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Professoren als Lückenbüßer

Ertrinken Hilfe Rettung Not [© Andrey Kuzmin - Fotolia.com]

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Vertretungsprofessoren halten die Stellung an verwaisten Lehrstühlen - für Nachwuchswissenschaftler eine Karrierechance. Oft leiden aber die Studenten.

Für Alexander Schaab lief alles nach Plan. Das dachte er jedenfalls, als er im Winter 2012 die letzten Feinarbeiten an seiner Magisterarbeit in Anglistik erledigte. Seit längerem arbeitete er schon am Anglistik-Lehrstuhl der Universität Würzburg als Tutor, hatte gute Kontakte zu seinem Professor und den Lehrstuhlmitarbeitern geknüpft. Wie man das eben so macht, wenn man auf eine Promotionsstelle hinarbeitet. Doch eines hatte er bei seiner Planung nicht bedacht: dass der Lehrstuhlinhaber noch vor seinem Magisterabschluss emeritiert würde. "Mir war damals nicht bewusst, dass Lehrstühle in der Regel erst einmal eine ganze Weile unbesetzt bleiben, bevor ein Nachfolger übernimmt. Und welche Folgen das hat", erinnert sich Schaab.

In der Übergangszeit, die durchaus mehrere Semester oder gar Jahre andauern kann, übernehmen üblicherweise Vertretungsprofessoren. Der Lehrstuhlbetrieb läuft dann auf Sparflamme. So auch in Würzburg: "Niemand wurde mehr eingestellt, die Vertretungsprofessorin bot auch keine Kolloquien für Doktoranden an", sagt Schaab. "Wie und warum auch? Es war für sie schließlich absehbar, dass die Vertretung nur wenige Semester dauern würde." In der kurzen Zeitspanne kann man kaum sinnvoll eine Promotion betreuen, Nachwuchsförderung betreiben oder Forschungsgelder beantragen. "Alle langfristigen Projekte am Lehrstuhl kommen zum Erliegen", fasst Schaab den Vertretungseffekt zusammen.

Schon wer nur seine Bachelor- oder Master-Arbeit an einem interimistisch besetzten Lehrstuhl schreiben will, muss mit der Unsicherheit leben, dass Betreuerin oder Betreuer vor Ende der Arbeit den Lehrstuhl schon wieder verlassen könnten. Für ehrgeizige Studenten, die an einer akademischen Karriere arbeiten, ist jedes Semester an einem vertretungsweise geführten Lehrstuhl verlorene Zeit. Nach einem Jahr, in dem er für wenige hundert Euro je Semester Lehraufträge an seinem alten Lehrstuhl übernommen hatte, aber noch immer keine Perspektive auf eine Promotionsstelle sah, gab Schaab auf. Er wechselte an eine andere Universität. "Hätte ich gewusst, wie das mit den Vertretungsprofessuren läuft, hätte ich mich gleich anderswo beworben", sagt er. Den Vertretern will er nicht einmal einen Vorwurf machen. "Das ist einfach ein strukturelles Problem", sagt der Doktorand.

Schon längst keine ehrenvolle Aufgabe mehr

Das sieht auch Michael Hartmer so. Der Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbands (DHV) gibt zu, dass die Praxis der Lehrstuhlvertretungen für Studenten meist "nicht so lustig" sei. Grundsätzlich sei das Procedere aber sinnvoll: "Berufungsverfahren für neue Professoren dauern nun einmal eine Weile. Auch mehrsemestrige Beurlaubungen für Forschungsaufenthalte von Professoren müssen in einem lebendigen Wissenschaftsbetrieb möglich sein", sagt Hartmer. Vertretungsprofessuren seien eine traditionsreiche und erprobte Möglichkeit, um solche Phasen zu überbrücken - und eröffneten zudem dem wissenschaftlichen Nachwuchs die Chance, sich zu profilieren und Erfahrungen in der Leitung von Lehrstühlen zu sammeln. Allerdings würden die Bedingungen für die Vertreter und damit auch für die Studenten immer schlechter, beklagt Hartmer: "Das Problem ist, dass die Sitten an den Universitäten bei der Besetzung solcher Stellen zunehmend verlottern."

So sei die Vertretung eines Lehrstuhls früher eine ehrenvolle Aufgabe gewesen, die in der Regel mit vollem Professorengehalt und allen akademischen Rechten ausgestattet gewesen sei. Heute erhielten Vertretungsprofessoren immer häufiger prekäre Verträge: "Da werden Vertreter etwa nur nach einer niedrigeren Besoldungsstufe bezahlt, manchmal nur auf dem Niveau von Lehrbeauftragten", berichtet Hartmer über die Situation an vielen Universitäten. Anderswo würden Professorenstellen über Jahre hinweg mit Vertretern besetzt, deren Verträge immer wieder nur für jeweils ein Semester verlängert würden. "Man kann den Verdacht nicht von der Hand weisen, dass Universitäten mit solchen Praktiken systematisch ihre Budgets entlasten", kritisiert Hartmer. Manche Fakultäten würden ohne niedriger dotierte Vertretungsprofessuren finanziell gar nicht mehr über die Runden kommen. Kein Wunder also, dass sich die Berufungsverfahren oft lange hinziehen. Leidtragende sind dann vor allem die Studenten, räumt Hartmer ein: "Für sie bedeutet das, dass eine für sie ohnehin schon nicht optimale Situation länger als nötig anhält."

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