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Wirtschaft stellt mieses Zeugnis aus

Studentin Lernen Konzentration [© WavebreakmediaMicro - Fotolia.com]

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Die Hochschulen kommen viel zu langsam voran – vor allem bei der Digitalisierung und den Mint-Fächern.

"Die Unternehmen sind unzufrieden mit der Entwicklung der Hochschulbildung", sagt Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes der Wirtschaft für die Wissenschaft. "Hochschulabsolventen sind noch viel zu wenig digital und praxisbezogen ausgebildet", fasst er das Ergebnis des neuesten "Hochschul-Bildungs-Reports 2020" zusammen, der dem Handelsblatt vorliegt. Und hat auch gleich eine Forderung an die künftige Regierung parat: "Um schnell voranzukommen, brauchen die Hochschulen auch wesentlich mehr Geld – vor allem um den Digitalisierungssprung zu bewältigen."

Akribisch verfolgt der Stifterverband seit 2010 zusammen mit McKinsey die Entwicklung der Hochschulen: Jährlich messen sie anhand von 71 Indikatoren die Entwicklung auf sechs Feldern. Das Zeugnis zur Halbzeit ist besorgniserregend: Das System ist zwar internationaler, durchlässiger und heterogener geworden, "es geht aber nicht schnell genug", so Volker Meyer-Guckel, Vize-Generalsekretär des Verbandes. "Der Wandel hin zu einem digitalen, flexiblen und optimal berufsvorbereitenden System ist noch nicht geschafft."

Es fehlen 95.000 Datenspezialisten

Konkret fehlen in Deutschland nach einer Arbeitsmarktanalyse im Report etwa 95.000 Datenspezialisten sowie 24.000 Lehrer für ein Pflichtfach Informatik. "Die Anzahl der Studienanfänger in den Mint-Fächern ist außer im Lehramt zwar gestiegen, es mangelt aber weiter an Informatik-Studierenden und Mint-Studentinnen", warnt Jürgen Schröder, Senior-Partner bei McKinsey – "für die Unternehmen ist das ein deutlicher Wettbewerbsnachteil."

Stifterverband und McKinsey empfehlen daher, die Einrichtung von Data-Science-Education-Programmen, die allen Studenten im Bachelorstudium die grundlegenden Datenanalysefähigkeiten vermitteln müssten. Zudem seien viel mehr gezielte Kooperationen von Hochschulen und Unternehmen bei der Vermittlung von Datenanalysekompetenzen nötig – beispielsweise durch Hackathons. Viel zu gering ist auch die Zahl der Informatiklehrer – nur 1,6 Prozent wählen dieses Fach. Hier hofft der Stifterverband auf den vom Bund versprochenen Digitalpakt für die Schulen.

Frauen mit "Bindestrich-Fächern" anlocken

"Deutschland darf bei den Mint-Kräften nicht den Anschluss verlieren", warnt Simone Bagel-Trah, Henkel-Aufsichtsratschefin und Mitglied im Präsidium des Stifterverbandes. Ein Dauerproblem ist das in Deutschland besonders geringe Interesse von Frauen an Mint-Studienfächern. Im Feld Mathe/Informatik/Naturwissenschaften ist ihr Anteil in fünf Jahren sogar leicht auf 36 Prozent zurückgegangen – in den Technikfächern dümpelt er bei 23 Prozent. Um mehr Frauen anzulocken, sollten die Hochschulen mehr die für Frauen offenbar sehr attraktiven "Bindestrich-Studiengänge" anbieten. Beispielsweise in der Informatik kämen Fächer wie Bio-, Medien- oder Medizinische Informatik auf Frauenanteile von bis zu 42 Prozent – in der Informatik allgemein stellen sie nur ein Viertel.

Mangelnder Praxisbezug

Sehr schwach fällt die Halbzeitbilanz beim Praxisbezug des Studiums aus. Dieser hat sich aus Sicht der Studierenden in den vergangenen Jahren "nicht verbessert, sondern insbesondere an Universitäten teilweise sogar verschlechtert", mahnt der Report mit Blick auf die einschlägigen Befragungen. An den Universitäten ist nur jeder dritte Student mit der Vermittlung von Praxiswissen zufrieden, selbst an den traditionell anwendungsorientierten Fachhochschulen ist es nur jeder zweite.

"Theorie und Praxis müssen viel früher miteinander verknüpft und die Berufsfeldorientierung stärker berücksichtigt werden", fordert der Stifterverband daher. Dazu müssten vor allem die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Unis Instrumente wie Fallbeispiele, aber auch konkrete Berufsorientierung endlich flächendeckend integrieren. Mitschuld trägt allerdings auch die Wirtschaft selbst, räumt der Report offen ein: Wegen des Mindestlohns für Langzeitpraktikanten hätten viele Unternehmen Plätze abgebaut.

Hochschule zementiert die soziale Selektion

Als strukturelles Problem benennt die Studie die soziale Selektion: Dieses in Deutschland besonders ausgeprägte Übel des Schulsystems "setzt sich an den Hochschulen fort". "Eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben nur etwa halb so viele Nichtakademiker- wie Akademikerkinder", stellt Meyer-Guckel fest. Danach höre die Selektion aber nicht auf: Nur acht von 100 Nichtakademikerkindern erwerben den Master gegenüber 45 Kindern aus Akademikerhaushalten. Und während jedes zehnte studierte Akademikerkind dann promoviert, ist das nur bei jedem 100. Arbeiterkind der Fall. Das schmälert den Talent-Pool für den Arbeitsmarkt.

Als Gegenmittel empfehlen Stifterverband und McKinsey eine Reform des Bafögs: Die Förderung müsse vor allem den Nachwuchs aus einkommensarmen Schichten besser fördern – aber auch solche, die 30 Jahre und älter sind, und erstmals studieren oder sich weiterbilden, also etwa nach Jahren der Praxis einen Master draufsatteln wollen.

Bis zu 80.000 Flüchtlinge könnten studieren

Nicht vorbereitet sind die Hochschulen nach Überzeugung der Autoren auf den wünschenswerten Ansturm der Flüchtlinge: Bis 2020 dürften diese rund 40.000 Studienplätze benötigen, haben die Autoren erstmals für den Report berechnet. Es könnten aber auch doppelt so viele sein, wenn fehlende Sprachkenntnisse, Gesundheitsprobleme und finanzielle Hürden beseitigt würden.

"Die Motivation vieler Flüchtlinge ist in den ersten Monaten nach ihrer Ankunft besonders hoch", sagt McKinsey-Partnerin Solveigh Hieronimus. Das Potenzial sollte besser genutzt und die Prozedur von der Einreise bis zum Studienbeginn durch mehr Vorbereitungskurse der Hochschulen verkürzt werden.  

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