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Die erste Firma ohne Menschen

Code, Mann, Kapuze, Bunt [Quelle: pixabay.com, Autor: Gerd Altmann]

Quelle: pixabay.com, Gerd Altmann

Dezentral, autonom, menschenlos: Die Investmentfirma DAO existiert nur als Code. 140 Millionen US-Dollar hat sie gesammelt. Zwei Deutsche haben sie programmiert.

Im Silicon Valley dürften einige Risikoinvestoren gerade nervös werden. Ihr Geschäftsmodell wird gerade disrupted. Normalerweise läuft das folgendermaßen: Ein paar aufgeregte Jungunternehmer legen ihnen zitternd einen Businessplan vor, wie sie Firmen oder ganze Branchen durch eine Softwarelösung ersetzen wollen. So wie Amazon es mit Buchläden gemacht hat, Airbnb mit Hotels und Uber mit Taxidiensten.

Sind die Investoren überzeugt, sagen sie, die Branche sei reif für die Disruption und geben ihr Geld gegen Geschäftsanteile am Start-up. Läuft dann alles wie geplant, sind die Firmenanteile der Investoren irgendwann wahnsinnig viel wert – während anderswo Leute auf der Straße stehen, weil ihre Jobs durch eine App ersetzt wurden.

Daher gehören die Risikokapitalgeber des Silicon Valleys zu den mächtigsten Unternehmern der Welt, sie bestimmen die Richtung der Automatisierung. Ihre Macht ist zudem äußerst konzentriert. Es gibt eine Straße, in der praktisch alle wichtigen Risikokapitalgeber in hübschen kleinen Häuschen ihre Büros betreiben, die Sand Hill Road. Daher pilgern so viele deutsche Jungunternehmer dorthin. Sie ziehen zum Geld.

Kapitalisten durch Code ersetzen

Eigentlich wäre das auch der Weg gewesen für die Brüder Christoph und Simon Jentzsch, zwei Programmierer aus der kleinen Universitätsstadt Mittweida in Mittelsachsen. Zusammen mit ihrem Londoner Partner, dem Fintech-Unternehmer Stephan Tual, bauen sie derzeit die Firma Slock.it auf. Slock.it soll eine Plattform für das Internet der Dinge werden, eine Art Airbnb für alles, mit dem sich im kommenden Zeitalter der totalen Vernetzung die ungenutzten Potenziale leerstehender Parkplätze, ungefahrener Autos oder ungenutzter Rechenkapazitäten vermarkten ließen. Die Universal-Sharing-Plattform.

Doch statt sich ins Valley aufzumachen und sich von Investoren vorschreiben zu lassen, wie sie zu arbeiten haben und wer letzten Endes den Profit einfährt, hatten die Gründer eine andere Idee. Sie wollten etwas Neues versuchen und die Kapitalisten durch Code ersetzen.

"Ich finde es nicht richtig, wie stark eine Handvoll Investoren die Entwicklung der Technologie bestimmt", sagt der 31-jährige Christoph Jentzsch. Jede starke Zentralisierung von Entscheidungsprozessen widerspreche seiner politischen Haltung. Also hätten er und seine Partner einfach eine Bauanleitung für eine vollelektronische, dezentrale Investmentfirma verfasst und online gestellt, als "ein soziales Experiment". Sie heißt DAO – Decentralized Autonomous Organisation.

DAO besteht nur aus Smart Contracts und einem E-Voting-System

Dabei hatten sich die drei ein Konzept der Wirtschaftstheorie zunutze gemacht, die Vertragstheorie. Laut der ist eine Firma nichts anderes als ein Netzwerk aus Verträgen, in denen Ziele, Befugnisse und Zeiträume definiert werden. Alles innerhalb der Firma wird durch sie gelenkt, von unten nach oben, ob Maschine oder Mensch. Jeder kennt Arbeitsverträge, die das Handeln der Mitarbeiter steuern sollen. Angestellte "exekutieren" vertraglich vorgegebene Aufgaben. Daher auch der englische Titel CEO – Chief Executive Officer.

Aus der Sicht von Programmierern lässt sich das meist relativ einfach als Programm formulieren, als eine Reihe von elektronischen Wenn-dann-Beziehungen. Smart Contracts heißen solche sich automatisch ausführenden Digitalverträge. In der Theorie sind sie objektiver als Manager, die gerne mal ihre eigenen Interessen über Firmenvorgaben stellen.

Im Fall der DAO ersannen die Slock.it-Gründer ein einfaches Prinzip: Zuerst können sich Interessierte in die Firma einkaufen, indem sie elektronische Token erwerben. So kommt Geld auf das Firmenkonto, also den Fonds. Die Token wiederum repräsentieren Stimmrechte. Nach einer vierwöchigen Tokenauktion zum erstmaligen Geldsammeln kann der digitale Investmentfonds entscheiden, wohin mit dem gesammelten Geld. Das bestimmen die Besitzer der Stimmrechte – in einer elektronischen Abstimmung, ähnlich dem E-Voting. Die DAO ist also im Kern eine Geldsammelmaschine plus Entscheidungsgremium.

Der große Unterschied zu einem normalen Investmentfonds aber ist nicht nur, dass hier anstelle von CEOs und Managern eine Art elektronische Aktionärsversammlung – auch wenn sich Christoph Jentzsch gegen dieses Wort wehrt – entscheidet, sondern vor allem, dass die Firma keinen physischen Sitz hat.

Ihre Adresse lautet: 0xbb9bc244d798123fde783fcc1c72d3bb8c189413.

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Kommentar (1)

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  1. Anonym

    Angenommen, der Wert der DAO liegt bei 144 Millionen. Dann könnte doch ein Multimillionär daherkommen und 145 Millionen investieren. Damit hätte er bei allen Entscheidungen die absolute Mehrheit und kann so seine persönliche Investition in eine Firma um das restliche Vermögen der anderen Nutzer der DAO effektiv verdoppeln. Das funktioniert aber nur so lang, bis ein noch reicherer Multimillionär noch mehr Geld investiert und die Mehrheit an sich reißt. Das erklärt das exponentielle Wachstum der DAO, und die Verlierer sind alle Investoren bis auf den reichsten. Eine geniale Abzocke, die euphorisch als Pyramidenschema bezeichnet werden kann.

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