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"Wenn du behindert bist, bist du auch blöd"

Rollstuhl, Behinderung, Verkehrszeichen [Quelle. pixabay.com, Autor: MabelAmber]

Quelle: pixabay.com, MabelAmber

Wieso Mitleidsbekundungen für Kommilitonen mit Behinderung nicht helfen und was die Hochschulen auf dem Weg zur Gleichbehandlung besser machen könnten.

Ich stehe im Bahnhof. Freitagabend, endlich Wochenende. Am Bahnsteig blicke ich auf die Anzeigetafel: Verspätung, aber zum Glück nur fünf Minuten. Doch da erfolgt eine Durchsage: "Gleis 10 EC 216 nach Srbckn, Abfahrt ursprünglich 17 Uhr 53, heute circa fnfzn Minuten später".

Was? Hat er jetzt "15 Minuten" gesagt oder "fünf Minuten"? Hektisch werfe ich einen Blick auf die Anzeigetafel. Dort steht immer noch "fünf Minuten". Habe ich mich verhört? Auf dem Bahnsteig ist es sehr laut, Passanten unterhalten sich, rascheln mit Papiertüten, sprechen in ihre Smartphones.

Solche Situationen sind der Horror für mich. Hörsituationen, bei denen es viele Nebengeräusche gibt, die ich herausfiltern muss, um mich genau auf einen Ton zu konzentrieren: im Café, beim gemeinsamen Essen, am Bahnhof. An lauten Orten, wo etwas besonders leise gesprochen wird, verschwinden für mein Ohr die Vokale. Dann bleibt mir nur noch, mir aus den Konsonanten zusammenzureimen, worum es sich handeln könnte.

Ich bin schwerhörig, seit meinem ersten Lebensjahr trage ich ein Hörgerät auf beiden Ohren.

"Wenn du behindert bist, bist du auch blöd"

Toby Käp trägt auch Hörgeräte und macht in seinem Bühnenprogramm Witze darüber: "Mit fast 50 Prozent Hörschaden bin ich zu normal, um behindert zu sein, und zu behindert, um normal zu sein. Mir fehlen fünf Prozent für einen Behindertenausweis. So gesehen scheitere ich seit 29 Jahren an der Fünf-Prozent-Hürde."

Der Spruch könnte glatt von mir sein, mir fehlen zehn Prozent. Grund genug also, mich mit ihm zu unterhalten. Zu meinem Bahnhofserlebnis sagt er ironisch: "Das ist die beste Situation, die du als Hörgeschädigter erleben kannst. Was macht das mit dir? Was passiert da eigentlich?"

Diese Frage stellen sich nicht nur wir beide, sondern auch 264.000 behinderte Studenten (elf Prozent) in Deutschland jeden Tag. Der Comedian Toby und ich gehören zu den zwei Prozent der Studenten, die mit einer Hörbehinderung einen Hörsaal betreten – und dort oftmals auf wenig Verständnis stoßen.

"Viele, die meinen, sie sind sensibel, sind es nicht", erzählt mir Toby, der Theologie und Geschichte studiert hat und seit einigen Jahren mit einem Bühnenprogramm durch Deutschland tourt. Damit will er auf seine Lage und die seiner behinderten Kommilitonen aufmerksam machen, denn viele denken immer noch: "Wenn du behindert bist, dann bist du auch blöd".

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