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Schau an, der Bachelor!

Doktoranden [© apops - Fotolia.com]

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Der Studienabschluss ist mehr wert als gedacht, auch weil Unternehmen die Absolventen für ihre Zwecke weiterbilden.

Das Schlimmste für Christian Dreier war in letzter Zeit nicht, dass der HSV Spiel um Spiel verloren hat. Das Schlimmste für den Hamburger war, dass er seinem Verein dabei nicht einmal beistehen konnte. Neben seinem Vollzeitjob beim Versandhauskonzern Otto hat Christian Dreier, 28, seinen Master in Marketing und Sales gemacht. Donnerstags und freitags endeten die letzten Vorlesungen abends um zehn. Seine Wochenenden begannen Samstagabend um sechs Uhr, bis dahin hatte er Seminar. Die Kosten seines Master-Studiengangs: 10.000 Euro. Die Hälfte davon übernahm Otto.

Christian Dreier hat nicht einfach Glück gehabt. Mehr Arbeitgeber als gemeinhin vermutet kümmern sich um die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Derzeit beschäftigen 23 Prozent der Unternehmen Bachelorabsolventen. Davon unterstützt knapp die Hälfte das Master-Programm. Die meisten übernehmen einen Teil der Studiengebühren, andere zahlen das Gehalt weiter, während die Mitarbeiter in einer Vorlesung sitzen. Jedes dritte Unternehmen übernimmt die Gebühren komplett. Das geht aus der Studie "Karrierewege für Bachelor-Absolventen" hervor, die das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, gefördert vom Bundesbildungsministerium, gerade herausgegeben haben. Für die Studie befragten die Forscher im vergangenen Jahr 1.497 Unternehmen zu ihren Mitarbeitern mit Bachelorabschluss. Die Ergebnisse zeigen: Die Unternehmen kümmern sich!

Dabei ist es nicht ganz einfach, auf die Wünsche der Generation Y einzugehen. Die Jungen wollen einen sinnvollen Job, genug Freizeit, legen sich aber ungern fest. "Um Berufseinsteiger zu binden, nehmen die Firmen hohe Kosten auf sich", sagt die Kölner Bildungsexpertin Christiane Konegen-Grenier, die die Studie für das IW begleitet hat. So steckten 2012 die Unternehmen 326 Millionen Euro ins Studium ihrer Mitarbeiter. Das waren 14 Prozent mehr als im Jahr 2009.

Schaut man auf die Websites von großen Unternehmen, fällt aber auf: Die wenigsten werben offensiv damit, wie sie Weiterbildungen und Master-Programme unterstützen. Den Wirtschaftsprofessor Christian Scholz von der Uni Saarbrücken verwundert das nicht. Scholz war Mitherausgeber der Zeitschrift für Personalforschung, er beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Weiterbildung: "Die Unternehmen investieren nur dann viel Geld in ihre Mitarbeiter, wenn sie glauben, dass es ihnen etwas bringt." Wenn sie aber nicht absehen würden, ob sie der Person nach dem Master einen Karrieresprung anbieten könnten, seien sie eher zurückhaltend bei der Finanzierung. "Sonst wecken sie falsche Hoffnungen unter den Mitarbeitern", sagt Scholz. Schlimmer noch für die Firmen: Wenn die Mitarbeiter nach dem Master das Unternehmen verlassen und die Investition umsonst war.

Auch Otto beteiligt sich nicht bei jedem Mitarbeiter am Master-Studium. Nur wer eine Empfehlung von seinem Vorgesetzten bekommt, erhält ein Stipendium. Zwölf Mitarbeiter werden zurzeit bei ihrem Master unterstützt. Und wenn Christian Dreier sagt, das Studium habe sich für ihn gelohnt, meint er damit auch seine Beförderung. Seit Anfang des Jahres ist er Abteilungsleiter im Controlling. Aber liegt das wirklich an seinem höheren Abschluss? Oder wäre er mit einem Bachelorabschluss genauso weit gekommen? Das zumindest legt die IW-Studie nahe.

