AI@Strategy-Konferenz: KI spart Arbeit. Aber woher kommt künftig die Erfahrung?
Einsatz von Künstlicher Intelligenz: Was heute nach Effizienzgewinn aussieht, könnte morgen zum Problem für den Fach- und Führungskräftenachwuchs werden. Denn Erfahrung lässt sich nicht genauso automatisieren wie die Arbeit, aus der sie entsteht. Unternehmen brauchen deshalb neue Wege, um Talente zu fördern – und sollten damit früher beginnen als bisher.
Für eine Marktanalyse recherchieren und die wichtigsten Ergebnisse in Folien zusammenstellen: Für Berufseinsteiger:innen waren solche Aufgaben wichtig, um zu lernen, Informationen zu hinterfragen, Fehler zu erkennen und Entscheidungen vorzubereiten. Heute liefert KI in Minuten, wofür früher Tage nötig waren. Doch wie lernen junge Talente dann künftig, die Qualität dieser Ergebnisse zu beurteilen?
Auf der AI@Strategy-Konferenz der TU München am 7. und 8. Oktober 2026 zeigte Jacqueline Ng Lane, Professorin an der Harvard Business School, deutlich, wo die Reise hingeht: KI wird Tätigkeiten, für die nur wenig Urteilsvermögen nötig ist, automatisieren oder vollständig eliminieren. Das gilt auch für die eben beschriebene Präsentation: Was bisher ein Junior Analyst erarbeitet hat, übernimmt künftig weitgehend die KI.
Wenn die Einstiegsarbeit wegfällt
Für Unternehmen klingt das zunächst nach Effizienzgewinn und Einsparpotenzial. Parallel dazu sind bereits erste Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt zu erkennen. Eine im August 2026 aktualisierte Studie des Stanford Digital Economy Lab zeigt: In den USA liegt die Beschäftigung von 22- bis 25-Jährigen in stark KI-exponierten Berufen inzwischen 19 Prozent unter dem Niveau weniger betroffener Berufe. Der Unterschied entsteht vor allem durch weniger Neueinstellungen, nicht durch Entlassungen.
Doch damit stellt sich eine grundlegende Frage, die auch auf der Konferenz immer wieder aufkam: Was passiert mit dem Fach- und Führungskräftenachwuchs, wenn Unternehmen die Arbeit automatisieren, an der junge Talente wachsen sollen?
Wer später einen schwierigen Kundenkonflikt lösen, ein Team führen oder Entscheidungen verantworten muss, braucht mehr als (scheinbar) perfekte Ergebnisse auf Knopfdruck. Er muss erlebt haben, wie Entscheidungen entstehen – und was passiert, wenn sie falsch sind. Nicht umsonst fiel auf der Konferenz immer wieder ein Begriff: judgement – die Fähigkeit, auch unter Unsicherheit abzuwägen und Verantwortung zu übernehmen.
Zeit für Neues
Wenn Künstliche Intelligent Aufgaben schneller erledigt, sparen Unternehmen zunächst Zeit, nicht zwangsläufig Geld. Sie können die gewonnenen Stunden nutzen, um neue Produkte zu entwickeln, Angebote zu verbessern oder Ideen umzusetzen, die bisher liegen geblieben sind. Ob daraus tatsächlich etwas wird, hängt von den Menschen ab: Sie müssen Chancen erkennen, Prioritäten setzen und andere für ihre Ideen gewinnen.
Die Lernkurve neu organisieren
Im Podiumsgespräch betonte der Deutschlandchef eines großen Beratungsunternehmens, dass Unternehmen auch künftig Berufseinsteiger:innen brauchen und gezielt in deren Qualifizierung investieren müssen. In einem anderen Panel wurde die Notwendigkeit hervorgehoben, auch in Zeiten von KI eine "sustainable leadership pipeline" aufrechtzuerhalten. Denn Unternehmen profitieren von Erfahrung – und automatisieren zugleich einen Teil der Arbeit, durch die sie bisher entstanden ist.
Das bedeutet nicht, junge Talente weiter Folien erstellen zu lassen, nur damit sie beschäftigt sind. Es bedeutet, ihnen früher Aufgaben zuzutrauen, bei denen mehr gefragt ist als ein fertiges Ergebnis. Etwa eine KI-generierte Analyse kritisch zu hinterfragen, unterschiedliche Interessen in einem Projekt auszugleichen oder eine eigene Empfehlung vor erfahrenen Kolleg:innen zu vertreten. Entscheidend ist, dass junge Menschen dabei selbst Verantwortung übernehmen dürfen und ehrliche Rückmeldungen bekommen.
Recruiting neu denken
Wenn KI Routineaufgaben übernimmt, kommt es umso stärker auf die Fähigkeiten der Menschen an, die Ergebnisse bewerten und Entscheidungen treffen. Das verändert auch das Recruiting: Unternehmen sollten Talente nicht nur auswählen, sondern bereits vor der Einstellung herausfordern und fördern.
Warum also nicht schon im Studium damit beginnen? In Fallstudien und Praxisprojekten können Studierende Erfahrungen sammeln und zeigen, wie sie denken, argumentieren und Probleme lösen. Unternehmen wiederum erkennen früh, wer Potenzial mitbringt, und können Talente für sich gewinnen.
Wer die Chancen von KI nutzen will, sollte deshalb nicht nur planen, welche Arbeit wegfällt. Sondern auch, woran die Talente von morgen wachsen sollen.