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Intelligenzschwemme oder Bedeutungsverlust?

Quelle: Unsplash.com, Nathan Dumlao

Seit 2006 ist der Anteil von Einser-Abiturienten an der Bevölkerung rasant gestiegen. Lernstandserhebungen wie die Pisa-Studien legen dagegen nahe, dass es in Wirklichkeit immer weniger Spitzenschüler gibt.

Im Jahr 2014 lag der Anteil der Einser-Abiturienten an der Bevölkerung im entsprechenden Alter bei 3,3 Prozent. Das waren fast doppelt so viele wie 2006, damals lag der Anteil der Einser-Abiturienten an der Gesamtbevölkerung noch bei 1,7 Prozent. Seit Jahren gibt es immer mehr Einserabiturienten, der Ökonom Wido Geis-Thöne vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat sie nun mit der Bildungsexpansion in der Bevölkerung in Beziehung gesetzt. 2017 hatten 53,3 Prozent der 20 bis 24 Jahre alten Deutschen eine Hochschul- oder Fachhochschulreife, bei den 40 bis 44 Jahre Alten waren es 39 Prozent und bei den 60 bis 64 Jahre Alten nur 26,1 Prozent.

Wie rasch die Bildungsexpansion voranschreitet und das Abitur oder die Fachhochschulreife zum Abschluss für mehr als die Hälfte der Bevölkerung wurde, zeigt der Vergleich mit dem Jahr 2006. Damals war der Anteil der 20 bis 24 Jahre alten mit Abitur oder Fachhochschulreife noch um über 15 Prozent niedriger und lag bei 37,4 Prozent.

Geis-Thöne verweist im Gespräch mit dieser Zeitung darauf, dass es zwar einerseits positiv zu bewerten sei, wenn mehr Menschen höhere Bildungsabschlüsse erreichten, eine Entwertung anderer Schulformen und Abschlüsse aber vermieden werden müsse. Schon jetzt gibt es viele Ausbildungsgänge, für die früher ein Haupt- oder Realschulabschluss genügte und für die sich heute fast nur noch Abiturienten bewerben.

Hinzu kommt, dass die Leistungsanreize für die wirklich Leistungsstarken durch die Inflation der Bestnoten weggefallen sind. Wenn sich schon mit begrenztem Lernaufwand ein "sehr gut" erreichen lässt, gibt es auch keine angemessene Note mehr für Spitzenleister, die außerhalb der Konkurrenz stehen. Dass im Bundesdurchschnitt im Jahr 2017 mehr als doppelt so viele Abiturienten wie im Jahr 2006 den Abiturdurchschnitt 1,0 erreichten, spricht Bände. Der für das Jahr 2017 ermittelte Anteil der Einser-Abiturienten an der Bevölkerung im entsprechenden Alter liegt in Niedersachsen mit 1,9 Prozent weniger als halb so hoch als in Brandenburg und Thüringen mit jeweils 5,3 Prozent. Niedersachsen ist im Westen eines der Länder mit einer restriktiven Notenvergabe. Schleswig-Holstein und Niedersachsen sind die Länder mit den wenigsten 1,0-Abiturienten. Ganz anders Berlin und Brandenburg, sowie Thüringen, wo es eine sagenhafte Intelligenzschwemme gegeben haben muss. Jedenfalls wuchs dort der Anteil der Einserabiturienten (1,0 bis 1,4) von einem Prozent auf 4,7 Prozent (Berlin), von 1,8 auf 5,3 Prozent in Brandenburg und von 2,8 auf 5,3 Prozent in Thüringen.

Schuldirektoren kritisieren zu gute Noten

Wenn es sich wirklich um eine Leistungssteigerung handelte, müsste sich eine solche Entwicklung in Lernstandserhebungen und Pisa-Tests zeigen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Gruppe der Spitzenschüler bei Pisa-Studien wird kontinuierlich kleiner. So war der Anteil der 15 Jahre alten Schüler, die das Höchstniveau im Pisa-Test erreichten, in den Jahren 2006 bis 2015 in Mathematik von 4,5 Prozent auf 2,9 Prozent gesunken. Wahrscheinlicher für die Noteninflation ist ein Rückgang der Leistungsanforderungen. Das gilt nicht für alle Länder, führt aber zu Verwerfungen bei der Studienplatzvergabe in Numerus-Clausus-Fächern. Denn ganz offenkundig dokumentieren die Abiturnoten kein vergleichbares oder gar dasselbe Kompetenzniveau. "Dabei gibt es keine Hinweise darauf, dass sich die großen Länderunterschiede bei den Top-Abiturnoten tatsächlich mit entsprechenden Kompetenzunterschieden bei den Schülern rechtfertigen lassen", heißt es in der Studie des IW. Die Bildungspolitik solle deshalb dafür sorgen, Abiturprüfungen bundesweit so zu vereinheitlichen, dass die einzelnen Abiturnoten dasselbe Leistungsniveau dokumentierten, ohne dass die Leistungsanforderungen weiter sinken.

Die Bundesdirektorenkonferenz mit über 3.000 Direktoren von Gymnasien kritisierte die zu guten Abiturnoten und forderte, das Abitur dürfe nicht einfach eine "Lebensabschnittsbescheinigung sein, sondern müsse ein Qualitätsmerkmal bleiben". Lehrerverbände wie der Deutsche Philologenverband haben zu Anfang dieses Jahres eine strengere Notengebung in der Oberstufe und dem Abitur gefordert. Er hält schon die Übergangsquote auf das Gymnasium für viel zu hoch.

Allein in den Jahren 2006 bis 2016 ist die Übergangsquote von 30 auf 41 Prozent gestiegen. Das hängt auch damit zusammen, dass der Zugang zum Gymnasium selbst in einem Land wie Sachsen nicht mehr geregelt wird, dass die bindende Grundschulempfehlung abgeschafft wurde und es keine orientierende Lernstandserhebung am Ende der Grundschulzeit gibt, von der die weitere Schullaufbahn abhängt. Bildungsforscher verweisen darauf, dass eine Grundschulempfehlung in Kombination mit einem Leistungstest am sinnvollsten wäre. Das hieße jedoch den Elternwillen zu beschneiden und davor schrecken die meisten Länder zurück.

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