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"Wir wollen keine Kuschelnoten"

Jura studieren (© Corgarashu - Fotolia.com)

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e-fellows.net-Alumnus Paul Hauser setzt sich zusammen mit Stipendiat Felix Wendenburg für ein breiteres Mittelfeld bei der Jura-Notengebung ein. Im Interview erklärt er seine Beweggründe - und antwortet auf Einwände aus der e-fellows.net community.

Paul, warum setzt du dich jetzt noch, nach Abschluss deines Jura-Studiums, für eine veränderte Notengebung im Jurastudium ein?

Natürlich gibt es viele, die nach dem Examen mit der Notengebung ihren Frieden machen und sich sagen: "Warum soll es denen, die nach mir kommen, besser gehen?" Mir hat sich aber der Sinn der Handhabe der juristischen Notenskala auch im Rückblick nicht erschlossen. Deren negative Effekte sind meines Erachtens gravierend, da kann man nicht einfach drüber hinwegsehen.

Welche negativen Effekte sind das?

Die Notenskala reicht bei den Juristen ja von 0 bis zu 18 Punkten. Im Staatsexamen landen über die Hälfte der Absolventen in den Bereichen "ausreichend" und "befriedigend". Das ist ein sehr enger Korridor für die Masse der Leute. Dabei wäre es für den Arbeitsmarkt wichtig, dass es hier mehr Abstufungen bei den Noten gibt, um die einzelnen Absolventen besser einordnen zu können. Gleichzeitig besteht ein breiter Korridor zwischen 9 und 18 Punkten. Nahezu jeder Topjob ist mit 9 Punkten zu bekommen - im Wortlaut ist das aber ein "vollbefriedigend". Da stimmt die Relation nicht. Die Notenskala muss schließlich die Leistung abbilden - alles andere ist demotivierend. Der derzeitige Gebrauch der Skala hat mehr etwas von "Aburteilen" und "Kleinhalten" als von "Überzeugen" und "Motivieren".

In einer Umfrage in der e-fellows.net community hat sich die Mehrheit aber für eine Beibehaltung des Systems ausgesprochen. Ist das typisch für diejenigen, denen es mit dem laufenden System ja gut geht?

Schwer zu sagen. Je besser die eigene Note, desto leichter fällt einem natürlich das Transponieren - also das "Umrechnen" auf eine imaginäre angemessenere Notenskala. Von daher ist so ein Ergebnis nicht völlig überraschend. Je schlechter man abschneidet, desto dringlicher wird auch das Problem.

Ein e-fellow hat folgenden Fall in die Diskussion eingebracht: "Stell dir vor, zwei Studenten haben eine 1,0 in einer Klausur. Beide haben die Klausur vollständig gelöst. Trotzdem weiß einer von beiden viel mehr als das Verlangte, und der andere gerade genug. Beide haben aber dieselbe Note." Das System sei doch schließlich genau deshalb sehr gut geeignet, um auszudifferenzieren. Was würdest du diesem e-fellow entgegnen?

Natürlich muss die Notenskala die erbrachte Leistung abbilden können. Wenn ein Kandidat wirklich alles weiß, liegt er irgendwo zwischen 12 und 18 Punkten. Diesen Notenkorridor erreicht allerdings nur ein kleiner Teil aller Jura-Studenten. Es mag Fälle geben, in denen ein 16- Punkte-Kandidat tatsächlich vier Punkte besser ist als einer mit 12 Punkten - aber hier ist die Skala sehr weit differenziert, obwohl das im Grunde keinen Arbeitgeber interessiert: Ab 9 Punkten hat man den guten Job sicher. Das Differenzierungspotenzial, das der derzeitige Gebrauch der Skala im oberen Drittel mit sich bringt, ist für den Arbeitsmarkt also praktisch irrelevant und geht vor allem zu Lasten der Motivation aller anderen Studenten, die sich abrackern und trotzdem schlechte Noten und negative Kommentare kassieren.

In der Community wird genau das bezweifelt. So schreibt ein e-fellow, die Bewertung von Prüfungsleistungen sei stets relativ - daher müssten die meisten (also der "Durchschnitt") eben ein "befriedigend" oder "ausreichend" erhalten.

Das Problem ist, dass die Bezugsnorm in den derzeitigen Definitionen der Notenstufen inkonsistent ist. Jemandem, der mit einem Ergebnis zwischen 0 und 3 Punkten durchfällt, wird bescheinigt, seine Leistung sei nicht "brauchbar". Dies ist ein absolutes Kriterium. "Befriedigend" bezogen auf einen Durchschnitt ist hingegen eine relative Bewertung. Unklar bleibt dabei aber, welcher Durchschnitt gemeint sein soll. Der Durchschnitt aller, die die Klausur geschrieben haben? Der Durchschnitt im Bundesland? Oder im Bundesgebiet? Im oberen Bereich der Skala überschlagen sich die Wortbeurteilungen dann mit Superlativen.
Diese Bewertung, die sich nicht durchgängig an einem Kriterium ausrichtet, verleitet dazu, die Skala nicht bei Wort zu nehmen. Felix Wendenburg und ich befürworten deshalb eine absolute Bezugsnorm: Der Prüfer muss für die Klausur ein Lernziel festlegen, und die Note orientiert sich dann daran, inwieweit dieses Lernziel erreicht wurde. Das wäre nachvollziehbar und transparent sowohl für den Korrektor als auch die Studenten.

