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"In der Isolation tanzt der Schlafrhythmus leicht aus der Reihe"

 Hand Glas  [Quelle: unsplash.com, Daniel Lincoln]

Quelle: unsplash.com, Daniel Lincoln

Der Japaner Nito Souji lebt seit zehn Jahren in häuslicher Isolation – freiwillig. Im Interview erklärt er, wie er dabei nicht verrückt wird. Und wie er sich fit hält.

Seit rund zehn Jahren wohnt Nito Souji in Kobe in selbst gewählter Isolation. 1998 wurde dieses Phänomen als "Hikikomori" bekannt (deutsch: sich einschließen), mittlerweile leben in Japan geschätzt eine Million Menschen als Eremiten. Was für einen Großteil der Weltbevölkerung im häuslichen Lockdown eine psychische und physische Belastungsprobe bedeutet, ist für Souji Alltag. Wie man nicht verrückt wird, wie wichtig Sport und Schlafregeln sind und wie bedeutend die Hoffnung ist, erklärt Nito Souji im Interview.

ZEIT ONLINE: Herr Nito, Sie leben seit zehn Jahren freiwillig in Ihrer Wohnung in Isolation. Warum?

Nito Souji: Als Student habe ich in Tokio gelebt und Orientalistik studiert, ich war aber nicht besonders gut. Um zu überleben, habe ich mich danach von Job zu Job gehangelt. Unter anderem war ich Kopierjunge für die japanische Regierung, habe in einem Spätverkauf gearbeitet, war Redakteur für einen kleinen Verlag und habe Medikamente an ein Krankenhaus geliefert. Ich hielt jeden Job für sechs Monate durch und hoffte, dass diese Arbeiten mir beim Schreiben helfen, dass ich auf Geschichten stoße. Ich wollte Schriftsteller werden. Doch es wurde mir alles zu viel, ich war nicht glücklich. Ich konnte es mir nicht mehr leisten, in Tokio zu leben, und in Kobe, meiner Heimat, hatte ich die Möglichkeit, mietfrei in der Wohnung meiner Tante zu wohnen. Deshalb habe ich mich entschieden, hierher zurückzukehren. Hier habe ich vor zehn Jahren mein Leben als Hikikomori begonnen, mit dem Ziel, meinen Rückzug in eine Wohnung als Start in die Selbstständigkeit zu nehmen.

Was bedeutet es, ein Hikikomori zu sein?

Souji: Ich habe realisiert, dass ich mein Leben nicht mehr mit Aufgaben, die ich nicht ausstehen kann, verbringen will. Für mich ist das wie Selbstmord. Ich musste deshalb aus diesem Leben ausbrechen. Hikikomori ist das Ausbrechen aus den Abläufen, indem man einfach zu Hause bleibt.

Verlassen Sie nie die Wohnung?

Souji: Doch, einmal alle zwei Monate gehe ich raus. Wenn ich im Sommer die Wohnung verlasse, ist mein erstes Gefühl: Scheiße, ist das grell!

Was machen Sie dann? 

Souji: Ich gehe zum Friseur und lasse mir die Haare schneiden. Ansonsten bin ich wirklich immer zu Hause.

Und wie ernähren Sie sich?

Souji: Ein Supermarkt bei mir um die Ecke liefert mir alles, was ich brauche. Ich bestelle alles im Internet. 

Wie muss man sich einen Tag in Ihrem Leben vorstellen?

Souji: Ich stehe um zehn auf und wie bei jedem braucht auch mein Kopf einen Moment, um zu funktionieren. Erst lese ich Nachrichten. Danach arbeite ich, dann esse ich und dann mache ich den Abwasch. Nachts schlafe ich.

Wann haben Sie zum letzten Mal einen Freund getroffen?

Souji: Vor zehn Jahren. Damals habe ich mir in Tokio mit einem Freund eine Wohnung geteilt, auch um die Miete zu sparen. Als ich Hikikomori wurde, haben wir uns anfangs noch Mails geschrieben, die ersten ein, zwei Jahre. Danach hatten wir keinen Kontakt mehr. Ich habe mich für mein Leben geschämt. Als Hikikomori hat man ständig diese Stimmen im Kopf: Man sei ein Blutegel, der die anderen aussaugt, eine Schande, ein Fehler im System, ein Versager. Ich schämte mich. 

Was genau war Ihnen peinlich?

Souji: Die japanische Gesellschaft wirft den Hikikomori vor, sie seien psychisch krank. Ein typischer Kommentar ist: Ich solle doch lieber Selbstmord begehen. Die ersten zwei Jahre wollte ich nicht unter Leute gehen, weil mir mein Lebensstil so peinlich war. Nach drei, vier Jahren wurde es besser.

Und wie hat Ihre Familie auf Ihren Rückzug reagiert?

Souji: Es gibt keine großen Auseinandersetzungen oder Diskussionen darüber. Nur einmal sagte meine Mutter, hätte mich meine Tante nicht so gut unterstützt, würde ich wohl noch in Tokio leben. Meine Tante hat nie etwas gesagt und mich immer unterstützt, ohne sich zu beklagen.

Sind Sie einsam?

Souji: Nein, manche Menschen fühlen sich einsam, können damit nicht umgehen. Ich gehöre nicht dazu.

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