgewinnt.

Es gibt vermutlich eine lange Liste von Dingen, die gerade dringender wären, als diesen Text zu lesen. Mit der Hausarbeit anfangen, zum Beispiel. Das Referat vorbereiten. Den Bafög-Antrag endlich ausfüllen. Aber andererseits ist morgen immer noch Zeit dafür, das ist ja auch noch früh genug.

Warum ist es so schwer, das zu tun, was man sich vorgenommen hat? Jeder zweite Student neigt dazu, die Dinge lieber morgen als heute zu erledigen, das zeigen Studien. Und jeder fünfte zählt sich zu den chronischen Aufschiebern. An vielen Hochschulen gibt es mittlerweile eine "Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" – dann sitzen Dutzende Studenten zusammen in einem Raum und schreiben gemeinsam an überfälligen Hausarbeiten, oft bis tief in die Nacht. Immer neue Bücher zum Zeitmanagement werden gedruckt, und bei den psychologischen Beratungsstellen der Universitäten melden sich Studenten, die es nicht mehr hinbekommen, mit irgendetwas anzufangen.

Glaubt man Rolf Schulmeister, dann ist das Aufschieben eines der größten Probleme an der Uni. Und ein Grund, warum für viele Bachelorstudenten der Stress kein Ende nimmt. Rolf Schulmeister ist Bildungsforscher an der Universität Hamburg. Gemeinsam mit Kollegen aus mehreren deutschen Uni-Städten hat er Studenten gebeten, über fünf Monate hinweg am Ende jedes Tages ihre Arbeitszeit zu protokollieren. Auf etwa 36 Stunden schätzen Studenten in Befragungen ihre Arbeitsbelastung – die Protokolle ergaben im Schnitt nur 23 Stunden. Und sogar nach dem Protokollieren glaubten die Studienteilnehmer noch, deutlich mehr gearbeitet zu haben. Ob die konkreten Zahlen aus Schulmeisters Studie repräsentativ sind für den Durchschnitt der Studenten in Deutschland, ist umstritten. Aber der Unterschied zwischen den gefühlten Arbeitsminuten und den tatsächlichen ist bemerkenswert.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Jetzt ist Schulmeister auf der Suche nach der verlorenen Zeit. "Die Ergebnisse waren für uns erschreckend", sagt er. Seine Stichproben legen auch nahe, dass gute Noten kaum von der Zahl der investierten Stunden abhängen. Wer länger lernt, schreibt also nicht automatisch die besseren Noten. Und während manche ihre Arbeitszeit so effizient nutzen, dass ihnen freie Tage bleiben, verteilen andere die Arbeit über die ganze Woche und können in den freien Stunden zwischendurch kaum abschalten. Schulmeisters Resümee: Die dramatischen Unterschiede bei Zeit und Erfolg hängen nicht allein von Begabung oder Intelligenz ab, sondern vor allem davon, wie man das Lernen organisiert.

Aber: Weniger Aufwand für mehr Erfolg, allein durch gute Planung – das klingt wie ein Vorsatz, den man niemals halten kann. Und wie ein unsympathischer dazu. Zeit optimieren, Pläne einhalten, Checklisten befolgen: Das hört sich eher nach Strebertum an als danach, den Sommer dieses Jahr mal richtig auszukosten. Pünktlich anfangen hat einen ziemlich schlechten Ruf.

Dabei können nur die wenigsten die aufgeschobene Zeit genießen. Den meisten geht es wohl eher wie Carsten*, Pharmaziestudent im 9. Semester: "Seit einem Dreivierteljahr habe ich keine Nacht mehr durchgeschlafen, weil ich mir darüber Gedanken mache, dass ich nicht vorankomme und meine Zeit nicht effektiv nutze." Oder wie Anna*, BWL-Studentin im 4. Semester: "Ich habe ständig ein schlechtes Gewissen und kann gar nicht abschalten. Ich bin total erschöpft, obwohl ich eigentlich den ganzen Tag nichts gemacht habe."