Um herauszufinden, welche Positionen und Gehälter Bachelor-Absolventen überhaupt erreichen können, haben die Forscher Absolventen wirtschaftswissenschaftlicher und technischer Fächer befragt. Dabei zeigte sich, dass die Aufgaben, mit denen Bachelor- und Master-Absolventen beider Fachrichtungen betraut werden, sich oftmals kaum unterscheiden. Am Anfang arbeiten sie häufig als Sachbearbeiter oder Projektmitarbeiter. Die Mehrheit der Unternehmen gab an, dass Bachelor-Absolventen bei ihnen sowohl Projekte als auch Abteilungen leiten können.

Die Ergebnisse des IW überraschen auch deshalb, weil die Skepsis gegenüber den neuen Abschlüssen lange Zeit groß war. "Schmalspurstudium!", wurde geschimpft, die Bachelor-Absolventen seien viel zu jung und unerfahren. Noch heute vermitteln Professoren ihren Studenten gern: Erst mit dem Master seid ihr fertige Akademiker.

Bachelorabsolventen in Führungspositionen

Die Studie aber zeigt: Nicht mal in Sachen Gehalt gibt es große Unterschiede zwischen Bachelor- und Masterabsolventen. Das Einstiegsgehalt liegt bei beiden zwischen 30.000 und 40.000 Euro pro Jahr. Das freut natürlich auch die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka: "Damit kommt zum Ausdruck, dass Unternehmen die Kompetenzen schätzen, die Bachelor-Absolventen mitbringen. Der Bachelor-Abschluss ist etwas wert. Und genau das war eines der Ziele der Bologna-Reform."

Allerdings hängen Gehälter in Deutschland stark davon ab, was jemand studiert hat. "Gerade Absolventen mit einem technischen oder wirtschaftswissenschaftlichen Studium haben mit jedem Abschluss gute Einstiegschancen", sagt Kolja Briedis vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW). Im Herbst bringt Briedis mit seinen Kollegen eine Studie heraus, für die er auch Geisteswissenschaftler befragt hat, denen es seit der Studienreform weniger gut gehe. Arbeitgeber wüssten ganz oft schlichtweg nicht, was die Berufseinsteiger können. Einige bekämen monatlich nicht mehr als 2.000 Euro brutto. "Da kann man mit einer Berufsausbildung mehr verdienen", sagt Briedis. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine Studie des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung (Incher) in Kassel, für die 20.648 Absolventen des Abschlussjahrgangs 2011 aus Nordrhein-Westfalen befragt wurden: Die Absolventen der Sprach- und Kulturwissenschaften und von Fächern wie Sport und Kunst sind die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt.

Die Angst, nicht den Erwartungen der Arbeitgeber zu entsprechen, treibt die Studenten in die Master-Studiengänge. 87 Prozent der Bachelor-Absolventen einer Universität machen ein Jahr nach dem Abschluss einen Master.

Jung, erfolgreich und in einer Führungsposition – so wie Mourad Kharis stellt man sich einen Bachelor-Absolventen mit ein paar Jahren Berufserfahrung jedenfalls nicht vor. Nach dem Abitur in Bonn begann er bei der Telekom einen dualen Bachelor im Fach Business Administration. Drei Jahre lang war er abwechselnd im Betrieb und an der Fachhochschule der Wirtschaft in Bielefeld. "Danach wollte ich direkt loslegen und mal sehen, wie weit ich mit dem Abschluss komme", sagt Kharis. Obwohl er bereits Kontakte zur Telekom hatte, musste er nach seinem Studium ein ganz normales Bewerbungsverfahren durchlaufen. Er bekam eine Stelle und arbeitete als Vorstandsassistent. Heute leitet er mit 30 Jahren ein eigenes Team. Mit seinen fünf Mitarbeitern ist er zum Beispiel daran beteiligt, dass das neue Angebot Magenta eins, ein Tarif für Internet, Telefon, Fernsehen und Handy, erfolgreich wird. Davor hatte er ein Jahr lang an einem sogenannten Leadership Development Programme teilgenommen, einer Fortbildung für Führungskräfte. "Ich bin sicher, dass ein Master mich nicht weiter gebracht hätte", sagt Kharis. Bei der Telekom wurde er nie auf seinen Abschluss angesprochen. Nur ab und an fragen ihn Bekannte: Wie hast du das denn ohne Master geschafft? "Denen sage ich, dass man ja nicht alle Pfeile, die man im Köcher hat, gleich am Anfang verschießen muss."