Ein anderer e-fellow argumentiert, dass man juristische Klausuren nur mit entsprechend Zeit und Muße und sehr guten Kenntnissen "perfekt" lösen könne - also mit einem Wissen, wie es zum Beispiel nur ein Richter haben könne. Deshalb sei es logisch, dass die obere Skala offen gelassen wird.

Es kann aber doch nicht sein, dass es Noten gibt, die für den "normalsterblichen" Studenten praktisch unerreichbar sind - nur weil dafür dann Kenntnisse notwendig sind, die weit über das hinausgehen, was er wissen kann. Die Notenskala muss an die Zielgruppe angepasst sein - ob das nun Erstsemestler oder Examenskandidaten sind. Sonst könnte man ja auch einem Grundschüler, der seine Aufgabe gut gelöst hat, nur eine 3 geben mit der Begründung, ein Siebtklässler könne die gestellte Aufgabe besser lösen. Die Zeitnot in einer Klausur muss man natürlich ebenfalls bei der Bewertung berücksichtigen.

Dass es die absoluten Tobjobs erst ab einem "vollbefriedigend" gibt, sei doch richtig, erklärt ein e-fellow in der Community. Genau wie bei den Absolventen seien auch bei den Jobs nur die oberen 10 bis 15 Prozent "top".

Dem will ich gar nicht widersprechen. Ich muss betonen, dass wir keineswegs für "Kuschelnoten" eintreten. Wenn jemand schlecht ist, muss sich das unserer Meinung nach auch in der Note widerspiegeln. Alles, was wir wollen, ist die Aussagekraft der Notenskala zu erhöhen, um nicht wie bisher negative Motivationseffekte zu erzeugen. Das soll aber nicht dazu führen, dass generell bessere Noten vergeben werden - wir wollen lediglich, dass Bewertungsmaßstäbe konsistent formuliert und dann auch beim Wort genommen werden.

Aber ist die vorgegebene Skala denn wirklich so demotivierend, wie du sagst? Gewöhnt man sich nicht schnell daran und interpretiert 9 Punkte dann eben als eine 1?

Wie ich schon erwähnt habe - je besser man ist, desto leichter fällt natürlich das Transponieren. Aber wer nie über 6 Punkte hinauskommt, bekommt bestimmt leichter ein Motivationsproblem. Ich habe selbst am Lehrstuhl viele Klausuren korrigiert, und die Korrektoren stecken auch in einer Zwickmühle: Bei einer Klausur, die man mit 6 Punkten bewerten kann, wird man darauf achten, sich nicht allzu positiv zu äußern. Man neigt eher dazu, das Negative herauszupicken - nicht zuletzt, um vor Remonstrationen sicher zu sein. So kann keine konstruktive Kritik entstehen, und das sendet die falschen Signale.

Wenn man die Noten ändert, wie ihr vorschlagt - wie sollen die Abschlüsse dann vergleichbar bleiben? Dann hat in einem Jahr die Mehrheit der Jura-Absolventen vielleicht ein "befriedigend" - und im Jahr darauf ein "gut" im Zeugnis stehen.

Wir sind uns der Problematik natürlich bewusst. Solch eine Änderung würde ja nicht von heute auf morgen vonstatten gehen. Durch die sechs Notenstufen, wie wir sie vorschlagen, wäre aber gleich ersichtlich, dass es sich um ein neues System handelt. Außerdem kann man mit dem Argument der möglichen Probleme einer Umstellung jede Reform torpedieren.

Könnte man, statt gleich die Notenskala zu ändern, die Prüfer nicht einfach dazu anhalten, die bestehende Skala besser auszunutzen?

Aber genau dann würde sich doch ein Problem mit der Vergleichbarkeit der Noten ergeben. Mit einer anderen Notenskala gäbe es einen umfassenden, fairen Neustart. Wir sind uns bewusst, dass die tatsächliche Umsetzung unseres Vorschlags noch Zukunftsmusik ist - aber wir freuen uns bereits über die Debatte, die wir angestoßen haben. Wir erhalten auch viele zustimmende Rückmeldungen von Studenten und Prüfern, die die Sache umtreibt. Und dass in der e-fellows.net community so engagiert diskutiert wird, zeigt ja auch, dass das Thema wichtig ist.

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"Perspektiven für Juristen" gibt einen Überblick über Berufsbilder und bietet hilfreiche Tipps für die Studien- und Karriereplanung für angehende Juristen.

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