Oft gibt es gute Gründe fürs Aufschieben

Oder wie Tobias*, Philosophiestudent im 14. Semester: "Ich habe Angst vor Hausarbeiten, Angst, mit dem Thema nicht klarzukommen, Angst, die viele Arbeit nicht schaffen zu können." Sie alle haben sich an die Psychotherapie-Ambulanz der Uni Münster gewandt, die sich auf das Aufschieben spezialisiert hat, das "Prokrastinieren". Besonders in höheren Semestern trete Prokrastination oft zusammen mit einer Depression auf, sagt Margarita Engberding, die Leiterin der Ambulanz. Das müsse man ernst nehmen – und beides gezielt behandeln.

Ein bisschen Aufschieben ist allerdings ganz normal. "Einen kleinen Stapel unerledigter Aufgaben haben wir alle, das gehört dazu", sagt Hans-Werner Rückert, Leiter der Psychologischen Beratung an der Freien Universität Berlin. Nicht jeder, der sich mal ablenken lasse oder das Abarbeiten der To-do-Liste auf den nächsten Tag verschiebe, habe deshalb gleich ein Riesenproblem. Wer unter dem Aufschieben nicht leidet, wem es also gelingt, sich Arbeitsstunden freizunehmen und ohne schlechtes Gewissen die Zeit zu genießen, der braucht sich über sein Aufschiebeverhalten auch keine Gedanken zu machen, da sind sich alle Experten einig.

Etwas Unangenehmes erst später zu tun kann durchaus gute Gründe haben. Vielleicht ist die Aufgabe doch nicht so wichtig, vielleicht ist erst mal eine Pause nötig. Und wer durch das Aufschieben nur wenig Zeit für die Hausarbeit hatte, vermeidet so auch eine Enttäuschung: Für nur drei Tage Arbeit ist eine mittelmäßige Note vielleicht noch ganz okay. "Das eigene Selbstwertgefühl wird dadurch erst einmal geschützt", sagt Margarita Engberding von der Universität Münster.

Sind wir zu schwach um Facebook zu widerstehen?

Für diejenigen aber, die ein ernsthaftes Problem haben, wird das Aufschieben verharmlost. "Alles auf den letzten Drücker zu schaffen wird oft als Heldentum empfunden", sagt Margarita Engberding. Das setzt die unter Druck, die nicht anders können. Man müsse sich eben ein bisschen zusammennehmen, heißt es dann, man müsse nur wollen.

Dabei ist es ja nicht so, als wüsste man beim Aufschieben nicht, wie man sich den Stress ersparen könnte. Dass es besser wäre, früher anzufangen. Mit der neuen Staffel von Mad Men zu warten, bis die Arbeit erledigt ist. Einen Plan zu machen und ihn einzuhalten. Man kann Facebook die Schuld dafür geben, dass es nicht gelingt, oder den E-Mails, dem Handy, der Lieblingsserie. Aber Computer und Fernseher kann man ausstellen. Deshalb schwingt beim Aufschieben immer eine Kränkung des Egos mit: das Eingeständnis, schwächer zu sein, als man es gern wäre.

Dabei sind viele Prokrastinations-Mythen längst widerlegt: Aufschieber haben nicht die falsche Einstellung oder weniger Ehrgeiz, sie sind nicht neurotisch, weniger intelligent oder weniger begabt als die Pünktlichen. Das sind Ergebnisse aus Studien der vergangenen 30 Jahre. So lange wird schon an der Prokrastination geforscht.

