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Erst Auslandsstudent, dann Auswanderer

Reisen Ausland Großstadt [Quelle: Pexels.com]

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Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat Generationen von Studenten ins Ausland vermittelt. Manche kehren nicht zurück. Fünf von ihnen erzählen, warum.

Nowosibirsk

Ende der 1980er Jahre lernte man in den Schulen der DDR Russisch als erste Fremdsprache, meist ohne besonderen Elan, bei Lehrern, welche die Sowjetunion vorrangig aus Büchern kannten. Während der Wende fast vergessen, bekam Russisch im Studium dann wieder eine Bedeutung. Kommilitonen planten ihre Auslandssemester in den Vereinigten Staaten oder Spanien. Ich entschied mich für Russland, damit das Vokabelpauken von damals nachträglich noch einen Sinn bekam.

Russland war in diesem Moment aus den schlimmsten Krisen herausgewachsen, ein neuer Präsident namens Wladimir Putin stellte das Land neu auf. Eine Mittelschicht bildete sich heraus, der Autoverkehr stieg – ein ideales Arbeitsfeld als Verkehrsingenieur mit dem Spezialgebiet Verkehrsökologie. Denn für Begriffe wie Nachhaltigkeit gab es im Russischen nicht mal eine Übersetzung.

Verkehrsökologen beschäftigten sich mit auslaufendem Öl, aber nicht mit Verkehrsplanung. Sowohl mein Dresdner Professor als auch der DAAD unterstützten die Idee einer Diplomarbeit über "Ökologische Verkehrsentwicklungen in Nowosibirsk". Journalisten griffen die eigenartigen Ideen des deutschen Studenten gern auf – auch wenn sie über Stadtbahn-Konzepte, Park & Ride oder kostenpflichtige Straßenbenutzung eher lächelten. Meiner russischen Partnerin zuliebe blieb ich dann in Nowosibirsk. Inzwischen bezeichne ich sowohl Russland als auch Deutschland als Heimat.

Einige meiner Ideen sind inzwischen Konsens, beispielsweise experimentiert Nowosibirsk endlich mit einer Fußgängerzone. Meine Kinder wachsen zweisprachig auf, in meinem Freundeskreis finden sich sowohl Russen als auch Deutsche. Beruflich hat es mich in die IT verschlagen. Seit über zehn Jahren leite ich für ein Schweizer Software-Unternehmen das Entwicklungszentrum in Nowosibirsk. Ohne meine Sprachkenntnisse, das technische Studium und die interkulturelle Erfahrung wäre die Zusammenarbeit mit Kollegen und Geschäftspartnern in dieser Form sicher nicht möglich.

Norbert Schott

Kapstadt

2002 erhielt ich ein DAAD-Stipendium, um meinen „Honours Degree“ im Fach Ethnologie (Social Anthropology) an der University of Cape Town (UCT) zu absolvieren. Nach dem erfolgreichen Abschluss kehrte ich an die Uni Köln zurück, um noch meinen Magister fertigzustellen. Dann begann die Vorbereitung meiner Doktorarbeit, für die ich Ende 2004 ein Kurzzeit-Stipendium des DAAD bekam. Es erlaubte mir, alle nötigen Daten für den Antrag meines Forschungsprojekts in Südafrika zu sammeln. Die nächsten drei Jahre verbrachte ich mit meiner Feld- und Literaturforschung für mein Projekt, das Teil eines größeren Sonderforschungsbereichs im südlichen Afrika war. Als dieses Projekt Ende 2007 auslief und meine Doktorarbeit noch weit von der Fertigstellung entfernt war, entschloss ich mich, dennoch in Kapstadt zu bleiben. Gerade hatte ich meine sozialen Kreise in Südafrika aufgebaut, da wollte ich in Köln nicht wieder von neuem anfangen.

Als Deutsche in Südafrika eine Arbeitsgenehmigung zu bekommen ist jedoch gar nicht so einfach. Ein Unternehmen muss nachweisen können, dass die Stelle, die man einnimmt, nicht durch eine lokale Arbeitskraft ausgeübt werden kann. Und so begann ich 2008 eine kurze Karriere bei der Lufthansa im Service-Center, zunächst als Agentin am Telefon, dann in der Rolle eines "Customer Service Managers", in der ich für den Service der Swiss in Deutschland verantwortlich war. Die Doktorarbeit ließ mir jedoch keine Ruhe, und ich entschloss mich, 2010 einen neuen Versuch zu starten. Ich transferierte mein Projekt nach Rücksprache an die UCT und arbeitete knapp zwei Jahre an der Dissertation. Leider gelang es mir in der Zeit nicht, mit meiner Doktormutter auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Vermutlich hatte ich mich in der Zwischenzeit zu weit vom rein wissenschaftlichen Denken entfernt. Nach rund 20 Monaten warf ich das Handtuch und habe seitdem nie wieder zurückgeblickt.

Zunächst unsicher, wie ich meine Karriere weiter aufbauen sollte, begann ich Ende 2011 im Service-Center von Amazon hier in Kapstadt zu arbeiten. Was als Übergangsjob begann, hat sich über die letzten Jahre zu einer blühenden Karriere für mich entwickelt. Ich leite ein Team von vier Teammanagern und rund 60 Agenten, die deutsche Kunden von Amazon betreuen. Auch wenn das für eine Ethnologin eine etwas ungewöhnliche Karriere ist, so kann ich doch sagen, dass ich jahrelang Menschen studiert habe und das für mich im Arbeitsalltag durchaus ein großer Vorteil ist.

Deutschland vermisse ich hier nicht, wahrscheinlich auch, weil ich täglich mit Deutschen in Verbindung stehe. Meine Familie hätte ich natürlich gern etwas näher, aber dank des digitalen Zeitalters ist es ja auch nicht mehr so schwierig, in regelmäßigem Kontakt zu bleiben. Einmal im Jahr fliege ich nach Hause in den hohen Norden (Schleswig-Holstein). Ich kann nur jedem Studenten raten, zumindest eine Zeit im Ausland zu studieren. Die Bereicherung, die der interkulturelle Austausch erbringt, ist durch nichts zu ersetzen.

Anne Schady

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