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Die schlaueren BWLer?

Mann jubelt vor Laptop [Quelle: © olly, fotolia.com]

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Sie gelten als eierlegende Wollmilchsäue: Wirtschaftsingenieure. Das Fach wird immer beliebter, aber nun gibt es Streit um die Inhalte.

Als Erstes lernen die Studenten, wie man eine Party organisiert. Die "Caipi-Night" ist der Initiationsritus für angehende Wirtschaftsingenieure an der Hochschule Reutlingen. Studenten aus dem ersten und zweiten Semester planen die Feier für mehr als 1000 Gäste, sorgen für Getränke, Service und Sicherheit. Denn wie sollte man besser Projektmanagement lernen als durch ein Projekt, das gemanagt werden will?

Was mit der Party beginnt, geht mit immer größeren Aufgaben weiter, bis die Studenten im sechsten Semester ein Motorflugzeug bauen. "Wir möchten von Anfang an Engagement und Neugier fördern", sagt Jochen Brune, Studiengangsleiter für International Project Engineering, wie das Fach an der Hochschule heißt.

Den Studenten scheint das zu gefallen, denn im neuen Hochschulranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) belegt die Hochschule Reutlingen in der Kategorie "Studiensituation gesamt" einen Platz in der Spitzengruppe – zusammen mit der Hochschule Furtwangen, der Hochschule Harz/Wernigerode und der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken. Im Bereich Wirtschaftsingenieurwesen liegen somit Fachhochschulen deutlich vorne, nur die Universität Bayreuth schafft es in drei der abgebildeten Kategorien in die Spitzengruppe. Besonders beim "Kontakt zur Berufspraxis" haben sich die Fachhochschulen bewährt.

Wirtschaftsingenieurwesen gehört mittlerweile bundesweit zu den beliebtesten Studienfächern. Kein Wunder, zählen ihre Absolventen doch zu den Topverdienern unter den Akademikern. Die Zahl der für das Fach eingeschriebenen Studenten ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Innerhalb von zwei Jahren wuchs sie von rund 56.000 auf 65.000 – mehr als in allen anderen Ingenieurwissenschaften. Damit steht das Fach kurz vor der Top Ten der am stärksten besetzten Fächer in Deutschland. Die Hochschulen bieten auch mehr und mehr Studiengänge an. Rund 300 Bachelorstudiengänge gibt es insgesamt an deutschen Unis und Fachhochschulen, häufiger findet man nur Elektrotechnik und Maschinenbau.

Bereits vor 90 Jahren wurde an der Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg der interdisziplinäre Studiengang "Wirtschaft und Technik" eingeführt. Aber erst in den achtziger Jahren nahm das Fach dann richtig an Fahrt auf. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Wirtschaftsingenieurwesen in einer immer stärker vernetzten Welt noch wichtiger wird.

Wirtschaftsingenieure sind Generalisten. "Das Studium ist hart", sagt Professor Robert Schäflein-Armbruster, Dekan der Fakultät Wirtschaftsingenieurwesen an der Hochschule Furtwangen. "Denn nur wenige sind in Technik, Wirtschaft und kommunikativen Fähigkeiten gleich gut." An der Hochschule Furtwangen werden die Studenten deshalb von Professoren und Mentoren eng begleitet. Wirtschaftsingenieure bräuchten einen Blick für das Ganze, erklärt Schäflein-Armbruster. Das befähige sie später, Führungspositionen zu übernehmen. Ein Anspruch, den viele Studenten des Faches mitbringen: 62 Prozent aller FH-Absolventen eines Wirtschaftsingenieurwesen-Masters möchten gern in einer Leitungsposition arbeiten, ergab eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung.

Der Studiengang ist entweder an der technischen, der betriebswirtschaftlichen oder einer eigenen Fakultät angesiedelt. Bewährt hat sich jedoch eine Mischung aus 50 Prozent Technik und 50 Prozent Wirtschaft.

Doch um genau diesen Punkt gab es gerade erst einen fachinternen Streit. Wer die Berufsbezeichnung "Ingenieur" führen darf, steht in den Ingenieurgesetzen der Bundesländer. Von 2015 an mussten alle Ländergesetze aufgrund einer neuen EU-Vorgabe überarbeitet werden. Die Ingenieurkammern plädierten dafür, mindestens 70 Prozent Mint-Anteil im Studium festzulegen – also Mathematik, Ingenieur- und Naturwissenschaften sowie Technik. "Uns geht es darum, die Qualität zu sichern und den Verbraucher zu schützen", sagt Martin Falenski, Hauptgeschäftsführer der Bundesingenieurkammer.

Der Fakultäten- und Fachbereichstag Wirtschaftsingenieurwesen erwiderte, dass die Studiengänge bereits einer Qualitätssicherung unterlägen. Auch der Verband Deutscher Wirtschaftsingenieure kritisierte die Konzentration auf den Mint-Bereich scharf und sah im Vorstoß der Kammer gar den Versuch, ihren "Einfluss auszuweiten".

"Es gab heftige Diskussionen mit den Ingenieurkammern", sagt Lars Funk, der beim Verein Deutscher Ingenieure für die Bildung zuständig ist. Wenn die 70 Prozent im Gesetz festgehalten worden wären, dann hätte der Wirtschaftsingenieurstudiengang in Zukunft keine Chance mehr, die Berufsbezeichnung zu führen.

Herausgekommen ist ein Kompromiss. In 15 von 16 Bundesländern wurde das Gesetz bereits überarbeitet, die neue Formulierung lautet, dass das Studium "überwiegend" von Mint-Fächern geprägt sein muss. Das lässt genügend Spielraum, damit auch die wirtschaftsingenieurwissenschaftlichen Studiengänge zum "Ingenieur" ausbilden können.

Wie Wirtschaftsingenieure sonst zukünftig hätten heißen müssen, ob "Technisch versierte Generalisten" oder "Die schlaueren BWLer" – darüber ist nichts nach außen gedrungen.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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