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Nischen suchen in Flautezeiten

Hängende Segel

Quelle: freeimages.com, uks77

Widersprüchliche Erwartungen an die Konjunkturentwicklung in Deutschland - gespeist durch diverse Umfragen und Forschungsergebnisse - kennzeichnen gegenwärtig das ökonomische Stimmungsbild. 

Kaum ist die Nachricht verdaut, dass ein bedeutendes Forschungsinstitut für das gesamte Jahr 2003 ein leichtes Minus der Wirtschaftsleistung Deutschlands errechnet hat, erfährt der überraschte Prognosenkonsument auf der anderen Seite, dass die Zahl der Analysten, die das Konjunkturtal durchschritten wähnen und einen bevorstehenden Aufschwung sehen, unerwartet stark angestiegen ist. Aus der Summe der Erwartungen, die eng verbunden sind mit Signalen aus dem politischen Raum, scheint sich allerdings ein leichter Optimismus herauszukristallisieren, der auch für den akademischen Arbeitsmarkt Hoffnung aufkommen lässt. 

Studium = Umweg in die Arbeitslosigkeit?

Der Niedergang der New Economy, in der die Akademikerbeschäftigung weit überdurchschnittlich ausgeprägt war, hat seit Ende 2000 in ganz besonderem Maße zu dem scharfen Anstieg der Akademikerarbeitslosigkeit beigetragen. Verstärkt wurde diese Entwicklung noch durch die allgemeine konjunkturelle Flaute. Schnell war diese Entwicklung wieder verbunden mit vergessen geglaubten quälenden Fragen wie "muss man Abiturienten vom Studium abraten?" oder "führt ein Studium heute in die Sackgasse der Arbeitslosigkeit?"

Arbeitslosenquote unter Akademikern gering

Seriöse Forscher und Arbeitsmarktanalytiker weisen dagegen seit Jahren zu Recht darauf hin, dass aufgrund der umfassenden Strukturveränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft in Deutschland wie auch in allen anderen hoch entwickelten Industrieländern der Anteil des akademisch vorgebildeten Personals an allen Erwerbstätigen stark zunehmen wird. Die Richtigkeit dieser Aussage wird auch nicht durch die gegenwärtige Krise widerlegt. Insofern müssen derartige populistische Fragestellungen – auch angesichts der Tatsache, dass die Arbeitslosenquote der Akademiker weit weniger als die Hälfte der allgemeinen Arbeitslosenquote beträgt – mit einem deutlichen Nein beantwortet werden. 

Chancen in der Konjunkturflaute

Kein Zweifel, auch eine stagnierende Volkswirtschaft hat Bedarf an hoch qualifizierten Fach- und Führungskräften. Zum einen gilt es, ausscheidende Kräfte zu ersetzen. Zum anderen eröffnet gerade die gegenwärtige Krise der deutschen Wirtschaft den Besten eine Arbeitsmarktchance. Denn, wenn nicht sie, wer dann soll die Unternehmen aus der Krise heraus führen? Umgekehrt mussten ab und zu auch junge dynamische Heißsporne ihren CEO-Sessel räumen. Im Wachstum waren sie gefragt. Jetzt nehmen deutlich ältere Manager (zum Teil wieder) deren Platz ein. Den gestandenen Fahrensmännern und -frauen trauen die Anteilseigner einfach mehr Krisenbewältigungspotential zu. Auch das Wachstum des Arbeitsmarktes für Interimsmanager, auf dem sich überwiegend Ältere bewegen, deutet darauf hin, dass Lebenserfahrung und Berufserfahrung zumindest für Top-Positionen ein interessantes Merkmal geworden sind.

Gefragt: Controller und Qualitätsmanager

Ein weiterer Trend betrifft das Qualitätsmanagement. Offenbar setzen die Unternehmen zunehmend mehr darauf, durch eine Optimierung ihrer Arbeitsprozesse Rationalisierungsreserven zu heben: eine in Krisenzeiten durchaus sinnvolle Reaktion. Im Fokus steht nämlich nicht mehr der Ausbau des Unternehmens, sondern der Versuch, der im früheren Wachstum wuchernden Prozesse wieder Herr zu werden. Das ist ein Grund dafür, dass erfahrene Controller nach wie vor von vergleichsweise guten Arbeitsmarktaussichten ausgehen können, besonders wenn sie im Qualitätsmanagement versiert sind.

Gestiegen: offene Stellen für Verkaufsleiter

Aber auch für andere Berufe gab es im ersten Halbjahr Licht am Horizont. So stieg die Zahl der Stellenangebote für Verkaufsleiter mit Hochschulabschluss um fast ein Drittel. Die Notwendigkeit, bei zurückhaltender Konsum- und Investitionsneigung Marktanteile zu halten, zwingt die Unternehmen, in diesem Bereich mehr hoch qualifiziertes Personal einzusetzen als früher. 

