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Ich bin eine Hausarbeiten-Produktionsmaschine

Verzweiflung Lernen Studium Studieren Prüfung Examen Klausur Bücher [Quelle: Fotolia, Kurhan]

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Unsere Autorin hat ihre elfte Hausarbeit abgegeben. Was sie dabei vor allem gelernt hat: Literaturverwaltung perfektionieren. Intensive inhaltliche Arbeit? Keine Zeit.

Vor Kurzem habe ich meine elfte Hausarbeit abgegeben. Bis ich meinen Master fertig habe werde ich noch drei weitere schreiben. Ganz ehrlich: Mir reicht’s.

Im ersten Semester war ich euphorisch: Ich wollte mich ausführlich auf ein Thema konzentrieren, wissenschaftliches Arbeiten lernen. Das erste Mal musste ich eine eigene sozialwissenschaftliche Umfrage durchführen: Fremde Leute auf der Straße anquatschen, ihnen persönliche, indiskrete Fragen stellen - "Wie wichtig ist Ihnen Umweltschutz?" und "Wie hoch ist ihr monatliches Einkommen?" - und anschließend die Ergebnisse analysieren. Oder mich endlich einmal aus politikwissenschaftlicher Sicht mit dem großen Weltgeschehen auseinandersetzen: Wie hat sich seit der Salman Rushdie Affäre europäische Außenpolitik gegenüber Ländern des Nahen Ostens verändert?

Die Euphorie ist weg. "Ich habe fast alles aus den ersten Arbeiten vergessen", das habe ich oft von Freunden gehört.

Natürlich lerne ich mit jedem Thema ein bisschen mehr: Welche Implikationen haben Freihandelsabkommen? Was meint Edward Said im Detail mit Orientalismus? Und warum sind Rohstoffvorkommen für Staaten oft gar kein Segen? Für eine wirklich intensive Auseinandersetzung mit diesen Themen bleibt mir allerdings gar keine Zeit, weil die nächste Hausarbeit drängt. Und für eine gute Note muss ich das sowieso nicht.

Ich habe verstanden, worauf es ankommt. Vor allem auf ein gutes Gerüst: Ist die Argumentation schlüssig? Habe ich eine klare Forschungsfrage? Ist der Aufbau logisch? Habe ich methodisch sauber gearbeitet? Kann ich die Grenzen meiner Arbeit kritisch reflektieren? Und zitiere ich korrekt? Dafür muss ich keine sechs Jahre studieren. Das hatte ich schon im Bachelor irgendwann begriffen.

Ich wurde immer schneller im Hausarbeitenschreiben, vor allem, weil ich meine Literaturverwaltung perfektioniert habe: Für Arbeiten mit vielen Texten nutze ich ein spezielles Programm. Für Arbeiten mit weniger Quellen notiere und sortiere ich Stichwörter in Wordtabellen. Alle meine schriftlichen Arbeiten wurden sehr gut bewertet. Aber ich bin frustriert.

Und wieder das Deckblatt anpassen

Ich fühle mich wie eine Hausarbeiten-Produktionsmaschine. Wenn ich in den Semesterferien in der leisen, bis auf den letzten Platz besetzten Bibliothek vor dem Bücherstapel sitze und das Deckblatt einer alten Hausarbeit für die Neue anpasse - dann habe ich vergessen, was mich an diesem Studium so interessiert. Dabei wollte ich doch nach meinem Abschluss mit Wissen, Zitaten und Namen um mich schmeißen können. Wirtschaftspolitik wirklich verstehen. Analysieren können, wie wir Rassismus und andere Ungerechtigkeiten dieser Welt überwinden werden.

Ich würde lieber einen eigenen Dokumentarfilm über gescheiterte Flüchtlingspolitik drehen. Auf einem Plakat Ursachen für die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa erklären. Ein Hörspiel aufnehmen, in dem zwei Theorien miteinander diskutieren. Eine Seminarstunde gestalten. Eine Podiumsdiskussion organisieren und moderieren. Ja, ich glaube, ich hätte sogar lieber wieder eine mündliche Prüfung als nur noch Hausarbeiten. Das sind keine Spinnereien - es gibt Studiengänge an deutschen Unis, da sind solche Prüfungsformen möglich.

Und für diese müsste ich mich immer wieder anders und deshalb intensiver mit Fakten und Argumenten auseinandersetzen. Ich würde mehr lernen, als ein fehlerfreies Literaturverzeichnis zu erstellen.

Liebe Unis, bitte lasst uns freier entscheiden, wie wir Prüfungen erbringen wollen. Löst euch von dieser verstaubten Idee, Master of Arts dürfe sich nur nennen, wer 14-mal Argumente über mindestens zehn Seiten logisch aufbauen kann, sich kreativ ausdenkt, warum das Thema jetzt relevant ist, korrekt zitiert, die wichtigen Quellen verwendet - und eine Worddatei einwandfrei formatiert.

© ZEIT Online (Zur Original-Version des Artikels)

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