Überzogene Erwartungen verstärken das Aufschieben

Und obwohl die tieferen Ursachen des Aufschiebens noch immer umstritten sind, gibt es klare Empfehlungen, wie man damit umgehen kann: Die Prokrastinations-Forscher haben festgestellt, dass äußere Deadlines dabei helfen, eine Aufgabe anzufangen, statt sie aufzuschieben. Überzogene Erwartungen, besonders von anderen, verstärken dagegen das Aufschieben, genauso wie die Angst vor negativer Bewertung oder davor, bloßgestellt zu werden. Deshalb sind auch die Hochschulen gefragt, ein Klima zu schaffen, in dem man diesen Erwartungsdruck verhindern kann. Der Hamburger Bildungsforscher Rolf Schulmeister ist überzeugt, dass sogar die Studienstruktur verändert werden müsste: Er schlägt mehr Blockmodule vor, statt alle Fächer gleichzeitig zu lehren. Das helfe denen, die sich vor dem Lernen gruseln.

Für den Einzelnen ist es hilfreich, sich die gängigen Mechanismen des Aufschiebens klarzumachen. Der Ökonom George Loewenstein hat sie untersucht: Er und seine Kollegen ließen die Teilnehmer einer Studie drei Filme zum Ansehen an drei Tagen auswählen. Stand das Datum unmittelbar bevor, wählten die meisten Studienteilnehmer bevorzugt Komödien und Blockbuster aus, für später auch Arthouse-Filme und komplexe Dramen. Sie wollten also nicht bloß Popcorn-Kino, sondern auch anspruchsvolle Filme sehen – nur eben nicht sofort, sondern irgendwann einmal.

Dazu passt die Theorie des Philosophen Don Ross. Er spricht von mehreren Ichs, die ständig miteinander konkurrieren: Das eine Ich will in der Sonne liegen, und zwar nicht nur jetzt, sondern auch morgen und übermorgen. Das andere Ich will langfristige Ziele erreichen. Eigentlich könnten die beiden gut miteinander verhandeln: Jetzt arbeiten heißt später länger in der Sonne liegen. Beim Prokrastinieren gelingt dem Sonnen-Ich aber eine Täuschung, die glauben macht, am nächsten Tag seien die Vorlieben andere, dann sei der bessere Zeitpunkt zum Arbeiten. Ist diese Vorstellung einmal im Kopf, ist der Täuschung schwer zu entkommen.

Klein anfangen

"Prokrastination ist keine schlechte Angewohnheit, die man dadurch loswird, dass man sich ein bisschen zusammenreißt", sagt Margarita Engberding. Viele Probleme entstünden durch dieses verbreitete Missverständnis. Denn wer das Aufschieben in den Griff bekommen will, muss nicht bloß seine Einstellung ändern, muss nicht einfach nur ein bisschen mehr wollen. "Daran fehlt es meist nicht", sagt Engberding. Wichtiger sei es, klein anzufangen: darauf zu vertrauen, dass die Motivation kommt, wenn man seine Arbeitsweise Schritt für Schritt umstellt und dafür Hilfen nutzt. Genau das habe sich in der Prokrastinations-Beratung bewährt.

Die Philosophen Joseph Heath und Joel Anderson schlagen vor, sich einen extended will zu schaffen, einen "erweiterten Willen": Wer sich vom Internet ablenken lässt, muss nicht von selbst Disziplin aufbringen, er kann ein Programm installieren, das bestimmte Seiten blockiert, oder eine Software, die bei der Organisation der Arbeit hilft. Wer weiß, dass er sich mit der Abgabe einer Hausarbeit in den Semesterferien plagen wird, ohne wirklich daran zu arbeiten, kann mit dem Professor bewusst einen früheren Abgabetermin vereinbaren, der dann aber verbindlich ist. Damit entlastet man sich vom Zwang zur Selbstdisziplin und lässt den erweiterten Willen die Arbeit machen.

Das könnte ein Anfang sein, um dem Aufschieben seinen Schrecken zu nehmen, bevor es den Sommer vollends ruiniert. Am besten, man legt gleich heute damit los – oder spätestens morgen. Aber dann...

* Name geändert

© ZEIT ONLINE ( Zur Original-Version des Artikels)

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