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"Wer viel prokrastiniert, hat wenig Erfolg"

Vergütung von Überstunden (Quelle: fotolia, Autor: svort)

© svort - Fotolia.com

Wer viel aufschiebt und sich oft ablenken lässt, ist häufiger Single und verdient weniger, sagt der Psychologe Manfred Beutel. Er behandelt chronische Aufschieber.

Sie haben in einer Studie untersucht, was die Risikomerkmale dafür sind, Dinge aufzuschieben. Wie stellt man fest, ob jemand krankhaft unter Prokrastination leidet?

Manfred Beutel: Prokrastination meint das chronische Aufschieben von Arbeiten, Pflichten oder Erledigungen, obwohl man genau weiß, dass es negative Konsequenzen haben wird, wenn man es tut. Es gibt allerdings verschiedene Formen – darunter sogar ganz bewusste wie die strategische, die ich auch selbst verwende. So habe ich mir angewöhnt, auf eine ärgerliche E-Mail nicht gleich zu antworten. Es ist manchmal sogar hilfreich, Dinge aufzuschieben, weil man Prioritäten setzen muss.

Warum häufen Menschen denn Aufgaben an?

Beutel: Wenn man Dinge vermeidet, die anstrengend sind, Angst machen oder schlicht langweilig sind, dann sind die kurzfristigen Konsequenzen positiv. Man fühlt sich im Moment besser, die Konsequenzen aber folgen irgendwann, mit langfristigen negativen Auswirkungen.

Wann ist das Verhalten krankhaft?

Beutel: Dafür gibt es keine klare Trennlinie – viele Menschen haben sich angewöhnt, ihre Arbeiten auf den letzten Drücker zu erledigen. Diese Strategie ist zwar nicht empfehlenswert, denn es kann ja auch mal etwas dazwischenkommen. Aber von einer Behandlungsnotwendigkeit spricht man nur dann, wenn Schaden entsteht. Wir behandeln zum Beispiel einen Studenten als Patienten, der im 20. Semester ist und seine Prüfungen nicht schafft, weil er nicht konzentriert arbeiten kann. Ihm und anderen helfen wir, damit sie ihr Leben ordnen können.

Wie verbreitet ist krankhafte Prokrastination in der Bevölkerung, und gibt es Gruppen, die besonders häufig davon betroffen sind?

Beutel: Etwa jeder fünfte Deutsche leidet tatsächlich unter seiner Aufschieberei. Diese Zahl stammt aus der Fachliteratur. Aber nur ein kleiner Teil von ihnen ist behandlungsbedürftig krank. Wir haben in unserer Studie herausgefunden, dass es zwei Bevölkerungsgruppen gibt, die besonders anfällig sind: Das sind unter 30-jährige Männer und Arbeitslose.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Beutel: Ja, wir konnten unterschiedliche Ursachen feststellen: Wer meint, alle Zeit der Welt zu haben, bei dem liegt es näher, aufzuschieben, als wenn jemand im Gefühl lebt, seine Lebenszeit ist begrenzt. Das erklärt, warum Jüngere häufiger als Ältere betroffen sind. Ein weiterer Grund ist, dass insbesondere Studenten häufig wenig äußere Struktur im Alltag haben. Wer durch regelmäßige Arbeitszeiten einen strukturierten Tag hat, dem fällt Selbstdisziplin meist auch etwas einfacher. Außerdem sind Jüngere in der Regel stärker medienaffin und nutzen Online-Medien in der Tendenz stärker als ältere Menschen. Aber eine intensive Mediennutzung ist die Ablenkungsquelle per se. Wer vor einer Arbeit sitzt und nicht weiterkommt, beschäftigt sich entsprechend anderweitig: E-Mails checken, irgendetwas googeln oder bei Facebook stöbern. Wir wissen aus der Ambulanz für Internetsucht an unserer Klinik, dass ein substanzieller Teil der Erwerbstätigen sehr viel Zeit vor Computern und Smartphones mit Ablenkung verbringt. Die Möglichkeiten der Prokrastination mit den neuen Medien sind uferlos. Viele Menschen haben Angst, etwas zu verpassen. Sie checken ständig ihre Kommunikationskanäle – und prokrastinieren dadurch. Es braucht sehr viel Disziplin, um nicht in ein solches Ablenkungsverhalten zu verfallen.

Verwächst sich das Phänomen der Aufschieberei mit zunehmendem Alter?

Beutel: In vielen Fällen tut es das. Es gibt aber auch Menschen, die nie gelernt haben zu lernen. Auf die Prokrastination übertragen bedeutet das: Sie haben es nie geschafft, sich hinzusetzen, ihre Zeit zu strukturieren, sich konsequent ihrer Aufgabe zu widmen und das alles eigenständig zu organisieren. Wer das nicht kann, wird nicht erfolgreich sein – weder in der Schule noch im Studium und auch nicht am Arbeitsplatz.

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