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Liebe Studenten, Sie verdienen schlechte Noten

Studentin beim Lernen

Quelle: Freeimages.com, IGNACIOLEO

Unis vergeben immer bessere Noten, obwohl die Studenten nicht schlauer werden. Damit schaden sie denen, die es in den Unis sowieso am schwersten haben.

Liebe Studenten, ich weiß, Sie wollen gute Noten haben: Sie wollen zu den Besten gehören und glauben, nur die Einser helfen in Studium und Karriere weiter. Und Sie können sich glücklich schätzen, denn die Noten werden immer besser, und das, obwohl Ihre Kenntnisse, Kompetenzen und Fertigkeiten nicht zunehmen oder sogar abnehmen. Ich kann verstehen, dass Ihnen die guten Noten gefallen. Aber ich muss Ihnen sagen: Mit schlechteren wären Sie besser dran.

Dass die Noten immer besser werden, während die Intelligenz konstant bleibt, ist in den USA bereits nachgewiesen worden. In Deutschland fand der Wissenschaftsrat 2012 heraus, dass Uniabsolventen immer bessere Noten haben – und Mathetests, die Unis oder FH zu Studienbeginn durchführen, geben einen weiteren Hinweis. Vergleicht man diese Mathetestergebnisse mit den Abitur-Noten der Teilnehmer, zeigt sich: Obwohl die Abiturnoten der angehenden Studenten immer besser werden, können Sie nicht besser rechnen als ihre Vorgänger. Viele schneiden sogar schlechter ab. 

Nicht die Studenten kritisieren, sondern das System

Die Studenten haben also bessere Noten und können weniger – aber ausgerechnet Sie, die Studenten, dafür zu kritisieren, wäre falsch. Ja, Sie sollten in der Uni Bruchrechnung beherrschen und Funktionen ableiten können. Sie sollten über die Fähigkeiten verfügen, die Ihnen das Abitur bescheinigt. Aber das Bildungssystem ist dafür zuständig, Sie damit auszustatten. Und das tut es nicht.

In einem System, in dem Eltern Noten mit Druck auf Lehrer und zur Not vor Gericht erstreiten, wo Eltern, Schüler und Studierende Lehrer und Dozenten bewerten und "Zielvereinbarungen" für bestimmte Durchschnittsnoten in Klassen in Arbeitsverträgen für Lehrer stehen, entsteht Inflation. Denn wer gute Noten vergibt, kann seinen Job behalten, der macht Schüler, Eltern und Studenten glücklich und hat seine Ruhe. Und das ist ein Problem.

Gute Noten sind eine angenehme Möglichkeit, Schülern und Studenten Steine statt Brot zu geben. Das ist billig, aber nicht kostenlos. Es erspart allen im Bildungssystem Beteiligten die Dinge zu tun, die richtig sind, aber wehtun. Und das kann aus drei Gründen auf Dauer teuer werden. Vor allem für Sie, liebe Studenten.

Zu gute Noten schaden denen, die es schon am schwersten haben

Erstens zerstören die vielen guten Noten den Signalwert der Note. Chefs fragen sich beim Durchsehen von Lebensläufen: Hat jemand mit einer Eins sich wirklich angestrengt? Und dieser Verlust des Signalwertes steigert die soziale Ungleichheit. Denn wenn jeder eine Eins hat, orientiert sich die Uni oder der Arbeitgeber an anderen Auswahlmechanismen: Bei der Masterbewerbung zählt an besseren Unis inzwischen statt der Bachelornote ein spezieller Test, in Gebieten wie Volkswirtschaft etwa der GMAT. Das bisher absolvierte Studium ist nicht mehr für die Auswahl entscheidend.

Das gleiche gilt, wenn Masterabsolventen auf den Arbeitsmarkt strömen: Assessment-Center werden immer ausgefeilter, weil die Unternehmen der Selektivität der Unis nicht mehr trauen. Das entwertet den eigentlichen Abschluss und bevorteilt Wohlhabendere, denn wer mehr Geld hat, hat auch mehr Zeit für Vorbereitung, zusätzliche Tests und Nachweise.

Zweitens zerstört Noteninflation die Belohnungsfunktion: Wenn jeder eine gute Note bekommt, lohnt sich harte Arbeit sich nicht mehr. Das glauben Sie nicht? Experimente haben es bestätigt: Forscher verglichen Kursen mit hohen Anteilen von Einsern mit solchen, in denen schlechtere Noten verteilt wurden. In den Einserkursen ging der Arbeitseinsatz auf 50 Prozent des Niveaus in den schwereren Kursen zurück. Die Folge: Viele Studenten fühlen sich unterfordert und wissen, dass ihnen die geschenkten Einsen nach dem Studium nicht weiterhelfen werden.

Drittens beeinflussen zu gute Noten Wahlentscheidungen – zum schlechten: Haben Studenten die Wahl zwischen Kursen, die sie kaum weiterbringen, aber mit besseren Noten belohnen und schwereren Kursen, wählen viele lieber die einfacheren Kurse – zumindest solange das nicht bestraft wird. Das führt dazu, dass manche an FHs ihren Bachelor machen, weil sie dort bessere Noten bekommen. Dann stehen sie bei der Masterbewerbung besser da als ihre Konkurrenten, die an einer kompetitiven Uni ihren Bachelor mit schlechteren Durchschnittsnoten absolviert haben.

So könnten die Noten wieder schlechter werden

Was kann dagegen getan werden? Erstens dürfen gute Noten keine Bedingung mehr für weitere Beschäftigung von Lehrern und Dozenten sein: An vielen Fakultäten gilt, je besser die Ergebnisse der Studenten sind, desto mehr Geld erhalten die Fakultäten. Das muss sich ändern. Die Universitäten sollten sich stattdessen an den Juraprüfungen orientieren. Dort gibt es keine Noteninflation, weil die nichtuniversitären Prüfer vom Prüfungsergebnis keine Beförderung oder bessere Bezahlung erwarten können. Dementsprechend gibt es keine guten Noten gratis und die Noten des juristischen Staatsexamens gelten als sehr guter Indikator für die Qualität der Prüflinge.

Zweitens wäre es denkbar, die Notenverteilung auf den Zeugnissen mit anzugeben: Wenn man liest, dass der Notendurchschnitt eines Kurses bei 1,0 lag, ist die Erreichung einer 1,0 Durchschnitt. Wenn der Notendurchschnitt 3,2 war, ist eine 1,0 mehr wert. Auch Ranglistenplätze wären denkbar – wie gut war der Bewerber im Verhältnis zum restlichen Jahrgang?

Die aktuelle Noteninflation führt zu einer Entwertung unserer Schulen und Hochschulen – und steigert die sozialer Ungleichheit. Wird politisch nichts dagegen unternommen, werden teure private Tests, Assessment-Center und Engagements außerhalb des Studiums immer wichtiger. All das sind Faktoren, die Kinder aus sozial schwächeren Familien benachteiligen. Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Es wird Zeit, dass der Staat wieder Verantwortung in der Bildungspolitik übernimmt. Damit die Noten endlich wieder schlechter werden.

© ZEIT ONLINE (Zur Original-Version des Artikels)

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