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Wenn der Bewerber zum König wird

Eine Gruppe junger Menschen vor einer Kreidetafel [Quelle: Pexels.com, Autor: fauxels]

Quelle: Pexels.com, fauxels

Die Corona-Pandemie hat den Arbeitskräftemangel verschärft. Personal ist in andere Berufe gewechselt. Gerade Gastwirte und Tourismusanbieter legen sich krumm, um Mitarbeiter zu gewinnen.

Derzeit herrscht (noch) große Corona-Freiheit in Deutschland. Die Menschen können ihr Leben in vollen Zügen genießen – und doch sind sie in diesem Sommer auf rot-weiße Bänder in Biergärten gestoßen, die ihnen den Weg zu freien Tischen versperren. Dieses Mal nicht wegen Corona, sondern weil schlichtweg das Personal fehlte, um alle Tische zu bedienen. Mittlerweile ist nicht mehr der Kunde König. Plötzlich hat das Lieblings-Eiscafé mitten im Hitzesommer an einem Tag zu, der sonst nie ein Ruhetag war. Steigt man ins Flugzeug, ist es nicht mehr selbstverständlich, dass auch das Gepäck zuverlässig am Zielort ankommt. Wenn es denn überhaupt aufs Gepäckband kommt und nicht in der Abfertigungshalle des Heimatflughafens gestapelt liegen bleibt.

Mehr als 60 Prozent der Betriebe im Gastgewerbe sind auf der Suche nach Fach- und Hilfskräften. Das ergab eine Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Anfang Juni. Anfang August bilanzierte das ifo-Institut, dass jedes zweite Unternehmen in Deutschland von Personalmangel betroffen sei. Der Arbeitskräfteknappheitsindex ist mittlerweile wieder auf das Spitzenniveau der Vorkrisenjahre geklettert.

Personal wieder so stark gesucht wie vor den Corona-Krisenjahren

Arbeitskräfteknappheits-Index in Deutschland, Februar 2022: Beginn der Corona-Pandemie 

Werte auf einer Skala von 0 bis 10. Höhere Werte signalisieren eine größere Arbeitskräfteknappheit beim Stellenbesetzungsprozess. Grafik: omer. / Quelle: Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung / Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)

Bei Thomas Studanski vom Alt-Oberurseler Brauhaus im Rhein-Main-Gebiet arbeiten normalerweise zehn Festangestellte und 45 Aushilfen. In dieser Saison musste er mit sechs Angestellten und 22 Aushilfen an den Start gehen. 2.000 Euro hat er für die Mitarbeitersuche auf Jobportalen ausgegeben. Im Münchner Gourmetrestaurant Pageou wird jetzt nur noch zeitgleich Urlaub genommen. In den Wochen ist das Lokal dann komplett geschlossen. Aber wo sind all die Arbeitskräfte hin, als die Umsätze in der Branche Tourismus-, Hotel- und Gaststätten von heute auf morgen auf nahezu null Euro gefallen sind? Anika Jansen und Paula Risius vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) haben die Berufswechsel untersucht. Viele ehemalige Kellner und Hotelangestellte sitzen ihren Erkenntnissen zufolge jetzt an der Kasse im Supermarkt, erledigen Arbeiten im Sekretariat oder liefern Pakete und Essen aus.

Der Personalschwund in der Gastro-Branche ...

Mobilität von Beschäftigten nach Berufsgruppen 2021, in Deutschland









Quelle: Bundesagentur für Arbeit 

Ernährung: Lebensmittelherstellung und -verarbeitung, begonnene Beschäftigungsverhältnisse insgesamt: 317.818; Gastro: Tourismus-, Hotel- und Gaststättenberufe, begonnene Beschäftigungsverhältnisse insgesamt: 369.163; Gesundheit: Medizinische Gesundheitsberufe, begonnene Beschäftigungsverhältnisse insgesamt: 591.627; Logistik: Verkehr, Logistik (außer Fahrzeugführer), begonnene Beschäftigungsverhältnisse insgesamt: 893.804; Verkauf: Verkaufsberufe, begonnene Beschäftigungsverhältnisse insgesamt: 614.849 / Grafik: omer. / Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)

"In der Branche Tourismus-, Hotel- und Gaststätten gab es im Corona-Jahr 2020 mit knapp 117.000 besonders wenig Zugänge aus anderen Berufsgruppen", sagt Jansen. "Diese Zahl ist im Jahr 2021 wieder gestiegen auf 146.615. Allerdings gab es auch in diesem Jahr mehr Wechsel aus der Berufshauptgruppe heraus als hinein."

... im Detail

Sozialversicherungspflichtige Beschäftigte, die 2021 den Beruf gewechselt haben und vorher in der Berufsgruppe Tourismus, Hotel und Gaststätten beschäftigt waren

(Top 10, außer Fahrzeugführer)

Abgesehen vom April 2020 blieb die Zahl der Entlassungen branchenübergreifend trotz der Schwere des ökonomischen Schocks in den beiden Corona-Krisenjahren relativ gering. Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nennt dafür zwei Gründe: "Die arbeitsmarktstützende Maßnahme des Kurzarbeitergeldes und die generell herrschende Arbeitskräfteknappheit. Deswegen waren die Arbeitgeber bestrebt, ihr Personal zu halten, und nahmen massenhaft die staatliche Hilfe in der Krise in Anspruch."