Die Telekom gehört zu den Unternehmen, die schon früh für die neuen Abschlüsse warb. Im Jahr 2004 gründete der damalige Personalvorstand Thomas Sattelberger medienwirksam die "Bachelor Welcome"-Initiative. Die Telekom und andere Arbeitgeber traten damit ganz offensiv auch in Stellenausschreibungen auf. So zeigten sie: Wir legen keinen Wert auf Alter und Zeugnis. Heute haben 70 Prozent der 500 Hochschulabsolventen, die die Telekom jährlich einstellt, nur einen Bachelor. "Wir wollen möglichst früh Talente und Führungskräfte für uns gewinnen", sagt der Pressesprecher Husam Azrak. Für die meisten Jobs brauche man keinen Master.

Das heißt aber nicht, dass die Mitarbeiter sich nicht weiter fortbilden sollen. Otto Academy nennt sich das Weiterbildungsprogramm des Versandhauses, beim Pharmakonzern Bayer ist es die Bayer Academy – bei der Telekom gibt es das Telekom Training. 150 Millionen Euro gibt das Unternehmen im Jahr für die Qualifizierung seiner Mitarbeiter aus. Neben dem Seminar für Führungskräfte hat Mourad Kharis zuletzt ein Rhetorikseminar und einen Kurs zum Thema Innovative Geschäftsmodelle besucht. Zwei bis drei Kurse, heißt es bei der Telekom, besuchten alle Mitarbeiter im Jahr.

Die Klagen über die Qualität des Bachelor-Abschlusses aber kommen in steter Regelmäßigkeit zurück. Bei einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), die vergangene Woche erschien, gaben nur 47 Prozent der befragten 2.000 Unternehmen an, dass die Bachelor-Absolventen den Erwartungen entsprechen. Zu den Unzufriedenen gehörten vor allem kleinere Firmen, Gesundheitsdienstleister und Serviceunternehmen. Dennoch konnten 69 Prozent von ihnen alle für Bachelor ausgeschriebenen Stellen besetzen. Nur 16 Prozent machten die Erfahrung, aufgrund fachlicher Mängel keine passenden Kandidaten gefunden zu haben. Was bei dieser Befragung auffällt: Mit den Master-Absolventen zeigten sich die Unternehmen wesentlich zufriedener.

Und so gibt es Firmen, bei denen ohne Master gar nichts geht. Der Pharmakonzern Bayer etwa stellte im vergangenen Jahr 648 Absolventen ein, davon hatten nur 80 einen Bachelor. Der Grund: "In den Naturwissenschaften, vor allem der Chemie, erwarten die Arbeitgeber, dass ihre Mitarbeiter wissenschaftlich arbeiten und forschen können", sagt der Bildungsforscher Briedis. Das aber lerne man erst richtig im Master-Studium – oder während einer Promotion.

Christian Dreier, der Abteilungsleiter, ist sich sicher, dass auch sein Master nicht völlig umsonst war. "Wer weiß, was noch so kommt." Würden Vorstandsposten oder der Job als Geschäftsführer allein vom Abschluss abhängen, hätte er seine Chancen darauf jedenfalls erhöht.

© Zeit Online (Link zum Originalartikel)

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