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Was kostet der Verrat?

Pfeife (Quelle: freeimages.com, juliaf)

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Verrat könnte sich für Arbeitnehmer finanziell bald lohnen. Geht es nach der EU-Kommission, sollen Mitgliedsstaaten künftig Geld an Mitarbeiter bezahlen, die Informationen aus Unternehmen an Behörden melden und so zur Aufklärung von Wirtschaftskriminalität beitragen. Doch die Whistleblower-Prämie ist riskant und dürfte erheblichen Schaden anrichten - für Unternehmen und Beschäftigte.

Um Missstände in Unternehmen aufzudecken, braucht es jemanden, der sie benennt. Mitarbeiter, die im Betrieb Unrechtmäßigkeiten oder Mängel feststellen, sind als Informanten bestens geeignet - soweit herrscht Einigkeit in Wirtschaft und Politik. Uneins ist man sich indes darüber, wen die Beschäftigten auf Fehler aufmerksam machen sollen. Während die EU-Kommission insbesondere zur Bekämpfung von Kapitalmarktverbrechen eine Prämie für Whistleblower einführen möchte, setzen Arbeitgeber lieber auf interne Lösungen.

Mehr Kontrolle durch Compliance-Abteilungen

Seit dem Siemens-Schmiergeldskandal haben viele deutsche Konzerne neue Strukturen geschaffen, um Korruption zu bekämpfen. So genannte Compliance-Abteilungen wachen darüber, dass Gesetze und Richtlinien eingehalten werden. Auch interne Hinweissysteme, wie das Portal "tell-me" der Deutschen Telekom, sollen es Mitarbeitern, Kunden und Aktionären ermöglichen, Verstöße gegen Gesetze oder Verhaltensregeln zu melden.

Gesetzliche Prämie für Informanten stößt auf Ablehnung

Pläne, das unternehmensinterne Beschwerde-Management durch eine gesetzliche Prämie für Hinweisgeber zu ergänzen, hält Roland Wolf von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) für falsch. "Durch ein solches Belohnungssystem würde gesetzlich motiviert, vertragliche Rücksichtnahme- und Verschwiegenheitspflichten aus Profitinteresse zu missachten. Solche Regelungen könnten allenfalls unternehmensspezifisch getroffen werden. Hinweisgeber sollten nicht wegen des Profits, sondern zum Wohle besonders wichtiger Rechtsgüter der Allgemeinheit oder zum Wohle des Unternehmens auf Mängel hinweisen."

Auch rechtlich seien der Herausgabe von Interna enge Grenzen gesetzt. "Wenn Unternehmen ein eigenes Meldesystem haben, müssen Mitarbeiter dieses nutzen. Behörden dürfen nur eingeschaltet werden, wenn der zuständige Ansprechpartner im Betrieb bei schwerwiegenden Missständen keine Abhilfe schafft oder erhebliche Gefahren für die Allgemeinheit bestehen", erklärt Wolf, der den Bereich Arbeitsrecht der BDA leitet. Das zeigt: Es besteht schon heute die rechtliche Möglichkeit, gegen Missstände im Unternehmen vorzugehen. Umstritten ist jedoch, wie dieses Recht in der Praxis geltend gemacht werden kann.

Meinungsäußerung ist als Menschenrecht geschützt - der Job allerdings nicht

Unzulänglichkeiten öffentlich zu machen, sei für Arbeitnehmer praktisch unmöglich, beklagt Martina Perreng vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Das, obwohl begründete Kritik ein Menschenrecht ist, wie der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte im Fall einer Berliner Altenpflegerin entschieden hat. Die Frau hatte Missstände in ihrem Unternehmen bei der Pflege der Heimbewohner angemahnt und war daraufhin vom Arbeitgeber fristlos gekündigt worden. Zu Unrecht, befand das Gericht. Das Interesse der Öffentlichkeit an mangelnder Altenpflege sei höher zu bewerten als die Angst des Arbeitgebers vor Rufschädigung. Der Klägerin wurden 15.000 Euro Entschädigung zugesprochen - ihren Job hat sie dennoch verloren.

Für Perreng zeigt dieser Fall, dass Arbeitnehmer trotz des Grundrechts auf Meinungsäußerung nicht ausreichend geschützt sind. "Wer möchte, dass Mitarbeiter Missstände ansprechen, muss die Beschäftigten stärker schützen. Solange sie Gefahr laufen, bei einer kritischen Äußerung ihren Job zu verlieren, werden sie sich sehr schwer tun, Probleme im Unternehmen zu thematisieren - Prämie hin oder her".

Vertrauensverlust durch Whistleblowing schwächt Produktivität

Whistleblowing hat nicht nur eine rechtliche Dimension, es kann dem Unternehmen auch wirtschaftlich dauerhaft schaden. "Wenn Mitarbeiter befürchten müssen, von Kollegen beobachtet und verraten zu werden, führt das zu einem Klima des Misstrauens. Das erschwert eine erfolgreiche Zusammenarbeit erheblich, sodass die Produktivität sinkt", sagt Julia Hapkemeyer, Expertin für Arbeitspsychologie und Geschäftsführerin der Organisationsberatung StatEval in Berlin.

Das Schlimme daran: Selbst wenn sich der Verdacht eines Vergehens nicht bestätigt oder der betroffene Mitarbeiter aus dem Team ausscheidet, wirken einschneidende Erlebnisse dennoch nach. "Menschen, die einen Vertrauensbruch erlebt haben, fällt es häufig lange Zeit schwer, sich wieder auf Kollegen zu verlassen, Fehler einzugestehen und Kritik offen zu äußern. Nur durch eine gezielte Teambegleitung lassen sich die Misstrauenskultur im Team beseitigen und die volle Leistungsfähigkeit wieder herstellen", erklärt Hapkemeyer.

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