Wie eine Sprecherin der Lufthansa sagt, hat es bei der Fluggesellschaft in der Zeit keine betriebsbedingten Kündigungen gegeben. "Für viele Berufsgruppen wurde Kurzarbeit vereinbart, absehbarer Personalüberhang wurde durch Freiwilligenprogramme gelöst." Wie knapp das Angebot an Personal im Luftverkehr – Servicepersonal in der Kabine und technische Fachkräfte wie Flugzeugabfertiger – ist, zeigt eine IW-Studie von Alexander Burstedde und Filiz Koneberg: Im Mai 2022 waren im technischen Luftverkehrsbetrieb demnach nur 0,3 qualifizierte Arbeitskräfte je offene Stelle verfügbar.

Die Reiselust macht Flugbegleiter und Flugzeugabfertiger zu Mangelware

Die Grafik zeigt Arbeitslose je offene Stelle bei Fachkräften im technischen Luftverkehrsbetrieb (orange Linie) und bei Servicefachkräften im Luftverkehr (rote Linie). Die blaue Linie stellt die Flugzeugbewegungen relativ zu Dezember 2019 dar. 

Grafik: omer. / Quelle: Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung, Bundesagentur für Arbeit, Institut der deutschen Wirtschaft / Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)

IAB-Forscher Weber betont, dass vieles in der Krisenzeit gut gelaufen sei. "Schlichtweg falsch ist die Kritik, dass die Unternehmen, bei denen große Personallücken klaffen, zu viele Mitarbeiter hätten gehen lassen." Über fast alle Branchen hinweg seien weniger sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse beendet worden als vor Corona. Dennoch herrscht in einzelnen Branchen extremer Personalmangel. Freie Arbeitsstellen bleiben mittlerweile für gut vier Monate unbesetzt. Auf 100 gemeldete sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen kommen derzeit 189 Arbeitslose – im Jahr 2010 waren es noch 922. Selbst Stellen für Helfer und angelernte Kräfte bleiben für vier Monate vakant.

Arbeitsstellen bleiben länger unbesetzt 

Vakanzzeit gemeldeter sozialversicherungspflichtiger Arbeitsstellen, in Tagen (Jeweils Jahresdurchschnittswerte, im aktuellen Jahr gleitender Jahresdurchschnitt der letzten 12 Monate)

Grafik: omer. / Quelle: Bundesagentur für Arbeit / Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)

Anzahl der Arbeitslosen auf 100 gemeldete sozialversicherungspflichtigen Arbeitsstellen

Grafik: omer. / Quelle: Bundesagentur für Arbeit / Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)

Auch für Helfertätigkeiten wird lange gesucht

Vakanzzeit gemeldeter sozialversicherungspflichtiger Arbeitsstellen nach Anforderungsniveau und Veränderung gegenüber Vorjahreszeitraum, in Tagen (Gleitende Jahresergebnisse von September 2021 bis August 2022)

Grafik: omer. / Quelle: Bundesagentur für Arbeit / Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)

Weber sieht die geringe Zahl der Neueinstellungen als Ursache für den Personalnotstand. Diese hätten sich nur auf geringem Niveau und in zähem Tempo vollzogen: "Zum einen waren die Arbeitgeber aufgrund der krisenbedingten Unsicherheit zögerlich mit Neueinstellungen. Zum anderen waren die Arbeitnehmer weniger wechselbereit als üblich, da sie in einer neuen Anstellung durch die sechsmonatige Probezeit ihren Kündigungsschutz verlieren." 

Abgang aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung am 1. Arbeitsmarkt

Grafik: omer. / Quelle: Bundesagentur für Arbeit / Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)

Rückblickend habe die Bundesregierung mit ihrem staatlichen Krisenwerkzeug der Restart-Prämie, die im Sommer 2021 in Form eines Personalkostenzuschusses in Höhe von 60 Prozent ausgezahlt wurde, zu spät reagiert. "Eine solche Prämie wäre wirksamer gewesen, wenn sie bereits im Frühjahr 2021 zum Ende des zweiten Lockdowns gekommen wäre", sagt Weber. Zur Vereinfachung hätten den Unternehmen die Sozialversicherungsbeiträge je Neueinstellung für einen bestimmten Zeitraum erlassen werden sollen – statt ihnen die Hilfen auf Antrag auszuzahlen. Die durch die Pandemie verstärkte Verknappung von Personal wird durch einen zugrundeliegenden Trend am Arbeitsmarkt noch verschärft: Wer kann, arbeitet gerne weniger. Die Teilzeitquoten steigen – bei Männern und Frauen.

Wie sich dieser Teilzeitwunsch gepaart mit dem Personalnotstand in der Tourismusbranche auswirkt, zeigt das Beispiel der Primus-Linie, eines Frankfurter Anbieters von Schiffsfahrten auf Rhein und Main. Teils dauern diese Fahrten bis zu zehn Stunden und erfordern Vollzeitkräfte. Angesichts der Personallücken greift das Unternehmen zu einer unkonventionellen und teuren Lösung: Es fährt Angestellte, die nur einen Teil der Fahrt arbeiten und bei einem Zwischenhalt von Bord gehen, mit dem Taxi hin und her. So sieht es aus, wenn der Bewerber zum König wird.

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