Gesucht: kleines Unternehmen, viele Akademiker

Für Biologen mit Studienschwerpunkten in den Bereichen Molekularbiologie, Biochemie oder Bio- oder Gentechnologie eröffnen sich gute Beschäftigungsmöglichkeiten in innovativen Bereichen, etwa in kleinen Unternehmen der Biotechnologie, die einen hohen Akademisierungsgrad haben, auch in größeren Unternehmen der Pharmabranche oder im Medizinumfeld. 

Arbeitslosigkeit unbekannt: Ärzte

Ärzte gehören nach wie vor zu den Ausnahmeerscheinungen am Akademikerarbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit ist seit der gemeinsamen Erfassung für Gesamtdeutschland im Jahr 1992 gegenwärtig auf einem historischen Tiefstand. Klinische Einrichtungen suchen händeringend nach Fachärzten, und Assistenzärzte haben kaum noch Probleme, eine entsprechende Weiterbildungsstelle zu finden. Auch im niedergelassenen Bereich gibt es – vor allem in ländlichen Regionen – seit geraumer Zeit Anzeichen eines besorgniserregenden Ärztemangels. 

Steht der nächste Lehrermangel vor der Tür?

Auch Lehrer für Sonderschulen, Haupt- und Realschulen sowie vor allem Berufsschulen treffen auf eine hohe Nachfrage aus dem öffentlichen Schulwesen der westlichen Länder. Das gleiche gilt für Gymnasiallehrer mit gefragten Fächerkombinationen (vor allem Naturwissenschaften). Der Lehrerbedarf kann nicht ausreichend mit den zur Verfügung stehenden Hochschulabsolventen besetzt werden. Fast alle Bundesländer im Westen sahen sich daher genötigt, Seiteneinsteigern, wie Ingenieuren und Naturwissenschaftlern den Weg in den Schuldienst zu ermöglichen. Auch in den kommenden Jahren wird der Lehrerbedarf nur schwer durch nachrückende Junglehrer – trotz wieder steigender Studentenzahlen – zu decken sein. Zur Zeit sind deutlich mehr als 40 Prozent aller Lehrer über 50 Jahre alt (1992: 26 Prozent). Auch eine Erhöhung des Stundendeputats kann im Bereich der Mangelfächer kaum Abhilfe schaffen. So ist zu erwarten, dass der in den vergangenen beiden Jahren forcierte Quereinstieg auch weiterhin Einstiegschancen für andere Berufsgruppen offen hält. 

IT-Fachkräfte: nicht zu schwarz malen

Auch für IT-Fachkräfte ist der Arbeitsmarkt durchaus nicht so schlecht, wie es die Horrorzahlen über extrem steigende Arbeitslosenzahlen und Nachfragerückgänge suggerieren. Verlierer sind und waren nicht die durch einschlägige Hochschulausbildungen und entsprechende Erfahrungen qualifizierten und zertifizierten Fachkräfte, sondern vor allem das Heer der Seiteneinsteiger, die in der Hochphase der New Economy in den verschiedensten Funktionen willkommen waren aber in der Krise als erste auch wieder ihren Arbeitsplatz räumen mussten. 

Super Chancen: Programmierer für Midrange Server

Während der gesamten Phase der Konjunkturschwäche hatte und hat zum Beispiel die kleiner werdende Gruppe der System- und Anwendungsprogrammierer im Bereich der Midrange Server (z.B. AS/400), die in RPG programmieren können, hervorragende Arbeitsmarktchancen, da junge Hochschulabsolventen sich in diesen speziellen Segmenten kaum noch auskennen. Entsprechende Konfigurationen im Midrangebereich laufen zum Teil seit über einem Jahrzehnt vor allem bei mittelständischen Unternehmen und im Rechnerverbund für eine Vielzahl von Anwendungen äußerst stabil; aus diesem Grund gibt es gerade in Phasen konjunktureller Schwäche wenig Anlass, in neue Systeme zu investieren. Deshalb sind Programmierer mit umfassenden RPG-Kenntnissen nicht nur gefragt, um die aktuellen RPG-basierten Anwendungen zu betreuen, sondern auch, um neue Anwendungen zu entwickeln. 

Gewinner bei Verlusten: Insolvenzrechtler

Von Januar bis April 2003 wurden über 33.000 Insolvenzen in Deutschland gezählt. Das bedeutet einen Zuwachs von 26,1 Prozent gegenüber den ersten vier Monaten des Vorjahres. Gewissermaßen natürliche Gewinner dieser Entwicklung sind entgegen den allgemeinen Arbeitsmarkttrends für Juristen die Fachanwälte für Insolvenzrecht. Mit der Zunahme der Insolvenzen stieg auch ihre Zahl. Hatten die Rechtsanwaltskammern Anfang 2000 erst 30 dieser Spezialisten zugelassen, lag die Zahl Anfang 2003 schon bei 373, Tendenz steigend.
 

Das Manuskript war die Grundlage für eine entsprechende Veröffentlichung des Autors in der FAZ am 2. August 2003.

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